Du führst – aber wirst du auch wirklich gehört?
Jemand steht vorne. Nicht freiwillig. Oder sagen wir: nicht ganz freiwillig. Die Person wurde nicht gezwungen, aber sie ist auch nicht nach vorne gestürmt. Sie steht dort, weil der Moment gekommen ist, auf den ich jeweils warte. In der Hand vielleicht ein Zettel. Oder auch nichts. Ein kurzer Blick in die Runde, dann beginnt sie zu sprechen.
Und ich sehe mehr als die Worte. Ich sehe den inneren Dialog. Die leise Frage: Genügt das, was ich bin?
Manche beginnen zu schnell. Die Worte kommen wie ein Schutzschild, noch bevor sie wirklich angekommen sind. Andere lachen kurz, fast entschuldigend, als wollten sie sagen: Nimm es nicht zu ernst. Und wieder andere verlieren sich in Nebensätzen, bauen Umwege, als wäre der direkte Weg zu gefährlich.
Technik ist Nebensache
Auftrittskompetenz ist auch für Unternehmer kein technisches Problem. Es ist ein menschliches. Nach jeder kurzen Ansprache frage ich nicht zuerst nach der Wirkung. Ich frage: «Was hast du in dir selbst wahrgenommen, während du gesprochen hast?»
Dann geschieht etwas Überraschendes. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Weg von der Leistung. Hin zur Wahrnehmung.
Eine Teilnehmerin sagte einmal: «Ich habe gemerkt, dass ich mich selbst ständig korrigiere, während ich spreche.» Ein anderer sagte: «Ich habe versucht, es richtig zu machen, statt einfach da zu sein.»
In diesen Momenten wird der Raum stiller. Ehrlicher. Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, besser zu wirken. Sondern sich selbst, anderen und auch Gott zu begegnen. Ich beobachte, wie sich im Verlauf des Workshops etwas verändert. Nicht spektakulär. Eher wie eine kleine Verschiebung der inneren Gewichte.
Authentisch bleiben statt «Rolle spielen»
Und dann geschieht manchmal dieser seltene Moment. Jemand steht vorne und sagt einen einfachen Satz. Ohne Eile. Ohne Absicherung. Ohne sich zu verstecken. Und der ganze Raum spürt es. Nicht, weil der Satz perfekt war. Sondern, weil die Person da war.
In solchen Momenten wird mir immer wieder klar: Diese Übungen sind nur der Vorwand. Es geht nicht um Präsentationen. Es geht um Erlaubnis. Die Erlaubnis, sich nicht länger zu verlassen. Was hier geschieht, wirkt weit über den Workshop hinaus. In Meetings. In Gesprächen. In den kleinen Alltagssituationen, in denen man sonst vielleicht geschwiegen hätte. Oder sich verloren hätte in Erklärungen.
Auftrittskompetenz ist nicht nur die Fähigkeit, sich zu zeigen. Es ist die wachsende Bereitschaft, sich nicht mehr zu verstecken. Und ich merke: Wenn jemand beginnt, seinem Gott zu vertrauen und sich mehr zuzutrauen, verändert sich nicht nur sein Auftreten. Es verändert seine Präsenz im Leben. Man steht nicht mehr anders da. Man steht mehr zu sich.
Zum Autor: Ruedi Josuran ist langjähriger TV- und Radiomoderator, Coach und LabOra-Ambassador und moderiert auch regelmässig die Livenet-Talks. Seine Erfahrungen im Bereich Auftrittskompetenzen und Kommunikation stellt er im Auftrag der LabOra Stiftung auch für Unternehmen zur Verfügung.
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Datum: 04.05.2026
Autor:
Ruedi Josuran
Quelle:
Livenet