Christen sprechen von historischer Verfolgung
Auf dem Weltverfolgungsindex 2026 von «Open Doors», der die 50 Länder mit der schwersten Christenverfolgung auflistet, rutschte Indien um einen Platz nach hinten, von Rang elf auf Rang zwölf. Im Jahr 2022 lag Indien noch auf Rang zehn. Der Gesamtwert der Verfolgung blieb mit 84 von 100 Punkten jedoch unverändert.
Die dramatische Eskalation in Syrien, das um zwölf Plätze aufstieg (von 18 auf 6) und erstmals seit fast einem Jahrzehnt wieder in die Top 10 eintrat, trug dazu bei, dass Indien im Ranking zurückfiel – trotz unverändertem Punktwert. Anders gesagt: Syrien verschlechterte sich erheblich, wodurch Indien einen Platz verlor, ohne dass sich die Situation in Indien selbst verbessert hätte.
1'622 Gläubige hinter Gittern
«Indiens marginaler Rückgang auf dem Weltverfolgungsindex darf nicht als Verbesserung der Situation der Christen verstanden werden, die sich in Wirklichkeit deutlich verschärft hat», sagte Dr. John Dayal, ein langjähriger Menschenrechtsaktivist und eine der bekanntesten Stimmen Indiens für Religionsfreiheit. «Es ist lediglich so, dass ein anderes Land für Christen unsicherer geworden ist.»
Indien führt inzwischen weltweit bei der Zahl von Christen, die wegen ihres Glaubens inhaftiert sind: 1’622 Gläubige wurden im Berichtszeitraum verhaftet, inhaftiert oder ohne Gerichtsverfahren festgehalten. Die Organisation dokumentierte ausserdem 16 Christen, die aus glaubensbezogenen Gründen getötet wurden, gegenüber 20 im Vorjahr.
Tiefer in Alltag eingedrungen
John Dayal erklärt: «Es erfolgten weniger medienwirksame Vorfälle in einer Konfliktzone, gleichzeitig aber eine landesweite Normalisierung von Schikanen, Kriminalisierung durch Anti-Konversionsgesetze, Störung von Gottesdiensten, soziale Boykotte und langanhaltende rechtliche Einschüchterung von Pastoren und Gemeinden.»
Wenn Druck «lokalisiert, bürokratisiert und routiniert» werde, könne er in globalen Indexen weniger dramatisch erscheinen, greife aber tiefer in den Alltag ein. Selbst christliche Feste seien zunehmend zu Brennpunkten geworden. «In vielen Städten wurde eine Weihnachtsmann-Figur gelyncht», sagte er. «Krippen wurden in makabren herodianischen Szenen zerstört.»
Mehr Anti-Konvertierungsgesetze
Vijayesh Lal, Generalsekretär der «Evangelical Fellowship of India» (EFI), hebt hervor, dass «sich Verfolgung heute oft unterhalb der Schwelle massiver Gewalt bewegt. Sie ist jedoch dauerhaft, lokal begrenzt und zutiefst zersetzend für die Religionsfreiheit.»
Christliche Leiter sagen, dass der zunehmende Missbrauch staatlicher Anti-Konversionsgesetze gegen angeblich erzwungene oder betrügerische Bekehrungen zu einem der wichtigsten Treiber der Verfolgung geworden ist. Die Anzahl von Bundesstaaten mit solchen Gesetzen wächst.
Konvertierungen faktisch kriminalisiert
Rechtsbeistände sagen, dass selbst dann, wenn Verfahren vor Gericht zusammenbrechen, der Prozess selbst zu einer Form der Bestrafung werde. Die Beschuldigten verbringen oft Monate mit Gängen zu Polizeistationen und Gerichten, tragen hohe Rechtskosten und sie sind sozialer Stigmatisierung in ihren Gemeinden ausgesetzt.
Laut Open Doors «verankern diese Gesetze die hindu-nationalistische Erzählung, dass Hindus nur aufgrund von Druck oder Anreizen durch Christen konvertieren, wodurch Handlungen, die zu einer Konversion führen oder führen könnten, faktisch kriminalisiert werden».
Grösse erschwert Einordnung
Christliche Leiter betonen, dass Indiens Grösse und Vielfalt jede einheitliche nationale Bewertung erschweren: Indien ist mittlerweile das bevölkerungsreichste Land der Welt. Die Bedingungen unterscheiden sich in der Nation, die über dreimal mehr Einwohner zählt als die EU, stark zwischen den Bundesstaaten, und Veränderungen von Gewalt oder Druck in einer Region können nationale Indikatoren beeinflussen.
