Apostel der Alltags-Kunst
Das 2021 erschienene Buch «Was Anker-Bilder erzählen», schürt die Aktualität des Malers noch zusätzlich. Nicht nur Ueli Tobler, Theologe und Autor des Buches, faszinieren die Person und die Gemälde Ankers, noch immer ziehen die zeitlosen Werke viele Betrachter in ihren Bann.
Anker schuf mit seinen grossen Themen wie Mensch, Essen, Tod usw. konkret nahbare Kunstwerke, die unmittelbar eine Verbindung herstellen. Zudem wurde bekannt, wie wichtig dem Theologen Albert Anker der christliche Glaube und die Bibel war. Dies zeigt sich nicht nur in den starken Bildern, sondern auch bei seinen vielseitigen diakonischen Engagements.
Er war nicht beobachtender Künstler auf Distanz, sondern mitfühlender und anpackender Zeitgenosse. Ein Mann des Volkes.
Schweizer Seeland, Neuchâtel und Paris
Im bernischen Ins geboren, konnte der 14-jährige Albert Anker in Neuchâtel erste Zeichen-Lektionen nehmen. Noch weiter westlich zog es ihn, wodurch es zu einer permanenten Sommer-Residenz wurde. Paris wurde zu einer wichtigen Station. Er studierte beim Schweizer Maler Charles Gleyre, der ab 1861 auch Pierre-Auguste Renoir unter seinen Fittichen hatte. Zuvor begann jedoch Anker 1851 in Bern Theologie zu studieren.
Seine Liebe zur Malerei wurde in Frankreich so richtig geweckt und durchkreuzte seine Pläne. Er erbat Ende 1853 seinen Vater um seinen Segen, mit dem Theologiestudium aufzuhören und wechselte das Gebiet. In der Folge gab er sich in Paris voll dem Zeichen- und Mal-Studium hin.
Von seinem internationalen Wesen zeugt auch ein berührender Briefwechsel mit dem berühmten Maler-Meister Van Gogh. Zudem war er beispielsweise in der Bretagne, im Schwarzwald, Italien und Belgien unterwegs.
Der malende Theologe
Der Pfarrer Ueli Tobler beschreibt in seinem Buch den geistlichen Aspekt der Bilder so: «…Stube oder Landschaft bekommen Weite, Tiefe und Höhe, als sei man mitten drin. Ankers Lebenseinstellung eröffnet eine vierte Dimension – die des Göttlichen, Heiligen. Und gerade dadurch heiligt er den Alltag, den er malt.»
Anker blieb zeitlebens Theologe und drückte dies auch mit seinem Pinsel aus. Die biblischen Themen finden sich direkt in Szenen von Hiob oder Deborah, oder in vielen einfachen Bürgern, welche die Bibel lesen.
Das oberflächliche Klischee, dass der Künstler nur idyllische Bilder malte ist spätestens mit dem Thema der Kinder-Begräbnisse widerlegt. Die Familie hatte selber zwei verstorbene Kinder zu beklagen; Herzzerreissend, diese Gemälde.
Albert Ankers Anna
Auch Ankers Frau Anna Rüfli, eine Metzgerstochter aus Lengnau, war gut gebildet und international tätig, was damals eine Ausnahme war. Als Kindermädchen und Pädagogin unterrichtete sie wohlsituierte Kinder in Lesen und Schreiben; unter anderem in Dänemark, Odessa am Schwarzen Meer oder in St. Petersburg.
Mehrmals taucht seine Frau auch in Gemälden auf, ebenso wie seine Kinder oder Enkel. In «Die Länderkinder» ist sie in der Frau mit der weissen Haube vor dem hinteren Wagen zu sehen. Und der Junge im hellen Kittel ist ihr jüngster Sohn Moritz.
Zum Werk «Die Kinderkrippe» fand Albert Anker ebenfalls die meisten Modelle in seinem persönlichen Umfeld, in Ins. So ist das rothaarige Mädchen seine Enkelin, Elisabeth Oser.
Für Bild und Bildung
Albert Ankers karitatives Herz pochte auch, als er im schrecklichen Hungerjahr 1893 kurzerhand für 30 Kinder eine Patenschaft übernahm und sie in dieser Zeit umsorgte. Auch dadurch wurde die von ihm geführte Suppen-Küche für viele zur täglichen Kost.
Ebenso setzte sich der Maler für die Bildung - besonders minderbemittelter Mädchen - ein. 1896 beschloss die Gemeindeversammlung von Ins die Gründung einer Sekundarschule. Damit es nicht nur eine Schule für Gutsituierte wurde, setzten sich Anker und andere Räte ein, dass die Lektionen grösstenteils morgens waren und die Kinder nachmittags zu Hause helfen konnten. Auch dies wurde ein Erfolg und wegweisend für damalige Verhältnisse.
So interessierte er sich selber für moderne Errungenschaften wie Post und Eisenbahn, war fasziniert von der Fotografie und schrieb gern mit der Schreibmaschine. Albert Anker, ein aufgeschlossener Zeitgenosse.
Mit Links: Trotz «Handicap» noch 600 Werke
Das Wesen des interessierten Forschers widerspiegelt auch ein Blick in Ankers Atelier. Die persönliche Bibliothek umfasst rund 1000 Bücher in sieben Sprachen.
1901 wurde Ankers rechte Hand durch einen schweren Schlaganfall gelähmt. Den gewissenhaften Künstler und Vater mit calvinistischer Prägung beschäftigte natürlich, wie er weiterhin seine Familie ernähren konnte. Er begann mit Links zu malen, die Leinwand auf den Knien. So erschuf er nochmals 600 Aquarelle zu den 600 Öl-Bildern dazu. Überglücklich schrieb Anker einem Freund: «Ich arbeite, und die gute Laune ist mir wieder geschenkt.»
Über eines seiner Kunstwerke sagte der talentierte Anker, dem Unsummen Geld geboten wurden: «Das bliibt jetz bi miine Lüt! Si häi süst afa weni gnue vo mine Machetschafte.»
Der Ehrendoktor mit Bibel und Habersack
Der beliebte Maler gestaltete 1878 an der Weltausstellung Paris den Schweizer Bereich und wurde im selben Jahr zum Ritter der französischen Ehrenlegion geschlagen. Als weitere Auszeichnung erhielt er im Jahr 1900 den Ehrendoktor der Universität Bern.
Am Todestag vom 16. Juli 1910 findet die Familie auf dem Nachttisch seine hebräische Bibel, in der er, wohl wie jeden Abend, gelesen hatte. Sie liegt seitdem im Atelier in Ins und ist immer noch beim Buch Hiob, Kapitel 5 aufgeschlagen. Albert Anker war auf seinen Tod vorbereitet: «Mi Habersack isch packt, i warte nume uf ds Kommando», schrieb er in einem früheren Brief.
Ausflugs-Tipp:
Besuch des Anker-Ateliers, Ins
Zum Thema:
«Was Anker-Bilder erzählen»: Die Leinwand, auf der das Leben malt
Autobiografie eines Cartoonisten: Werner Tiki Küstenmacher: Einfach man selbst sein
Lebensbild von Peter Bichsel: «Sie kann ihren Gründer Jesus nicht über Bord werfen»
Datum: 23.03.2026
Autor:
Roland Streit
Quelle:
Livenet