Menschenfurcht ist nur ein Symptom
«Jesus vergib mir, dass ich heute beim Gespräch mit Arbeitskollegen nichts von dir sagte. Morgen will ich es besser machen – hilf mir dabei! Danke! Amen.» Viele Jahre lang hörten sich meine abendlichen Gebete etwa so an. Sofort ans Kreuz bringen, wenn mich Menschenfurcht plagte und die Vergebung empfangen. Gut, dass Gottes Gnade jeden Tag neu ist.
Obgenanntes Gebet ist an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Und entsprechend könnte ich es noch 100 Jahre lang beten, ohne dass sich etwas verändern würde. Zu lange bekämpfte ich Symptome und war richtig gut darin: Diszipliniert, vorausschauend und, wie ich dachte, auch treu. Aber es war gar keine Treue, sondern Gesetzlichkeit.
Wenn ich beim Gespräch mit jesusfernstehenden Menschen nicht von Jesus reden will, ist das nicht mein eigentliches Problem. Es zeigt mir nur, dass es ein viel schwerwiegenderes Thema gibt. Menschenfurcht ist wie ein Barometer.
Petrus: Von Gott enttäuscht
Aber was zeigt die Menschenfurcht denn an? Wir blicken in die Bibel: In der Nacht, bevor seine Welt unterging, war sich Petrus noch ganz sicher. In Lukas Kapitel 22, Vers 33 ruft er voller Inbrunst: «Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und sogar in den Tod zu gehen!»
Was für ein Held! Fernab von jeder Menschenfurcht. Doch dann passiert das Unvorstellbare: Jesus, sein Messias, lässt sich kampflos festnehmen. Bei Gethsemane kracht für Petrus alle Hoffnung ein. Sofort zückt er sein Schwert, das Ohr des Tempeldieners fliegt davon. Jetzt muss der Messias eingreifen – jetzt würde er sein Königreich aufbauen und die Pharisäer und Römer in die Hölle schicken.
Aber nein, Jesus drückt das Ohr wieder an den Kopf und ist so überhaupt nicht auf Krawall gebürstet. Er wird bespuckt, verspottet, geschlagen – plötzlich ist Jesus der scheinbar Schwache. Das ist für Petrus kaum zu ertragen: Hat er seine Fischerei für einen Verlierer aufgegeben?
Nun verliert Petrus seine Identität und seinen Halt. Was bedeutet das? Er ist von Gott enttäuscht, zweifelt und verliert die Gewissheit, wer Gott ist – und wer Petrus ist.
Weder Vater noch Schweizer
Kurzer Zwischenstopp: Wer bin ich denn? Vater? Ehemann? Geschäftsmann? Schweizer? Das sind alles schöne Rollen und Eigenschaften – aber nicht meine Identität. Ich bin ein Kind Gottes. Ein Geschöpf, das dafür erstellt wurde, um mit Gott Gemeinschaft zu feiern.
Selbst die grossartigste Berufung ist niemals grösser als meine Identität, ein Kind Gottes zu sein. Es klingt so unspektakulär – dabei ist es das Spannendste an meinem Leben: Mein Vater im Himmel. Alles andere ist bestenfalls zweitrangig.
Und was heisst das, Kind Gottes zu sein? Dass mein Vater der Schöpfer des Universums ist, ein gigantisches Erbe auf mich wartet und dass ich aus bestmöglichen Hause stamme. Ich bin die Wonne Gottes! Wers nicht glaubt, soll Zefanja Kapitel 3, Vers 17 lesen.
Gott liebt immer zuerst
Zurück zu Petrus: In diesem Zustand ist er für den Teufel locker knackbar – er muss nur eine Magd schicken, die ihn am Feuer fragt, ob er zu Jesus gehöre. Petrus will plötzlich nichts mehr mit dem Messias zu tun haben, ganz üble Menschenfurcht grassiert. Bei dem Mann, der sich Stunden zuvor noch mit wehenden Fahnen in den Märtyrertod stürzen wollte.
Das Krähen des Hahns trifft Petrus wie ein Blitz – er weint bitterlich. Und was jetzt? Sofort zur Magd zurückrennen und von Jesus schwärmen? Oder einen Massnahmenplan erarbeiten, wie er fortan wieder mutiger sein könnte? Ich glaube, beides wäre in diesem Fall Gesetzlichkeit gewesen – und reine Symptombekämpfung.
Petrus brauchte viel eher neue Gewissheit, dass Gott gut ist und die Sicherheit, dass er Gottes Kind ist. Fantastisch, was am See von Tiberias nach der Auferstehung passiert: Jesus fragte Petrus nicht dreimal, warum er so undiszipliniert gewesen sei. Sondern: «Liebst du mich?» Gott zu lieben ist unsere Identität, unser Halt, unsere Kraft. Gott zu lieben ist nur möglich, wenn wir zulassen, dass Gott uns liebt – unabhängig von unseren Taten. Gott liebt immer zuerst und befähigt zu guten Taten.
Symptome wie Götze
Wer also meint, Gott mit einem symptomfreien Leben begeistern zu können, sollte sich vor jeder Magd am Feuer in Acht nehmen. Vielleicht solange nicht, wie Gott noch ins eigene Weltbild passt. Aber spätestens dann, wenn Gott Dinge zulässt, die uns den Boden unter den Füssen wegziehen, löst sich unsere Stärke in Luft auf.
Darum: Bitte hören wir auf, unseren Fokus auf Symptome zu legen und sie wie Götzen zu verehren. Echte Veränderung passiert nicht, wenn ich mich am Abend für meine Taten kasteie – sondern wenn ich weiss, wo mein Platz ist: in den liebenden Armen meines allmächtigen Vaters.
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Datum: 26.04.2026
Autor:
Sam Urech
Quelle:
Jesus.ch