«Ich kann mich einfach nicht entscheiden!»
Verena hat gebetet, sie hat die Bibel befragt, mit anderen Christen über ihre Situation geredet – aber die Entscheidung ist ihr unmöglich. Pro und contra halten sich die Waage. Verena ist wie gelähmt. Sie möchte doch Gottes Willen tun, aber er schweigt hartnäckig.
Der EINE Weg?
Im Gespräch mit Verena wurde zunächst mal deutlich: Verena hat Angst, sich falsch zu entscheiden. Könnte ich den Willen Gottes verpassen? Könnte noch etwas Besseres kommen? Oder finde ich, wenn ich jetzt nicht handle, gar nichts mehr?
Hinter Verenas Angst steht ihre Überzeugung, dass «Gott einen Plan für ihr Leben hat». Darum möchte sie sich auf keinen Fall falsch entscheiden. Sie könnte ja den Willen Gottes für ihr Leben verpassen.
Aber Verena ist einem Mythos zum Opfer gefallen. Klar, Gott hat einen guten Willen für ihr Leben und will auch in Entscheidungen helfen. Er hat vielfältige «Führungsinstrumente». Aber die Idee von einem fixen «Plan» geht von einem falschen Gottes- und Menschenbild aus. Gott will leiten, aber nicht vorschreiben. Uns als Menschen hat er Willen, Verstand und – wenn wir Nachfolger Christi sind – seinen Geist gegeben. Das bedeutet Freiheit, auch Fehler zu machen – seine Gnade hört nicht auf, wenn wir uns falsch entscheiden. Es gibt sicher gute und schlechtere Wege, aber nicht den einen fixen Plan.
«Gott, entscheide du für mich»
Im weiteren Gespräch wurde klar: Am liebsten hätte Verena es gehabt, wenn Gott für sie entschieden hätte. Es gibt ja diese Geschichte von einem Vlies, das Gideon auslegte und so den Willen Gottes erfragte (Richter Kapitel 6, Verse 36-40). Und Gott ging darauf ein – und tut es manchmal bis heute noch. Aber wir dürfen diese Geschichte nicht in eine christliche Wahrsagerei umdeuten. Aus einer solchen Story können wir kein «Prinzip» ableiten. Das Spannende an Gott ist eben, dass man ihn nicht in solche Muster einpacken kann.
Auch die Bibel aufschlagen und mit dem Finger auf einen Vers zeigen, ist nicht unbedingt die weiseste Methode. Auch wenn Gott selbst auf so etwas manchmal eingeht. Bekannt ist die Geschichte des Mannes, der wissen wollte, wie seine zukünftige Frau aussieht. Er schlug die Bibel auf und zeigte mit seinem Finger auf den Vers, der sagte: «Und siehe, es kam eine lange Dürre…»
Aber im Ernst: Was bleibt denn noch übrig? Was soll Verena tun?
Entscheide dich!
Nachdem Verena erkannt hatte, dass sie sich aus Angst vor einer Entscheidung gedrückt hatte und es sich gleichzeitig bewusst machte, dass Gott sie liebte, sie aber auch in seinem Ebenbild als willensbegabtes Wesen geschaffen hatte, merkte sie: Ich darf mich entscheiden. Wenn die Entscheidung richtig war, schön. Wenn sie sich im Nachhinein als falsch erwies, bleibt Gottes Gnade und Liebe trotzdem voll über ihr.
Eine der folgenreichsten Entscheidungen, die wir treffen können, ist die zu einem Mann oder einer Frau, mit der wir das Leben verbringen wollen. Wer weiss, was da rauskommt? Und doch sagen wir «Ja» zueinander. Dietrich Bonhoeffer hat es sinngemäss so formuliert: «Wenn wir uns entscheiden, Ja zueinander zu sagen, gibt Gott sein grosses Ja zu unserem kleinen Ja dazu und macht uns so zu Instrumenten seines Willens.»
Verena nahm das ernst. Sie gab ihre Angst in Gottes Hand und traf mutig einen Entscheid. Sie übte damit ihr Recht und ihre Fähigkeit als Ebenbild und Kind Gottes aus. Und sie drückte ihr Vertrauen aus: «Vater, du wirst mich richtig führen – egal, wie ich mich entscheide.»
Zum Autor: Reinhold Scharnowski (1952), Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. Theologiestudium in Basel, dann 21 Jahre Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, 1 Jahr in den USA, Leiter von DAWN Europa, 3 Jahre Mission in Bolivien. Heute im Unruhestand, seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.ch. Verheiratet mit Regula, reformierte Pfarrerin, 4 Kinder, 10 Grosskinder. Liebt Jesus, Reisen, Musik, Kajaken, guten Whisky und gute Bücher.
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Datum: 23.05.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Jesus.ch