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Vom Segen eines Flickenteppichs

Ein mit der Evangelischen Stadtmission Basel seit 167 Jahren historisch gewachsener «Flickenteppich» fängt Menschen auf, wenn ihre Lebensträume mit den harten Tatsachen des Alltags zusammenstossen.

Die TDS-Absolventin Anna Herren verwebt ihren Alltag als Sozialdiakonin mit dem Alltag von Jesus als Diakon.

Du bist doch nicht ihre Dienerin!

Basel Kleinhüningen, 12.20 Uhr an einem ganz normalen Schultag. Ich bin mit einigen Kindern unterwegs von ihrem Schulhaus zum Mittagstisch der Stadtmission, meinem Arbeitsort. Wer nicht unbedingt muss, ist gerade nicht draussen unterwegs, denn es ist ziemlich windig und der Himmel sieht aus, als würde bald der nächste Regenguss niedergehen. Nur eine ältere Frau schaut aus dem Fenster.

«Entschuldigen Sie», spricht sie mich plötzlich an, «könnten sie vielleicht den Regenschutz dort wieder richtig festmachen?» Ich schaue in die Richtung, in die sie deutet. Vor dem Haus steht ein Roller, und die Plane, die ihn eigentlich bedecken sollte, flattert im Wind hin und her. «Natürlich», sage ich und nehme mich der Aufgabe an. Der Wind macht es mir nicht gerade einfach und es dauert eine ganze Weile, bis der Regenschutz wieder sitzt und die Frau zufrieden ist. «Anna, warum machst du das, du bist doch nicht ihre Dienerin?» fragt da einer der Jungen, die mit mir unterwegs sind, ungeduldig, fast schon vorwurfsvoll. «Weil sie mich darum gebeten hat», antworte ich etwas perplex. «Aber das kann sie doch selber machen», entgegnet der Junge.

So kommt es, dass ich mich für den Rest des Weges plötzlich in ein Gespräch verwickelt wiederfinde, das geprägt ist von perplexem Unverständnis auf beiden Seiten. Für ihn macht es überhaupt keinen Sinn, dass ich mich von der Frau habe beauftragen lassen und damit den Schulweg unterbreche. Für mich hingegen fühlt es sich an, als müsste ich ihm erklären, wie ich atme. Es ist doch eigentlich selbstverständlich, dass man anderen hilft, wenn sie einen darum bitten. Und wenn es nicht selbstverständlich ist, dann ist es umso mehr ein Moment, um meinen Glauben konkret werden zu lassen. Ausserdem tut es mir auch selbst gut, anderen Gutes zu tun. Solch kleine Möglichkeiten zu helfen, wie das Festmachen des Regenschutzes, sind für mich Aufsteller im stürmischen Alltag, eine simple Gelegenheit zur Nächstenliebe. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr steckt in diesem kurzen Festzurren des Regenschutzes.

Doch wie erkläre ich das am besten? Wie erkläre ich das einem Jungen aus muslimischer Familie, der müde ist vom Schulmorgen und Hunger hat und einfach möglichst schnell beim Mittagstisch und seinen Freunden ankommen will?

Im Nachhinein sind mir einige bessere Antworten eingefallen als die, die ich gegeben habe, und so geht es mir immer wieder mal, wenn ich gefragt werde, was ich denn beruflich mache oder was ich da genau studiert habe.

Wo Lebensträume mit dem harten Boden der Tatsachen kollidieren

Nun, ich habe am TDS Aarau Sozialdiakonie studiert. Eine vierjährige Ausbildung, während der ich mich mit vielen verschiedenen Themen aus den Bereichen Theologie, Soziale Arbeit und Pädagogik befasst habe und mich mit Gott, der Kirche, unserer Gesellschaft und mir persönlich auseinandergesetzt habe. Beruflich habe ich seither auch schon in verschiedenen Bereichen der Sozialdiakonie gearbeitet und aktuell bin ich bei der Evangelischen Stadtmission, einem diakonischen Werk in Basel, angestellt. Ein diakonisches Werk – was bedeutet nun das schon wieder?

