Ein Leben mit Sprachbarrieren

Berufen, um zu sehen, was andere nicht hören

Das Leben der gehörlosen Kinder in Bolivien ist schwierig (Symbolbild)
Seit über 30 Jahren leben Sara und Andreas Kolb als gehörloses Ehepaar in Bolivien. Ihr Herz schlägt für Gehörlose, die das Evangelium nicht in ihrer Sprache hören können. Sie unterrichten Gottes Wort in Gebärdensprache und unterstützen Gehörlose.

Alles begann 1986 mit einem Diavortrag der SMG-Mitarbeiterin Elisabeth Maag. Andreas, selbst gehörlos, war tief bewegt von den Bildern aus Riberalta, einer Kleinstadt im bolivianischen Amazonasgebiet, in der Gehörlose es sehr schwer hatten.

Andreas erzählt: «Eine Gehörlosenschule in Riberalta wurde nach einigen schwierigen Umständen geschlossen und blieb drei Jahre ohne Leitung. In dieser Zeit hatten gehörlose Kinder kaum Zugang zu Bildung oder geistlicher Begleitung. Da wusste ich sofort: Dahin will ich gehen!»

Ende 1994 heiratete Andreas die Bolivianerin Sara in Cochabamba und seither wirken sie gemeinsam im missionarischen Dienst. Zunächst in Cochabamba, dann 17 Jahre in Riberalta, wo Andreas als erster gehörloser Schulleiter von Bolivien die Gehörlosenschule wiedereröffnete und in «Arca Maranatha» umbenannte. «Arca» steht für die Arche als Schutz- und Bildungsort für gehörlose Kinder, der ihnen neue Lebensperspektiven eröffnet, und «Maranatha» bedeutet «Unser Herr kommt». Sara leitete den Kindergarten. Als Schulleiter in Riberalta erarbeitete Andreas eine neue Lehrmethode für Gehörlose. Diese wurde sogar amtlich anerkannt. Der damalige Bildungsminister von La Paz hat sie damals für alle Gehörlosenschulen in Bolivien weiterempfohlen.

Mission unter Gehörlosen: Sichtbar machen, was oft übersehen wird

Seit 2015 arbeiten Andreas und Sara in Tarija, wo sie eine christliche Gemeinde für Gehörlose gegründet und einen neuen Fokus auf digitale Bibelarbeit entwickelt haben. Was macht ihre Arbeit besonders? «Im Grunde tun wir, was viele Missionarsfamilien tun – nur auf etwas andere Art, und in der Welt der Gehörlosen», sagt das Paar. Sie übersetzen und lehren die Bibel in bolivianischer Gebärdensprache, evangelisieren vor Ort und online und unterstützen Gehörlose auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Während der Covid-Zeit entstand ein digitales Bibelstudium über Zoom. Dieses Angebot wurde bald bekannt unter gläubigen Gehörlosen und führte zu vielen neuen Kontakten über die Landesgrenze hinaus, im ganzen spanischen Sprachraum.

Öffentlichkeitsarbeit, Dolmetscherschulungen und Gebärdensprachkurse gehören genauso dazu wie seelsorgerliche Gespräche oder Gottesdienste per Zoom mit Teilnehmern aus der ganzen Welt. Tief berührt sind sie vom gewachsenen Vertrauen: «Vielen Gehörlosen müssen wir zuerst helfen, die Gebärdensprache zu erlernen, denn es ist die Voraussetzung für die Verständigung durch Gebärden. Und so entwickelt sich auch das Gefühl der Zugehörigkeit.» Gehörlose erleben dadurch ganz neu, wie das Evangelium durch visuelle Sprache verstanden werden kann.

Die Realität gehörloser Bolivianer

Das Ehepaar unterstützte die Bildung gehörloser Kinder in Bolivien

Der Alltag bolivianischer Gehörloser ist geprägt von Hürden. Das Bildungssystem im Land ist nicht auf die Gehörlosen angepasst, so können viele weder lesen noch schreiben. Dadurch fehlt ihnen der Zugang zu Bildung, Alltag und der Bibel. Besonders schwerwiegend ist, dass gehörlose Kinder oft nicht in die Gesellschaft integriert sind. Viele Familien lernen keine Gebärdensprache und können daher nicht mit ihren eigenen Kindern kommunizieren, was oft zur Bevormundung durch die Eltern führt.

