Sozial wirksam

Wie Freikirchen die Gesellschaft stützen

Der Staat nimmt das Engagement und den grossen gesellschaftlichen Nutzen wahr (Symbolbild)
Tausende Freiwillige, Leistungen im Millionenwert und steigende Anerkennung: Freikirchen leisten einen wachsenden Beitrag zum Gemeinwohl. Peter Schneeberger, Präsident des Dachverbandes «Freikirchen.ch», gibt einen Einblick in unserem Interview.

2026 ist das Uno-Jahr der Freiwilligen. Rund 590 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit werden in der Schweiz jährlich geleistet.

Peter Schneeberger, im Pandemiejahr wurden laut einer Studie durch das Engagement der Freikirchen der Sozialbereich der Schweiz um eine halbe Milliarde Schweizer Franken entlastet. Wie hat sich das Engagement seither verändert?
Peter Schneeberger:
Die Studie wurde nicht aktualisiert, aber wir haben aus dieser noch andere Zahlen, die damals nicht veröffentlich worden sind: Wir gingen davon aus, dass 45'000 Freiwillige engagiert sind.Die 45'000 Freiwilligen haben diakonische Leistungen erbracht, die bei Entgeltung ungefähr einer halben Milliarde Franken entsprechen würden: 45'000 Freiwillige, mal fünf Stunden pro Woche ergibt 11,7 Millionen Stunden pro Jahr. Dies mit einem Stundenlohn von 50 Franken unterlegt ergäbe die halbe Milliarde Franken.

2024 erfolgte die GFS-Umfrage, da ging es um Wahrnehmung. Dort wurden die Leute gefragt, wie sie Freikirchen erleben. Da kam heraus, dass Freikirchen für ihren Einsatz gegen Armut und Hunger sowie für das Gemeinwohl wahrgenommen werden. Dieser Wert stieg von 26 Prozent im Jahr 2016 auf 31 Prozent im Jahr 2024. Dahinter stehen auch reale Erfahrungen. Daran kann man festmachen, dass der diakonische Bereich zugenommen hat. Leute in der Gesellschaft machen vermehrt positive Erfahrungen mit Menschen aus Freikirchen. Ein weiterer Hinweis ist der Jahresbericht der Heilsarmee. Es ist der einzige Verband, der die geleisteten Tage der Ehrenamtlichen festhält. Der Wert ist 2022 bis 2024 zwar schwankend mit einer klaren Zunahme 2023.

Welche Rolle spielt die soziale Leistung der Freikirchen für die Schweizer Gesellschaft?
Die oben erwähnte Studie zeigt: Freikirchen wirken positiv in der Gesellschaft. Ein Beispiel ist «Tischlein-deck-dich». Das Angebot ist säkular, es wird jedoch oft von Freikirchen angeboten, weil dort ein Netz von Freiwilligen vorhanden ist; so etwa hier in meiner Region in der FEG Murten und FEG Grosshöchstetten. Oder die Vineyard ist bekannt für ihren «Dienst am Nächsten» (einer Kleiderausgabe für Bedürftige). Man merkt, dass Freikirchen eine gute Rolle als Veranstalter solcher Angebote spielen.

Wie sehen typische Beispiele aus dem Alltag aus?
Zu nennen ist der ganze Jungscharbereich, der einen grossen Nutzen für die Gesellschaft bietet. BESJ zählt zwischen 30 bis 35 Prozent Teilnehmer, die keinen Gemeindehintergrund haben; und in der Unihockey-Arbeit sind dies über 50 Prozent. Solche Angebote sind also nicht nur eine gemeindeinterne Angelegenheit, sondern sie bieten einen grossen Nutzen für die gesamte Gesellschaft, indem sie Kindern ein Outdoorerlebnis und sinnvolle Freizeitbeschäftigung auf christlicher Basis bieten

Oder die «Aktion Weihnachtspäckli», sie ist nicht ein typisches Freikirchliches Instrument, sondern sie stammt von Organisationen, die im Osten tätig sind, welche die Pakete dann in Länder die wie Ukraine und Moldawien bringen. 115'000 Päckli waren es im vergangenen Jahr. Dort, in der Ukraine machen sie einen grossen Unterschied … und auch hier: Man erlebt Freikirchen, die vor dem Coop oder der Migros Päckli packen. Diese Kombination finde ich stark. Es ist ebenfalls ehrenamtliche Arbeit; inklusive den Chauffeuren, die sie dann freiwillig in den Osten fahren.