Premierminister Narendra Modi, erstmals 2014 gewählt und 2019 sowie 2024 wiedergewählt, leitete eine Phase, in der laut Open Doors «die jährlich gemeldete Zahl gewaltsamer Angriffe auf Christen deutlich gestiegen ist».
Modis Wiederwahl 2024 fiel knapper aus, sodass er eine Koalition mit Parteien bilden musste, darunter auch solche, die die Religionsfreiheit stark unterstützen. Laut Open Doors hat dies jedoch «eine wachsende Welle der Verfolgung von Christen, die sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene ermöglicht wird, nicht aufgehalten».
Pastor fühlte sich dem Tod überlassen
Ein Beispiel (das bereits im Bereichszeitraum des Weltverfolgungsindex 2027 liegt) ereignete sich am 4. Januar 2026: Hindu-nationalistische Extremisten griffen Pastor Bipin Bihari Naik (35) im Dorf Parjang im indischen Bundesstaat Odisha an und führten ihn öffentlich vor. Während die Polizei zusah, wurde er von einem 150 Personen umfassenden Mob brutal behandelt und man versuchte ihn zu zwingen, hinduistische Gottheiten zu verehren.
Pastor Naik sagte, sein Überleben sei ein Wunder gewesen, da er sicher gewesen sei, getötet zu werden. «Als mein Martyrium nicht mehr aufzuhalten war und die Polizei keinerlei Absicht zeigte, mich zu retten, übergab ich meinen Geist Jesus, in dem Wissen, dass sie mich töten würden», sagte Pastor Naik gegenüber «Morning Star News».
Mob verärgert wegen Hausgemeinde
Der Mob gab später an, verärgert darüber zu sein, dass er Hindus zum Christentum bekehre. Pastor Naik leitet seit fast zwei Jahren eine Hausgemeinde im Dorf Parjang, nachdem er vor acht Jahren dorthin gezogen war.
Etwa 15 Minuten nach Beginn des Gottesdienstes am 4. Januar drangen rund 40 Personen, angeführt von Mitgliedern des «Bajrang Dal», der Jugendorganisation der hindu-extremistischen «Vishwa Hindu Parishad» (VHP), gemeinsam mit sogenannten Kuhschützern, in das Haus ein. Diese selbsternannten Kuhwächter, die sich Gau Rakshaks nennen, nehmen häufig das Gesetz in die eigene Hand, um Kühe zu schützen, die Hindus als heilig betrachten.
Er wurde hinausgezerrt, der Mob erhob keine Anschuldigungen und stellte keine Forderungen, sondern begann unmittelbar mit dem Angriff.
Versagen der Polizei
Die Polizei weigerte sich, einen «First Information Report» (FIR) aufzunehmen, und zwangen ihn, ein Schreiben zu verfassen, in dem es hiess, «der Mob habe meine Aktivitäten missverstanden und mich fälschlich für jemanden gehalten, der illegale Bekehrungen im Dorf durchführt, und mich deshalb angegriffen», sagte er.
«Die Polizei drohte mir, ein Verfahren gegen mich einzuleiten und mich ins Gefängnis zu bringen, falls ich mich weigere», fügte Pastor Naik hinzu.
Aus Sicherheitsgründen weggezogen
Am 12. Januar wandten sich rund 30 christliche Leiter an das Büro des Polizeipräsidenten und reichten einen Antrag auf Registrierung einer formellen Anzeige ein. Der Polizeipräsident leitete den Antrag an die Polizeistation Parjang weiter, woraufhin am 13. Januar die FIR Nr. 0041 gegen rund 20 Personen wegen «Körperverletzung», «widerrechtlicher Freiheitsberaubung», «unerlaubter Versammlung», «Aufruhrs», «Bewaffnung mit tödlichen Waffen» und «krimineller Einschüchterung» registriert wurde.
Der Pastor und seine Familie zogen an einen nicht genannten Ort rund 70 Kilometer vom Dorf entfernt und planen, niemals zurückzukehren. Die Angreifer suchten den Vermieter des Pastors auf und drohten ihm mit schweren Konsequenzen, sollte er der Familie die Rückkehr erlauben.
Zum Thema:
Häuser indischer Familien zerstört: Weil sie sich weigerten, Christus abzuschwören
Gewalt über Weihnachten: Indiens AICU fordert Schutz für Christen
Untersuchung gefordert: Indien: Starke Zunahme von Gewalt gegen Christen
Datum: 09.02.2026
Autor:
Surinder Kaur / Morning Star News / Daniel Gerber
Quelle:
Christian Daily International / Übersetzung: Livenet