Ausgrenzung geschieht nicht nur in Schulen oder im sozialen Umfeld, sondern beginnt häufig im eigenen Zuhause. Viele arbeiten in einfachen handwerklichen Berufen und sind meistens Hilfsarbeiter, weil ihnen höhere Ausbildungen verschlossen bleiben. Kommunikation findet fast überall in Lautsprache statt. Wo Dolmetscher fehlen, bleiben Arztbesuche, Ämtergänge und selbst Gottesdienste unverständlich. Doch überall dort, wo ein freiwilliger oder bezahlter Dolmetscher an ihrer Seite steht, öffnet sich für Gehörlose eine Tür in die Gemeinschaft.

Gehörlos und gesegnet

Für Andreas und Sara ist ihre Gehörlosigkeit kein Handicap, sondern Teil ihrer Berufung: «Wir danken Gott, dass wir gehörlos sind. Denn so können wir andere Gehörlose auf Augenhöhe erreichen.» Dabei werden sie immer wieder durch den Vers aus Jesaja Kapitel 29, Vers 18 ermutigt: «An jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören.» Ein Vers, der sie durch schwierige Zeiten trägt.

Herausforderungen begleiten sie seit Jahren: medizinische Notlagen im Amazonasgebiet, mangelndes Schulmaterial, Bürokratie oder politische Umbrüche. Ihre Mission war nie einfach. Doch Gottes Führung war stets erfahrbar.

Gelebter Glaube als Familie

Ihre zwei hörenden Söhne sind mit Gebärdensprache aufgewachsen und unterstützen heute die Arbeit der Eltern. Der Ältere lebt in der Schweiz, der Jüngere ist Pilot in Bolivien. Beide übersetzen regelmässig und sind Zeugen eines Glaubens, der von Anfang an im Alltag gelebt wurde.

Sara und Andreas Kolb sind ein gehörloses SMG-Mitarbeiterehepaar in Bolivien

Obschon Andreas und Sara bald pensioniert werden, wollen sie weiterwirken. Ihre Vision bleibt dieselbe: Das Evangelium soll alle erreichen. Insbesondere auch jene, die nicht hören können. Sie wünschen sich, dass mehr Gemeinden Gehörlose aktiv in den Gottesdienst miteinbeziehen, Dolmetscher fördern und ihre Mitglieder ermutigen, die Gebärdensprache zu erlernen. Ihre Botschaft lautet: «Hört hin, was Gott auch den Gehörlosen sagt. Nehmt ihre Wünsche ernst, integriert sie, fördert ihr Mitwirken. Baut mit uns Gemeinde, in der alle willkommen sind.» 

Laut WHO haben weltweit rund 466 Millionen Menschen eine Hörbehinderung. Aufgrund verschiedener Barrieren kennen 98 Prozent aller Gehörlosen das Evangelium nicht. Es gibt über 300 Gebärdensprachen. Jede mit eigener Grammatik, Syntax und kultureller Prägung. Bislang liegt die ganze Bibel jedoch nur in der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL) vollständig vor.

Zu den Autoren:
Andreas folgte vor mehr als 41 Jahren Gottes Ruf und investiert sich seither in Gehörlose in Bolivien. Im Jahr 1990 begegnete er auf seiner ersten Bolivien-Reise Sara und hat sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Als gehörloses Ehepaar teilen sie dasselbe Herzensanliegen und setzen sich ein für bessere Bildung, für mehr Zweisprachigkeit (Gebärdensprache und geschriebene Zweitsprache), die dazu notwendige Dolmetscherausbildung, sowie für die Verbesserung der Situation aller Gehörloser in Bolivien.

Dieser Artikel erschien im Magazin der SMG - Making Mission Possible

Zum Thema:
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Datum: 28.03.2026
Autor: Andreas und Sara Kolb
Quelle: SMG Making Mission Possible

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