Der Bad Boy der Endzeit

Wer bitte ist der Antichrist?

Früher waren einige Christen der Meinung, dass Muammar al-Gaddafi der Antichrist sei
Ist der Antichrist ein zukünftiger Kämpfer gegen Gott und seinen Plan der Rettung? Ist er ein Horrorkind wie Damien im Film «Das Omen»? Oder beschreibt er eher eine Denkweise? Was steht dazu in der Bibel?

Für manche war der 20. Oktober 2011 ein trauriger Tag. Nicht so sehr, weil dies der Todestag von Muammar al-Gaddafi war, dem libyschen Regierungschef und «Chef aller Terroristen», wie ihn manche bezeichneten. Doch an diesem Tag mussten sie sich eingestehen: Gaddafi war wohl doch nicht der Antichrist, als der er von einigen jahrelang gehandelt wurde. Die Trauer dauerte jedoch nicht lange, denn schon bald fanden diese Christen neue Kandidaten für diese schillernde Figur der Bibel. Sie stehen damit in einer langen Tradition.

Die Liste der Antichristen ist lang

Gerade hat die US-Serie «Southpark» satirisch behauptet, dass Donald Trump der Vater des zukünftigen Antichristen sein soll, wobei auch der US-deutsche Tech-Milliardär Peter Thiel mit seiner Spionagesoftware «Palantir» eine wichtige Rolle spielt. Offensichtlich abwegig ist auch der Vorwurf, dass Superstar Taylor Swift entweder selbst der/die Antichrist sein soll oder ihn als Kind mit ihrem Partner Travis Kelce zur Welt bringen soll. Trotz ihrer Absurdität haben solche Vorwürfe etliche Anhänger (gehabt): So sollten neben Hillary Clinton und Barack Obama auch Saddam Hussein und Osama bin Laden der Antichrist sein, genauso wie Hitler, Stalin, Napoleon oder Ludwig XIV. Dazu kommt eine lange Liste an Päpsten, die sich oft gegenseitig bezichtigten oder nach Geburt der protestantischen Kirche von dort als Antichrist bezeichnet wurden. Aber auch Firmen und Dinge galten als Antichrist wie das Internet, der Strichcode auf Waren oder Monster Energy Drinks mit ihrem Krallen-Logo. Herausstechen aus dieser Liste tut Aleister Crowley (1875-1947), ein britischer Okkultist, der sich sogar selbst als Antichrist bezeichnete.

Was steht eigentlich in der Bibel?

Die lange Liste der antichristlichen Kandidaten legt es bereits nahe: Wo so viel Raum für Vermutungen ist, steht nur wenig als Grundlage zur Verfügung. Und so ist es. Genau viermal kommt das Wort Antichrist im Neuen Testament vor und weitere Ergänzungen sind zumindest missverständlich (nicht jede Erwähnung eines «Bösen» oder «Gesetzlosen» meint automatisch den Antichristen). Was steht nun konkret über den Antichristen in der Bibel – wenn er denn überhaupt als Person beschrieben wird?

«Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind jetzt viele Antichristen aufgetreten; daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist.» (1. Johannes, Kapitel 2, Vers 18In seinem Brief beschreibt Johannes den Antichristen als ein Zeichen der letzten Zeit, die für ihn allerdings bereits angebrochen ist. Es scheint diesen Antichristen allerdings auch in der Mehrzahl zu geben.

«Wer ist der Lügner, wenn nicht der, welcher leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet.» (1. Johannes, Kapitel 2, Vers 22Wenige Verse später beschreibt Johannes das Wesen des Antichristen, das darin liegt, Gott, den Vater und den Sohn zu leugnen.

«Jeder Geist, der nicht bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist nicht aus Gott. Und das ist der [Geist] des Antichristen, von dem ihr gehört habt, dass er kommt; und jetzt schon ist er in der Welt.» (1. Johannes, Kapitel 4, Vers 3Zwei Kapitel weiter spricht Johannes nicht mehr von einer Person, sondern vielmehr von einem antichristlichen Geist.

«Denn viele Verführer sind in die Welt hineingekommen, die nicht bekennen, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist — das ist der Verführer und der Antichrist.» (2. Johannes, Vers 7Das letzte Vorkommen des Begriffs bestätigt die vorigen, ohne Neues beizutragen: Auch hier ist von einer Mehrzahl die Rede, von Verführung und Verleugnung des Christus. Aber diese vier Bibelstellen sind alles, was direkt über den Antichristen gesagt wird. Punkt.

Und was ist mit dem Tier aus dem Meer?

Natürlich berichten die Autoren der Bibel an vielen Stellen von starken Gegnern Gottes. Sie beschreiben das Böse und nennen zerstörerische Mächte. Am bildhaftesten geschieht dies in der Offenbarung des Johannes. Wenn dort in Kapitel 13 ein Tier mit sieben Köpfen, zehn Hörnern und zehn Kronen beschrieben wird, das ein Mischwesen aus Panther, Bär und Löwe ist und «einen Namen der Lästerung» trägt, dann ist dies definitiv kein gutes Wesen. Es unterscheidet sich allerdings so deutlich von dem vorher beschriebenen Antichristen, dass eine Gleichsetzung zunächst einmal nicht naheliegt. Dasselbe gilt auch für andere Vorkommnisse im Neuen Testament wie den «Menschen der Sünde (oder Gesetzlosigkeit)», den Paulus im 2. Thessalonicherbrief nennt. Bei all diesen Vorkommen gibt es Parallelen zum Antichristen, die aber nie zweifelsfrei dasselbe Wesen beschreiben.

Vorsicht scheint angebracht

Bei diesem kleinen Blick auf Bibelhintergründe zum Antichristen geht es nicht darum, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Johannes warnt vor dieser Person, diesen Personen beziehungsweise der Einstellung dahinter, die Gott verleugnet. Das steht ausser Frage! Dessen Eigenschaften auf jemanden wie den antiken Kaiser Nero oder einen Menschen von heute anzuwenden, scheint in Anbetracht der langen Liste von Fehlurteilen ziemlich fragwürdig. Offensichtlich lädt der schillernde Begriff «Antichrist» gerade dazu ein, ihn mit anderen Beschreibungen des Bösen zu einer Person zu verschmelzen. Aber wer in diese Richtung denkt, sollte die vier konkreten Bibelstellen nicht vergessen und das beachten, was sie nicht enthalten: weder Angstmache noch Antisemitismus, weder Polemik noch Verschwörungsgedanken.

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Datum: 26.03.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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