Sozial wirksam

Augenblicke – Ein Blinder wird sehend

Ich war blind, aber jetzt kann ich sehen (Symbolbild)
Wer kennt nicht «blinde Flecken» im Leben? In seinem Buch «Der Sehendmacher» beschreibt Compassion-Leiter Steve Volke, wie Jesus ihm die Augen für seine Herzensanliegen öffnete. Buchauszüge einer ehrlichen Entdeckungsreise, die Herzen verändern kann.

Der Sehendmacher begann damit, einen «blinden Fleck» in meinem Leben nachhaltig wegzunehmen. Und ich stellte beim genaueren Nachdenken fest, dass das zu seinem Wesen gehört. Im Neuen Testament gibt es einige Erzählungen, in denen Jesus sich mit den Themen «Licht und Dunkelheit», «Blind sein» oder «Sehend werden» beschäftigt. Er zeigte sich dabei nicht nur als hilfreicher Wegweiser, sondern im wahrsten Sinn des Wortes als «Sehendmacher».

Er heilte Blinde. Und die waren nicht nur im übertragenen Sinn blind, sondern auch im physischen. Wie zum Beispiel der Mann, der als «der blinde Bartimäus» bekannt geworden ist (Markus 10,46–51).

Eine unerwartete Reaktion

Jesus war mit seinen Leuten unterwegs von Jericho nach Jerusalem, wie immer begleitet von einer grossen Menschenmenge. Auf ihrem Weg sass ein blinder Bettler, Bartimäus. Als der die Menge hörte und mitbekam, wer an ihm vorübergehen würde, begann er zu schreien: «Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!» Die Leute waren nicht gerade begeistert, aber er schrie nur noch lauter: «Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir.» Jesus reagierte mal wieder völlig anders, als die Menschen es erwarteten. Als er diesen blinden Bettler rufen hörte, sagte er zu seinen Jüngern: «Bringt ihn her.» Bartimäus warf seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus. «Was soll ich für dich tun?», fragte Jesus. «Meister», sagte der blinde Mann, «ich möchte sehen!» Da sagte Jesus zu ihm: «Geh nur. Dein Glaube hat dich geheilt.» Und im selben Augenblick konnte der Blinde sehen! Anschliessend folgte er Jesus auf seinem Weg.

Was für eine Geschichte! Da sitzt einer Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag am Strassenrand, kann nichts sehen, er ist auf das angewiesen, was er an Almosen bekommt, und «sieht» nun seine Chance gekommen. Es ist ja nicht so, als hätte er nichts vom Leben mitbekommen. Vom Hören-Sagen scheint er über Jesus informiert gewesen zu sein und offensichtlich hat er sich viele Gedanken gemacht, wer dieser Jesus ist, denn er redet ihn mit «Sohn Davids» an. Damit drückte er nicht nur aus, dass er die direkte Nachkommenschaft Jesu von David anerkannte, sondern auch, dass es sich bei ihm um den verheissenen Erlöser handelte.

Jesus sprengt Gedankengebäude

Seine Worte sind mehr als eine Anrede, sie sind ein Bekenntnis. Und als er hört, dass Jesus nicht weit von ihm entfernt ist, sagt sich Bartimäus: Jetzt oder nie! Gottes Sohn – das verspricht Macht, das verspricht Heil. – Doch anscheinend wird seine Sicht nicht von allen geteilt. Deshalb versuchen die Leute, die um Jesus herum sind, den Blinden zum Schweigen zu bringen. Darunter auch einige Fromme, die «ihren Jesus» nicht mit einem Blinden teilen wollten.

«Ihren Jesus», von dem sie dachten, sie wüssten genau, wie er ist.

«Ihren Jesus», von dem sie aber so wenig verstanden.

Und so geschieht im Wunder des Moments für Bartimäus auch für die Wegbegleiter Jesu, für die Neugierigen und Mitläufer, ein Augenöffner: Jesus ist ganz anders.

Jesus ist nicht nur für sie da, sondern für alle Menschen. Er sprengt ganze Gedankengebäude von Menschen, auch wenn sie meinen, «ihren Jesus» im Griff zu haben, «ihren Jesus» zu kennen, «ihren Jesus» verstanden zu haben.

Bartimäus wird von Jesus gerufen. Ein Impuls, der von Jesus selbst aus geht. Er möchte, dass im Leben des Blinden etwas anders wird. Er möchte, dass Bartimäus sehend wird. Und es ist diese persönliche Liebe Jesu zu dem Blinden, die Bartimäus später tatsächlich sehend macht.

Allein die Aufforderung «Bringt ihn her» hat so viel von dem in sich, wie Jesus verstanden werden will. «Bringt ihn her» – das bedeutet:

  • «Lasst ihn näher an mich ran!»
  • «Ich will ihm nahe sein»
  • «Ich will ihn berühren können!»
  • «Ich möchte, dass er mich besser erkennen kann.»

Der Beginn einer Reise

Steve Volke

Bartimäus versteht all das sofort. Der Bericht erwähnt, «Bartimäus warf seinen Mantel weg.» Vielleicht nur eine kleine Geste, aber mit grosser Bedeutung. Denn indem Bartimäus seinen Mantel fallen lässt, streift er die Vergangenheit ab, er lässt alles zurück, was ihm bisher Identität (als Bettler) und Schutz (vor Kälte und Wetter) gab – und was sein einziger Besitz ist.

Jesus stellt eine aus meiner Sicht äusserst eigenartige Frage: «Was soll ich für dich tun?» Dumme Frage. Was will ein Blinder? Sehend werden. Doch aus der Perspektive von Jesus ist sie so logisch wie nur was: Jesus möchte es aus dem eigenen Mund von Bartimäus hören: «Was willst du, das ich dir tun soll?» Und er möchte es so konkret wie möglich ausgesprochen haben.

Bartimäus wird geheilt – und sieht als Erstes: Jesus! Er sieht Jesus vielleicht sogar in einem anderen Licht als bisher. Er ist völlig anders als gedacht und vielleicht als er ihn sich vorgestellt hat. Insofern kann der ehemalige Blinde vom Wegesrand mit Hiob sprechen: «Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen!»(Hiob 42,5)

Was der blinde Bettler in diesem Moment erlebt, ist das Gleiche, das John Newton in «Amazing Grace», einem der bekanntesten Liedtexten der Welt, einmal so ausgedrückt hat: «I once was lost, but now I’m found. Was blind, but now I see.» (Ich war einst verloren, aber ich wurde gefunden. Ich war blind, aber jetzt kann ich sehen.)

Die Geschichte des Blinden Bartimäus bedeutet mir sehr viel. Der Sehendmacher wollte auch mir die Augen öffnen. Er wollte, dass ich Wunder erleben würde. Und das ist tatsächlich geschehen. Ich sollte sehend werden für seine Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die sich von meiner bisherigen Wahrnehmung so stark unterschied. Jesus begann eine neue Reise mit mir. Auf meinem bisherigen Weg hatte ich mich immer wieder gefragt und auch heute frage ich immer wieder: «Wo ist mein blinder Fleck?» – «Auf welchem Gebiet bin ich blind?» – «Wo soll Jesus mich sehend machen?»

Jesus fragte den Blinden: «Was soll ich für dich tun?»

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Der letzte Teil findet sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 22.04.2026
Autor: Augenblicke – Ein Blinder wird sehend
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

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