Was könnte dich dazu bringen, an Gott zu glauben?
Der Atheist musste die Frage schon öfter gehört haben, denn er hatte eine Antwort parat: «Wenn Gott die Sterne im Himmel so anordnen würde, dass sie die Zehn Gebote buchstabieren, dann würde ich an ihn glauben.» Mir kam ein Zitat eines alten Weisen in den Sinn: Wenn die Sterne nur einmal alle tausend Jahre leuchteten, würden wir das als ein höchst erstaunliches Wunder betrachten. Dass sie jedoch jede Nacht leuchten, flösst uns keine Ehrfurcht ein, sondern lässt uns eher die Schultern zucken. Bevor wir die Sterne also bitten, sich anders anzuordnen, sollten wir erst einmal die ungeheure Komplexität ihrer jetzigen Anordnung angemessen würdigen. Dass es die Sterne überhaupt gibt und dass wir existieren und in der Lage sind, sie zu «lesen», ist viel, viel unwahrscheinlicher, als dass wir die Milchstrasse dazu bringen könnten, einen Text zu buchstabieren. Damit Leben im Universum überhaupt möglich wird, müssen Ordnung und Strukturierung des Himmels so präzise sein, dass es einem den Atem verschlägt. Es steht nicht nur meine persönliche Existenz oder die der Erde auf Messers Schneide, sondern der ganze Kosmos.
Dann kam mir ein anderer Gedanke. Ich fragte meinen Freund: «Nehmen wir an, Gott würde das tun, was du da verlangst, und ganze Galaxien so anordnen, dass sie dir sagen, wie man sich richtig benimmt – würdest du so einen Gott mögen?» Er antwortete wie aus der Pistole geschossen: «Nein, überhaupt nicht! Aber darum geht es ja gar nicht. Ich glaube nicht, dass ich Gott je mögen könnte. Aber wenn er mir seine Existenz zweifelsfrei beweisen könnte, müsste ich wohl an ihn glauben.»
An diesem Punkt waren wir uns ironischerweise so gut wie einig. Der Gott, dem er eine Chance geben würde, war ein Gott, der uns beiden nicht ganz geheuer war: eine kosmische Supermacht, die ihre Muskeln spielen lässt, damit wir vor ihr auf die Knie gehen. Ein solcher Gott könnte vielleicht unseren Gehorsam und unsere widerwillige Anerkennung erzwingen, aber niemals unsere Herzen gewinnen. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – der Gott der Bibel ist anders. Er ist der Gott der grössten aller Liebesgeschichten. Er begegnet uns in der tiefsten Tiefe, ganz unten, wo seine Leute sitzen und leiden. Anstatt seine Gebote in die Sterne zu schreiben, erniedrigt er sich in eine Krippe, ja, er geht sogar an ein Kreuz. Während wir Skeptiker zu den Sternen hochschauen und ein Zeichen fordern, taucht dieser Gott unvermutet als blutiges Opfer direkt vor unserer Haustür auf. Warum tut er das? Weil Liebe sich tief herabbeugt, sich klein macht, sich erniedrigt.
Warum tut Jesus das?
Wie wäre das, wenn wir Gott sehen könnten? Würden sich die Sternenkonstellationen ändern? Gäbe es ein grosses Feuerwerk am Himmel? Nun, Jesus hat gesagt: Wenn wir Gott sehen wollen, brauchen wir nur ihn anzusehen. Das ist eine erstaunliche Aussage, aber Jesus besteht darauf. «Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat» (Joh. 12,45). Und: «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen» (Johannes Kapitel 14, Vers 9).
Mit anderen Worten: «Ihr wollt Gott sehen? Dann seht mich an!» Und was macht er, um uns das Herz Gottes zu zeigen? «Da Jesus wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott hinging, stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab, nahm einen Schurz und umgürtete sich; darauf goss er Wasser in das Becken und fing an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Schurz zu trocknen, mit dem er umgürtet war» (Johannes Kapitel 13, Verse 3-5).
Hier steht: Weil Jesus alle Macht hat, beugt er sich so tief. Weil er der ewige Sohn des Vaters ist, übernimmt er die Rolle eines Sklaven. Er beginnt seine Runde um den Tisch, und man spürt förmlich, wie es den Jüngern anders zumute wird. Petrus spricht aus, was alle denken: «Herr, du wäschst mir die Füsse? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber danach erkennen. Petrus spricht zu ihm: Auf keinen Fall sollst du mir die Füsse waschen!» (Johannes Kapitel 13, Verse 6–8).