Wir sind eine christliche Organisation, die Angebote für Kinder, Senioren, Menschen im Gastgewerbe und Flüchtlinge anbietet. Auf den ersten Blick scheint es ein ziemlicher Flickenteppich von unterschiedlichsten Personen und Gefässen zu sein, der sich über die Stadt legt. Da ist z. B. eine Seniorensiedlung im St. Johann-Quartier, mit Mittagstisch und weiteren Anlässen, die Raum für Gemeinschaft schaffen, ebenso wie ein Kinderspieltreff im Multikulti-Quartier Klybeck-Kleinhüningen. Und während unsere Mitarbeiterin im Bereich Migration Asylsuchende besucht, tourt der Gastroseelsorger durch die Cafés, Restaurants und Bars der Stadt, um den Menschen, die dort arbeiten, ein offenes Ohr zu schenken.

Wo Menschen an ihre Grenzen stossen, Lebensträume mit dem harten Boden der Tatsachen kollidieren, da versucht die Stadtmission zu dämpfen, aufzufangen, Geborgenheit zu schenken, wie ein Teppich eben.

Dieser Flickenteppich ist historisch gewachsen, weil sich die Stadtmission in den 167 Jahren seit ihrer Gründung immer wieder den Nöten der Menschen zugewandt hat. Wo Menschen an ihre Grenzen stossen, Lebensträume mit dem harten Boden der Tatsachen kollidieren, da versucht die Stadtmission zu dämpfen, aufzufangen, Geborgenheit zu schenken, wie ein Teppich eben. Und weil die Menschen der Stadt sich ebenso wandeln über die Jahre, wie die Mitarbeitenden, so sind auch die Arbeitsgebiete der Stadtmission stets in Veränderung. Manches wird ausgebaut oder angepasst, während anderes nicht weitergeführt wird und wiederum andere Dinge neu aufgebaut werden. Damit sind wir bestimmt nicht allein, vielleicht sind auch gerade Sie, liebe Leserinnen und Leser, Teil eines solchen Flickenteppichs. Und bei aller Freude, die man hat an den verschiedenen Farben und Texturen des Flickenteppichs, zu dem man gehört, so fühlen sich diese verschiedenen Flicken manchmal auch eher wie Tropfen auf den heissen Stein an – viel zu klein und unbedeutend bei all der Not, der man entgegenwirken könnte.

Und doch, mit jedem Tropfen wird der heisse Stein ein kleines bisschen kühler, mit jedem neuen Flick der Teppich etwas dichter und weicher. Es ist das lokale Wirken, das Unterwegssein mit einzelnen Menschen vor Ort, die den Kern der diakonischen Arbeit ausmachen.

Und doch, mit jedem Tropfen wird der heisse Stein ein kleines bisschen kühler, mit jedem neuen Flick der Teppich etwas dichter und weicher. Es ist das lokale Wirken, das Unterwegssein mit einzelnen Menschen vor Ort, die den Kern der diakonischen Arbeit ausmachen. Da sind z. B. die Seniorinnen und Senioren, die nicht alleine in einem anonymen Block wohnen müssen, sondern Gemeinschaft finden in der Seniorensiedlung; ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte, einen gedeckten Tisch beim Mitttagessen und Gesellschaft am Tisch beim Essen oder Spielen. Da sind die Eltern, die entlastet werden, weil ihre Kinder in den Spieltreff der Stadtmission kommen können, wo sie Raum haben um anderen zu begegnen, Neues zu lernen, ihre Hausaufgaben machen zu können mit jemandem an der Seite, der hilft sich zu konzentrieren oder Dinge erklärt, die sie alleine nicht verstehen. Da sind rund 250 Kinder aus 50 Herkunftsländern, die beim Projekt «Basel gyygt» kostenlosen Gruppen-Musikunterricht durch qualifizierte Lehrkräfte erhalten und in ein Kinderstreichorchester einsteigen können. Da sind die Menschen, die erst kurz oder auch schon länger in der Schweiz sind und jemanden brauchen, der ihnen erklärt, was in dem Brief der Krankenkasse, der Schule, der Verwaltung steht, und was damit anzufangen ist. Einzelschicksale, Tropfen auf den heissen Stein oder eben auch Stofffetzen, die Teil eines grösseren Flickenteppichs werden. Denn, wie heisst es so schön, viele kleine Leute, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern. Oder mit den Worten von Paulus: «Im Tun des Guten wollen wir nicht müde werden, denn zu gegebener Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten.» (Galater 6,9)

