Wie Schmerzen Leiterschaft positiv beeinflussen
Meine eigene Leitungskrise hat mich gebrochen, aber nicht zerbrochen. Sie hat mir Schmerzen zugefügt, aber mich auch Heilung erleben lassen. Gott hat mir so treu hindurchgeholfen, dass ich heute wieder leiten darf. Und ich habe gelernt, den Reichtum zu entdecken, der in diesen Schmerzen steckt. Man erkennt ihn vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick. Mein Ziel ist es, mit dir diesen Reichtum zu entdecken und diesen Schatz zu heben.
Angefangen in unserer Kindheit, in der wir manchmal ganz physisch Wachstumsschmerzen erleiden, zieht es sich durch unser Leben durch, dass wir immer wieder mit etwas Schmerzhaftem konfrontiert werden – äusserlich wie innerlich. Das gilt auch für unsere Leiterschaft. Dabei erklimmen wir sprichwörtlich Berge und steigen dann wieder tief ins Tal hinab. Wir erleben aufregende, inspirierende Dinge als Leiterinnen und Leiter. Wir sind beflügelt und denken, es gebe nichts Schöneres auf dieser Welt. Und dann kommt der ungewollte Sinkflug. Vielleicht auch eine Bruchlandung, und wir fragen uns, wie es noch mal auf dem Berg aussah. Er scheint so fern.
Chand schreibt in diesem Zusammenhang: «Wachstum bedeutet Veränderung. Veränderung bedeutet Verlust. Verlust bedeutet Schmerzen. Also ist Wachstum gleich Schmerz.» Wir werden kein Wachstum in uns selbst und in unserer Arbeit erleben, ohne dass wir nicht auch durch Schmerz und Leid hindurchgehen. Schmerzen sind Teil unserer Entwicklung – persönlich, charakterlich, geistlich und auch in unserer Position als Leitende. Alles, was wächst, erlebt Schmerzen. Wenn ich also versuche, Schmerz zu vermeiden, vermeide ich auch das Wachstum. Und ja, es könnte bedeuten, dass du für eine Leitungsverantwortung einen hohen Preis zahlen musst.
Warum sich das Aushalten lohnt
Der amerikanische Professor für beratende Psychologie, Referent und Autor Dan Allender schreibt in seinem Buch Leading with a limp (dt. «humpelnd leiten») über seine Leitungserfahrung: «Leiten ist vielleicht das Kostspieligste, was du jemals tun wirst. Und es kann sein, dass diese Funktion dir niemals Reichtum, Ehre oder Anerkennung bringen wird.» Aber dabei belässt Dan Allender es nicht. Während er von einer eigenen Leitungskrise berichtet und uns mit hineinnimmt in die Herausforderungen eines Leitenden, schreibt er: «Es ist das Kostspieligste, aber auch das Schönste, was ich jemals tun konnte.» Und er fügt an: «Und ich würde es sofort immer wieder machen.» Er ist bereit, den Preis für Leiterschaft zu zahlen, immer wieder neu. Warum? Weil er sich von Gott berufen weiss und eine starke Vision hat, die ihn stets zum Aufstehen animiert.
Wir können als Leitende nur wachsen, wenn wir bereit sind, auch mit den Schmerzen mitzuwachsen. In der Bibel wird immer wieder beschrieben, wie Gott diese schmerzhaften Situationen nutzt. Zum Beispiel schreibt Paulus im Römerbrief: «Wir danken Gott auch für die Leiden, die wir wegen unseres Glaubens auf uns nehmen müssen. Denn Leid macht geduldig, Geduld aber vertieft und festigt unseren Glauben, und das wiederum stärkt unsere Hoffnung.» Römer 5,3-4; Hfa
Wir dürfen also erleben, dass Schmerzen und Leiden uns helfen zu wachsen. Dass unsere Leiterschaft durch Schmerzen an geistlichen Früchten reift: Geduld zum Beispiel. Und dass unser Glaube durch Bewährungsproben fest und unerschütterlich wird (Jakobus 1,3).
Wenn wir vor dem Schmerz und dem Preis, der damit verbunden ist, zurückweichen, wird es schlussendlich für unsere Gemeinde, unseren Dienst, unsere Verantwortung bedeuten, dass unser Wachstum stagniert oder sich zurückentwickelt. Aber wenn wir bereit sind, diese Schmerzen zu ertragen, gibt es keine Limits, wie Gott durch uns wirken kann.
