Meinung der Kirchen zu politischen Debatten nicht gefragt
7'045 Leserinnen und Leser haben bei der Umfrage zum Thema «Sollen sich die Kirchen politisch stärker engagieren?» teilgenommen. Am gestrigen 10. Mai 2026 hat die SonntagsBlick-Redaktion das Ergebnis publiziert. Satte 84 Prozent sind dagegen, dass die Kirchen in politischen Debatten ihre Stimme lautstark oder noch lautstärker erheben. Lediglich 16 Prozent fänden eine stärkere Beteiligung der Kirchen vor Abstimmungen den richtigen Weg.
«Staat und Kirche müssen getrennt sein»
Die Mehrheit der SonntagsBlick-Leserschaft begrüsst das. Die Zeitung hat einige Stimmen publiziert: Josef Bühler aus Dietwil AG findet, Staat und Kirche müssten getrennt sein und die geistlichen Würdenträger sollten zuerst ihre Verfehlungen zugeben und bei sich aufräumen. «Wo ist hier die von ihnen gepredigte göttliche Gerechtigkeit?» Auch Esther Betschart aus Schindellegi SZ findet, dass sich Kirchen «auf keinen Fall stärker politisch engagieren» sollten. Fridolin Gafner aus Genf hingegen sieht es als Aufgabe der Kirche, sich bei ethischen und moralischen Themen öffentlich zu äussern.
Schliesslich stellt Fritz Häuselmann aus Gelterkinden BL nüchtern fest, das geeignete Mass des politischen Engagements zu finden, sei für die Kirchen eine stetige Gratwanderung. «Den einen ist es zu viel, den anderen zu wenig.»
Landeskirchen verzichten auf Parolen
Auslöser der Umfrage war die passive Haltung sowohl der reformierten wie auch der katholischen Kirchen zur SVP-Initiative, die das Bevölkerungswachstum nicht über 10 Millionen steigen lassen will. Traditionell ist Migration ein Kernthema der Landeskirchen, zu dem sie sich in der Vergangenheit oft aktiv geäussert hatten. Diesmal verzichten jedoch sowohl die Schweizer Bischofskonferenz wie auch die Evangelisch-reformierte Kirche auf eine Stellungnahme.
Beide Kirchen geben zwar auf Rückfrage der Blick-Redaktion zu Protokoll, dass Migration weiterhin ein zentrales Thema sei. Man wolle die Diskussion aber nicht auf ein Ja oder Nein verkürzen, da hier «komplexe gesellschafts-, wirtschafts- und migrationspolitische Abwägungen» im Vordergrund stünden. Eine Parole würde die notwendige Debatte verkürzen.
EKS-Präsidentin: «Ängste ernstnehmen»
Gegenüber der eigenen Zeitung «reformiert» begründet Rita Famos, Präsidentin des Rats der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), ihre Haltung zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ausführlich: «Die Initiative betrifft unsere Gesellschaft sehr existenziell. Und damit auch die Kirche, die in dieser Gesellschaft Kirche ist. Das ist ganz klar. Als Institution hingegen betrifft sie die Initiative nicht unmittelbar.»
Die EKS-Präsidentin Rita Famos findet, dass man die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen müsse. Ihrer Meinung nach stellt die SVP-Initiative die richtigen Fragen, gebe aber die falsche Antwort. Das ganze Interview ist auf dem Online-Portal von «reformiert» frei verfügbar.
SRG-Trendumfrage zeigt Pattsituation
Spätestens seit der SRG-Umfrage von letzter Woche werden die Gegner der 10-Millionen-Schweiz-Initiative sehr ernst genommen. Diese Trendbefragung zeigt, dass im Moment 47 Prozent Ja und 47 Prozent Nein sagen würden. Lukas Golder vom Meinungsforschungsinstitut GfS Bern spricht in der NZZ vom Samstag, 9. Mai, von einem offenen Ausgang. Die Meinungsbildung ist gemäss Golder schon weit fortgeschritten. Die Eidgenössische Volksabstimmung zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» findet am 14. Juni 2026 statt.
Ebenfalls zur Abstimmung kommt dann die Änderung des Zivildienstgesetzes. Der Bundesrat und die Mehrheit des Parlaments wollen den Wechsel von der Armee zum Zivildienst mit sechs Massnahmen erschweren. Zurzeit zeichnet sich bei dieser Vorlage ein knapper Ja-Trend von 52 Prozent ab (ebenfalls SRG-Trendumfrage, durchgeführt vom GfS Bern).
Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus. Bei Livenet ist er seit über zehn Jahren als Chefredaktor und Talkmaster tätig, 2023 hat er zudem die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Flo wirkt als Brückenbauer in der christlichen Szene mit dem Anliegen, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren.
Datum: 11.05.2026
Autor:
Florian Wüthrich
Quelle:
Livenet