Bei Jesus abkupfern

Was gibt nun aber die Kraft, nicht zu ermatten? Oder vielleicht müsste ich eher fragen wer, denn die Antwort ist ebenso einfach wie plakativ: Jesus. Tatsächlich ist es erstaunlich, dass ich bereits so viel Text geschrieben habe und erst jetzt auf Jesus zu sprechen komme. Schliesslich ist Jesus der Grund und gleichzeitig der Motor der Sozialdiakonie. Ohne Jesus gäbe es weder die Stadtmission noch irgendeine andere christliche Organisation, die diakonisch wirkt. Deshalb muss Diakonie immer mit Jesus verbunden sein, selbst wenn er nicht namentlich erwähnt wird. Die Diakonie redet weniger von Jesus als die Verkündigung und doch steckt nicht weniger Jesus drin. Das Geheimnis heisst Nachfolge.

Die Diakonie redet weniger von Jesus als die Verkündigung.
Und doch steckt nicht weniger Jesus drin.

Jesus, Diakonie und Nachfolge, ein Dreiergespann, das Dynamik (Dynamis = Kraft) in mein Leben bringt und dies auf unterschiedlichen Wegen. Ich kann sagen: «Als Sozialdiakonin folge ich Jesus nach.» Aber ich kann genauso sagen: «Ich folge Jesus als Sozialdiakon nach.» Nicht, dass ich keine Frau wäre, sondern weil auch Jesus als Diakon handelte. Auf diese zweite Form möchte ich nun zunächst eingehen.

Für meine Tätigkeit in der Diakonie finde ich es immer wieder erfrischend und inspirierend, bei Jesus abzukupfern. Wo wirkte er diakonisch? Der Begriff Diakonie leitet sich vom griechischen Wort für dienen ab. Und ja, Jesus begegnet uns an vielen Stellen im Neuen Testament als Diener. In Johannes 13,1–17 lesen wir davon, wie Jesus vor dem letzten Abendmahl selbst die Sklavenarbeit übernahm und seinen Jüngern die Füsse wusch. Dies ist sicherlich das prominenteste Beispiel dafür wie Jesus den Menschen um ihn dient, doch nicht das einzige. Immer wieder lässt er sich von Menschen rufen. Da ist zum Beispiel Jairus, der ihn zu seiner kranken Tochter holt (Markus 5), oder Bartimäus, der nach ihm schreit, und Jesus geht auf ihn zu mit der Frage «Was soll ich für dich tun?» (Markus 10,51). Jesus dient den Menschen auch regelmässig indem er ihnen den Tisch deckt, zumindest im übertragenen Sinn. Angefangen vom Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana (Johannes 2), über die Speisung von grossen Menschenmengen (Markus 6 und 8), bis hin zur Begegnung am See Tiberias nach seiner Auferstehung, wo Jesus die Jünger nicht nur mit einem Feuer empfängt, auf dem sie ihren Fang braten können, sondern direkt mit einer fertigen Mahlzeit (Johannes 21). Jesus hat die Menschen aber nicht nur bedient. Auch Teilhabe und Partizipation finden wir bereits bei Jesus, nicht erst in der Gemeindeanimation, als wichtiges Ideal.

Jesus hat die Menschen nicht nur bedient. Auch Teilhabe und Partizipation finden wir bereits bei Jesus.