Schmerz als Werkzeug in unserer Werkzeugkiste
Wenn wir Schmerzen in Leiterschaft also nicht verhindern können, müssen wir als Leitende unbedingt lernen, mit Schmerzen und Verletzungen richtig umzugehen. Jeder von uns benötigt dazu eine eigene Strategie, damit die Schmerzen nicht chronisch werden. Oder wenn sie wie bei Paulus chronisch sind, müssen wir lernen, sie anzunehmen. Wir können Verletzungen nicht verhindern, aber wir können etwas dafür tun, dass die Wunde zu einer gesunden Narbenbildung kommt und nicht jahrelang vor sich hin eitert und sich auf den Rest unseres Lebens auswirkt.
Als Kinder haben wir vielleicht geweint, wenn wir hingefallen sind. Wir wurden von jemandem, der uns liebt, getröstet. Manche besonderen Pflaster wanderten auf unsere Hände, Ellenbögen oder Knie. Nachdem der Schmerz vorbei war, trugen wir die Pflaster wie eine Trophäe.
Je älter wir wurden, umso weniger weinten wir laut. Wir entwickelten stattdessen das lautlose Weinen des Herzens. Und dazu eine innere Strategie, Schmerzen zu stoppen. Aber wie heilsam kann es sein, mal alles herauszuweinen und dabei zu spüren, wie uns gefühlte Steine vom Herzen plumpsen! Das gestatten wir uns kaum, oder? Als Erwachsene stehen wir da doch drüber, Schmerzen machen wir mit uns selbst aus. Wir haben dafür manche gute und auch weniger gute Strategie im Umgang mit Schmerzen entwickelt. Aber effektiv sind sie allemal. Oberflächlich scheinen die Schmerzen zu verschwinden. Doch ohne offenen Umgang verschiebt sich die Ursache nur – oft nach innen, in unser Herz. Manche Wunde betäuben wir mit Dingen, die uns mehr schaden als helfen. Schokolade hilft sicherlich ein wenig, aber auch nachhaltig? Oder ist es vielleicht der übermässige Alkohol- oder Fernsehkonsum, mit dem wir versuchen, kurzfristig etwas, was uns richtig getroffen hat, zu vergessen oder kleinzureden? Wie wir auf gesunde Weise mit unseren Schmerzen als Leitende umgehen können, erkläre ich dir in Kapitel 5.
Als ich mich in meiner Krise befand, nahm der ehemalige internationale Direktor der Lausanner Bewegung, Doug Birdsall, mit mir Kontakt auf, um mich zu unterstützen. Er hatte durch einen Freund von mir gehört. Ich war sehr berührt, denn weder kannte er mich, noch spielten wir in der gleichen »Leiterschafts-Liga«. Wir trafen uns ein paar Monate später auf einen Kaffee, da wir an der gleichen Konferenz teilnahmen. Er sagte zu mir: «Evi, in ein paar Jahren schaust du dir deine schmerzvolle Geschichte an und du wirst erleben, wie dieser Schmerz ein Werkzeug in deiner Werkzeugkiste geworden ist.» Ich schaute ihn mit tränenerfüllten Augen an und antwortete: «Wirklich? Kann so etwas tatsächlich geschehen?»
Ich wünsche mir, dass du das ebenso erlebst. Denn Schmerz kann uns im Leben entscheidend weiterbringen. Verschwende ihn nicht, sondern nutze ihn für Gott und sein Reich. Eines Tages wird dein Schmerz auch für dich ein Werkzeug in deiner Werkzeugkiste sein.
Fragen zur Reflexion
- Was löst der Gedanke in dir aus, dass so wenige Leitende bis ans Ende ihres Lebens durchhalten?
- Welche Schmerzen sind in deinem Leben gerade sehr präsent?
- Betrachtest du sie als Feind oder Freund?
- Welchen Schmerzen möchtest du dich stellen und an welche hast du dich irgendwie schon zu sehr gewöhnt?
- Welche Lektionen haben dich die vergangenen Schmerzen gelehrt?
Hier geht es zum vorherigen Teil des Buchauszugs.
Zur Autorin: Evi Rodemann (Jg. 1971) lebt im Grossraum Hamburg und arbeitet als Theologin und Eventmanagerin. Sie engagiert sich in der internationalen Arbeit der Lausanner Bewegung und der «WEA Mission Commission» sowie in ihrem gegründeten Verein «LeadNow». Ihr Schwerpunkt ist die junge Leitergeneration. Ihr Buch erschien zum Thema «Scheitern erwünscht – warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen».
Zum Buch:
Scheitern erwünscht!
Datum: 22.04.2026
Autor:
Evi Rodemann
Quelle:
Buchauszug «Scheitern erwünscht»