Ich kann Petrus gut verstehen. Während eines Besuchs in Indien war ich einmal zu Gast in einer hoch angesehenen Familie. Der Familienvater war ein Nawab, also ein indischer Prinz. Meine Gastgeber wollten unbedingt, dass ich mir die Füsse säubern liess. Ich weigerte mich. Die Vorstellung, dass sich da jemand an meinen schwieligen Füssen zu schaffen machte – nein, lieber nicht. Ich wollte nicht auf einen Diener herabschauen, wie er meine schmutzigen Füsse säuberte. Und dass mein Gastgeber selbst sein Gewand ablegte, sich ein Handtuch um seine Taille band und vor meinen schmutzigen Füssen niederkniete – das war natürlich undenkbar. Kein irdischer Prinz würde sich so tief herablassen. Aber hier machte sich der König aller Könige selbst zum niedrigsten aller Diener.
Die Fusswaschung in Johannes 13 soll uns demonstrieren, wie Jesus die Seinen «bis ans Ende liebte» (vgl. Johannes Kapitel 13, Vers 1). Das gibt der Szene ihre Tiefendimension. Jesus, der Prinz des Himmels, sitzt auf dem himmlischen Ehrenplatz; schon vor Anbeginn der Welt war er mit dem Vater und dem Heiligen Geist dort zusammen. Aber aus lauter Liebe verlässt er seinen Platz und kommt zu uns herunter.
Am Karfreitag steigt Jesus in die tiefsten Tiefen hinab und wird geistlich unrein. Am Kreuz nimmt er die allertiefste Stellung ein und erleidet den schändlichsten Tod, den man sich vorstellen kann. Aber durch diesen Tod nahm er unsere Sünde auf sich, damit wir geistlich rein würden. In der Fusswaschung gewinnt die grosse Liebesgeschichte greifbar-dramatisch an Gestalt. Diese sich herabneigende Liebe bedeutet keinen Bruch mit der göttlichen Herrlichkeit. Indem sich Jesus das Handtuch umbindet, macht er keine Pause von seiner Göttlichkeit, sondern zeigt, wie wahre Göttlichkeit aussieht.
Der Gott, der auf die Knie geht
Gott wählt die Selbstdemütigung, um uns Wert und Würde zu geben. Da ist er, zu unseren Füssen, und wir wissen nicht, wohin wir schauen sollen. Keiner von uns hat das verdient. Noch in der Nacht nach der Fusswaschung wird jeder der Jünger Jesu ihn verlassen, verleugnet oder verraten haben. Die Füsse, die Jesus gereinigt hat, werden, bildlich gesprochen, entweder von ihm davonrennen oder auf ihm herumtrampeln. Jesus weiss das, und trotzdem kniet er sich hin. Darin entdecken wir zwei Dinge: Wir sehen, wie er ist und wie wir sind. Und wie ist Jesus? Er ist der Gott, der auf die Knie geht, um sich um unser Chaos zu kümmern. Und wir? Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind nicht wie Jesus. Wir bilden uns vielleicht ein, dass wir lieben – bis wir wahre Liebe in Aktion erleben.
Ich liebe Menschen, wenn sie liebenswert sind. Jesus liebt sie, auch wenn sie es nicht sind. Ich liebe Menschen, wenn es mir keine Umstände macht. Jesus diente ihnen noch am Vorabend seiner Hinrichtung. Mir ist mein eigener Ruf wichtiger als die Menschen, die ich angeblich liebe. Jesus kniet sich vor unseren schmutzigen Füssen hin, egal, wie peinlich das ist, was es kostet und wie sehr wir protestieren.
Die Liebe Jesu entlarvt meine eigene Liebe als den Schwindel, der sie ist. Plötzlich merke ich, dass auch ich schmutzig bin und jemanden brauche, der mich reinigt. Darum bückt Jesus sich zu mir hinab.
Dieser Beitrag erschien zuerst im ethos Heft 1/2026. Es ist ein Auszug aus dem Buch «Love Story» von Glen Scrivener.
Zum Buch:
Love Story - Glen Scrivener
Zum Thema:
Dossier: Glauben wir einander den Glauben noch?
Philipp Widler: «Belanglose fromme Floskeln bewegen nichts»
Tobias Haberl: «Von Gottes Liebe überzeugt»
Datum: 22.02.2026
Autor:
Glen Scrivener
Quelle:
Christliche Verlagsgesellschaft