Er heilte Aussätzige, sodass sie wieder teilhaben durften am gesellschaftlichen Leben (Lukas 5). Er liess Frauen und Kinder zu sich kommen (Markus 10), damit auch sie zuhören und dazugehören konnten, und er liess die Jünger selbst aktiv werden; hat sie einbezogen in das, was er tat, indem er sie aussandte, dasselbe wie er zu tun (Matthäus 10,5). Er traute ihnen etwas zu bei der Speisung der 5000, wo Jesus die Jünger auffordert «Gebt ihr ihnen zu essen!». Aber er lässt sie schliesslich auch nicht mit der Aufgabe allein (Markus 6,30–44). «Wer anklopft dem wird aufgetan», lehrte Jesus (Matthäus 7,8) und wenn er davon spricht, dass wir nicht siebenmal vergeben sollen, sondern 77-mal (Matthäus 18,22), dann gibt uns das eine gewisse Vorstellung davon, wie geduldig er war.

Den Flickenteppich weiter ausbreiten

Diese Tätigkeiten und Haltungen möchte ich mir auch zu eigen machen. Ich will dem Sozialdiakon Jesus nachfolgen, mich von ihm prägen und inspirieren lassen, um meine Arbeit bestmöglich auszuführen.

Aber, und das ist noch viel wichtiger, ich als Sozialdiakonin will Jesus nachfolgen. Was meine ich damit? Ja, ich bin Sozialdiakonin, aber noch bevor ich mich in meine To-do-Liste stürze, ist es meine Aufgabe, Jesus nachzufolgen, als die, die ich bin. Dieser Ruf gilt mir, ebenso wie allen anderen Gläubigen, ganz egal welchen Beruf sie ausüben. Zuallererst sind wir Nachfolgerinnen und Nachfolger. D. h. ich schaue auf Jesus, und zwar nicht nur auf ihn als Sozialdiakon, sondern auch auf ihn als Ganzes. Ich nehme mir Zeit, ihn kennen zu lernen, Zeit mit ihm zu verbringen, auf ihn zu hören und nicht vorschnell zu sagen «Ach ja, ich weiss schon was du meinst …». Jesus braucht nicht erst eine Funktion, damit er es wert ist, ihm nachzufolgen, und ich würde ihm auch nachfolgen wollen, wenn ich statt Diakonin irgendeinen anderen Beruf ausübte oder arbeitslos wäre. Ich bin überzeugt, dass wir Jesus in allen Lebenslagen nachfolgen können, und weil Jesus das Herz der Diakonie ist, werden wir, wenn wir ihm nachfolgen, auch immer wieder auf Gelegenheit zum diakonischen Handeln stossen.

«Anna, warum machst du das?» hat mich der Junge damals auf dem Schulweg gefragt. Wenn ich jetzt nochmal zurückkönnte, würde ich vielleicht so antworten: «Weisst du, ich glaube an Jesus, und er hat Dinge gesagt wie «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» (Markus 12,31) oder «Und wie ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um.» (Lukas 6,31) Jesus ist das Beste in meinem Leben und darum möchte ich ihn ernst nehmen. Deshalb will ich die Menschen sehen, die um mich herum sind und ihnen dienen mit den Möglichkeiten, die ich habe.»

Zurückgehen kann ich nicht. Ich wünschte auch, ich könnte hier berichten, dass der Junge am Ende gesagt hätte: «Ah jetzt versteh ich es!» und dass ich ihm seitdem zuschauen kann, wie er hilfsbereiter durch den Alltag geht und Nächstenliebe übt. Das ist nicht der Fall, oder sagen wir «noch nicht». Diakonie braucht Zeit und einen langen Atem. Darum möchte ich darauf vertrauen, dass unser Gespräch und auch Jesus diesem Jungen trotzdem nachgehen und dass auch die kleinsten diakonischen Taten einen Unterschied machen. Ich möchte mich anspornen lassen, weiter mit einem wachen Blick, gespitzten Ohren, offenen Händen und einem dienenden Herzen auf meinem «Schulweg» zu gehen und so unseren Flickenteppich weiter auszubreiten.

Anna Herren ist TDS-Absolventin und arbeitet als Sozialdiakonin bei der Evangelischen Stadtmission Basel.

Datum: 10.08.2026
Autor: Anna Herren
Quelle: TDS Aarau

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