«Wer findet einen, der zuverlässig ist?»
«Viele Menschen rühmen sich ihrer Güte; aber wer findet einen, der zuverlässig ist?»
Sprüche 20,6 / Luther
Aktuell ist der grosse Aufschrei über Patrick Fischers Fehltritt mit der Fälschung seines Covid-Zertifikats an den Olympischen Spielen 2022 in Peking im Gang. Darauf wurde er Mitte letzter Woche als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft freigestellt. Mir geht’s in meinem Text nicht um die Rolle und Verantwortung von Fischer, oder auch des SRF-Reporters, des Eishockeyverbands usw. Darüber wurden bereits tausende Kommentare und Posts veröffentlicht. In meiner Reflexion möchte ich über die Frage der Integrität schreiben. Denn hier sind wir alle herausgefordert. Wo sind wir in der Gefahr, Werte zu verraten, Vertrauen zu enttäuschen und im entscheidenden Moment mutlos zu sein? Wie steht es mit meiner Zivilcourage, wenn’s drauf ankommt?
Cassie sagte «Ja»
Cassie Bernall, die als 17-Jährige am 18. April 1999 bei einem Massaker an der High School Littleton brutal erschossen wurde, ist mir immer noch ein drastisches, mahnendes Zeugnis. Im entscheidenden Moment, als ein Amokläufer fragte, ob jemand hier an Jesus glaube, fasste sie Mut und sagte «Ja» (Livenet berichtete).
Zivilcourage ist für unser eigenes Seelenleben relevant: Der Autor, Theologe und Unternehmensberater Johannes Czwalina, der nächsten Donnerstag im Livenet-Talk zu Gast sein wird, ist mir in diesem Thema eine grosse Inspirationsquelle. In seinem Buch «Wer mutig ist, der kennt die Angst» beschreibt er eindrücklich, dass Zivilcourage und Integrität die Kardinaltugenden für nachhaltiges seelisches Wohlergehen sind, auch wenn sie mit kurzfristigen Nachteilen verbunden sein können. Nur wer Stellung beziehe, sei wirklich frei. Dazu die Sprichwörter: «Ehrlichkeit führt auf einen geraden Weg. Verdrehen der Wahrheit stürzt ins Verderben.» (Sprüche 11,3 / Basis Bibel).
Freiheit nicht für selbstverständlich halten
Das persönliche Wohlergehen eines Lebens mit geklärten Werten ist nur der eine Aspekt. Auf dem Spiel steht aber weit mehr: «Vor uns steht mit hoher Wahrscheinlichkeit nach knapp hundert Jahren Atempause ein neues Zeitalter der Autokratie, die das Ziel haben, die liberalen Demokratien zu ersetzen», prognostiziert Johannes Czwalina. Freiheit sei nicht ohne aktives Engagement zu haben. Dazu gehört für ihn eine lebendige Debattenkultur statt Hass und Gleichgültigkeit, ein würdiger Umgang mit dem fragilen Gut der Demokratie und die Bereitschaft zur Aufarbeitung vergangener traumatischer Ereignisse.
Dieser innere Antrieb motivierte Czwalina dazu, in Riehen eine Gedenkstätte für Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs zu gründen – was ihm viel Kritik und Häme einbrachte. Auch gegen die neuen Formen des Antisemitismus und Nationalismus schreibt er in seiner jüngsten Streitschrift «Die Rückkehr des Faschismus» mutig an. Ich bin dankbar für Stimmen wie diese, wenn ich sehe, wie der Faschismus neu an Boden gewinnt. Wenn man hört, dass in München bereits Wohnhäuser von Juden markiert werden oder dass Gruppierungen in der Schweiz auf Telegram-Kanälen Propaganda einer Neonazi-Terrorgruppe verbreiten (SRF-Artikel vom 10.04.26), muss man dem wohl Glauben schenken.
«Wenn an einem Ort noch zehn ehrliche und couragierte Menschen sind, die sagen, was gesagt werden muss, gibt es noch Hoffnung für diesen Ort.»
Jordan B. Peterson
Sagen, was gesagt werden muss
Auch der kanadische Philosoph Dr. Jordan B. Peterson warnt regelmässig von dem mutlosen Schweigen der Masse, das Diktaturen wie den Kommunismus hervorgebracht habe. Gerne vergleicht er dieses Phänomen anhand biblischen Geschichten wie dem Untergang von Sodom. Abraham feilscht die Zahl der Gerechten von 50 auf 10 herunter, wobei Gott zusagt, die Stadt um dieser wenigen willen zu verschonen. Petersons Fazit dazu: «Wenn an einem Ort noch zehn ehrliche und couragierte Menschen sind, die sagen, was gesagt werden muss, gibt es noch Hoffnung für diesen Ort.» Wenn diese Gerechten fehlen, ist einem totalitären System Tür und Tor geöffnet (das Prinzip kann übrigens auch für ein Unternehmen angewendet werden!).
Wenn uns nur der Mut nicht verlässt!
Kurz vor Ostern, am 9. April 2026, jährte sich die Hinrichtung von Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg zum 81. Mal. Zurecht wird er als Stimme des Widerstands gegen das Nazi-Regime immer wieder als leuchtendes Vorbild zitiert.
Ein zentraler Gedanke seiner Theologie war die Kritik an der «billigen Gnade». Für Bonhoeffer war Gnade kein religiöser Trost ohne Folgen, kein «Alles ist gut», sondern eine «teure Gnade», die den Menschen in die Nachfolge ruft. Sie fordert Verantwortung und Mut und erinnert daran, dass Überzeugungen ihren Wert erst im Handeln zeigen. Die reformierte Pfarrerin Sibylle Forrer, die zurzeit in Kilchberg ZH tätig ist, schrieb dazu auf Facebook: «Bonhoeffers Leben und Denken stellen eine unbequeme Frage: Wofür stehen wir und was sind wir bereit, dafür zu riskieren? Sein Vermächtnis ist keine fertige Antwort, sondern eine Einladung, die eigene Haltung zu prüfen.»
Diese Einladung gilt uns allen, genau an diesem Ort, an den wir hingestellt wurden, für unsere Überzeugung einzustehen, koste es, was es wolle.
Hier geht es zum vorherigen Teil der Sprüche-Serie.
Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus. Bei Livenet ist er seit über zehn Jahren als Chefredaktor und Talkmaster tätig, 2023 hat er zudem die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Flo wirkt als Brückenbauer in der christlichen Szene mit dem Anliegen, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren.
Datum: 21.04.2026
Autor:
Florian Wüthrich
Quelle:
Livenet