Welche Zielgruppen werden hauptsächlich erreicht?
Das hat sehr oft mit den Ausrichtungen der Freikirchen zu tun. Ganz viele Freikirchen haben den Aspekt der Familien im Fokus, weil das auch ein Wert von ihnen ist. Durch Ehekurse helfen sie mit, dass Ehen stabil bleiben. Der zweite Punkt wird immer wie offensichtlicher: Die bereits riesige Gruppe der Generation 55+ ist die am stärksten wachsende Gruppe in der Schweiz. Es ist klar, dass man auch das im Blick haben muss. Viele Ehrenamtliche aus dieser Generation bringen Essen vorbei für noch Ältere oder halten Altersheim-Andachten ab. Wir dürfen diese Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren.

Eine haben wir noch viel zu wenig im Blick: Die Schweiz leidet zusehends unter Einsamkeit. Single-Haushalte und die wachsende Verstädterung führen in der säkularen Schweiz verstärkt in diese Not. Um dem zu begegnen, können Mittagstische gute Gelegenheiten sein.

Gibt es heute Schätzungen zum wirtschaftlichen Wert der sozialen Arbeit der Freikirchen?
Der Kanton Zürich erstellte einen Bericht für nicht-anerkannte Religionsgemeinschaften 2019 – 2023; dort sieht man auch den Nutzen von Freikirchen. Dadurch sollen Leistungen auch finanziell abgegolten werden. Seit einem Jahr dürfen diese Religionsgemeinschaften – zu denen auch die Freikirchen gehören – Anträge stellen. Da werden grosse Beträge ausgeschüttet, man sieht, der Staat nimmt das Engagement und den grossen gesellschaftlichen Nutzen wahr.

Peter Schneeberger

Auch wenn es wohl aufgrund der Vielfalt an Gemeinden nicht generell zu beantworten ist: Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Behörden aus?
Bald erfolgt ein Treffen mit der eidgenössischen Steuerverwaltung. Steuerverwaltungen erkennen Freikirchen zunehmend weniger als gemeinnützig an und stufen sie eher als kultisch ein. Dadurch werden steuerlich begünstigte Spenden stark eingeschränkt. Die Regierung und die Behörden gehen immer stärker einen laizistischen Weg. 

Sonst machen wir sehr positive Erfahrungen, auf nationaler Ebene ist der Umgang sehr gut. Im Kanton Bern gibt es einen Religionsbeauftragten, der einen runden Tisch eingerichtet hat, der die nicht-anerkannten Religionen einlädt. Und die Heilsarmee ist die grösste NGO in der Schweiz im sozialen Bereich: Sie ist sehr spezialisiert, zum Beispiel durch Alters-, Kinder- und Passanten-Heime.

Wächst die Zahl neuer Initiativen und Projekte gegenwärtig?
Ab nächstem Jahr wird «Kirche für andere» aktiv. Grundlage dieser Bewegung sind die «Five Marks of Mission». Viele Kirchen spüren eine Sehnsucht nach mehr «Kirche für andere». Gleichzeitig suchen Menschen um uns herum nach Hoffnung, Orientierung und Gemeinschaft. Zehn Gemeindeverbände haben sich zusammengetan um für ihre Umgebung eine Änderung auszulösen. Beispielsweise Thun verfügt über eine grosse Allianzsektion, die sich ebenfalls diesem Thema widmet. Da könnte schweizweit etwas Grosses entstehen. Das Ganze löst Begeisterung für Menschen aus, die noch nicht dazugehören, es geht darum, sich ihnen zu widmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas.

Datum: 21.04.2026
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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