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Den Kurs halten: Die doppelte Immunisierung

Die doppelte Immunisierung (Symbolbild)
Das Buch «Gemeinde mit Mission» bietet wichtige Hilfestellungen, wie Kirche ihrer Mission einer säkularisierten Welt gerecht werden kann. Im heutigen Auszug geht es um die die sogenannte doppelte Immunisierung.

Heute veröffentlichen wir einen dritten Teil aus dem Buch «Gemeinde mit Mission». Hier geht es zum ersten und zweiten Teil des Buchauszugs.

Wer nach den Ursachen der derzeitigen missionarischen Krise fragt, sollte also nicht ausschliesslich Säkularisierungsprozesse und den von uns kaum direkt beeinflussbaren gesellschaftlichen Wandel ins Feld führen. Einige der heutigen missionarischen Hürden sind hausgemacht. Die Kirche selbst hat unsere Zeitgenossen vielfach gegen den christlichen Glauben geimpft.

Reduktive Theologie…

Die Dynamik dahinter hat Alexander Garth als «doppelte Immunisierung» bezeichnet (siehe Garth, Untergehen oder umkehren, 51-82.): Erstens trägt vor allem eine verwässerte und mit bibelkritischen Positionen angereicherte reduktive Theologie dazu bei, dass Menschen immun werden gegen den Glauben: «Reduktive Theologie, die den Zweifel zum normativen Prinzip erhob, hat einen grossen Anteil an der Immunisierung vieler Menschen gegen den christlichen Glauben. Die Theologie selbst […] liefert der antikirchlichen und antichristlichen Agitation die Argumente, die über die Medien und auch über die Verkündigung der Kirche unters Volk gebracht werden. Theologie dient in diesem Fall dem Niedergang des Christentums.» (Garth, Untergehen oder umkehren, 77.)

Wer grundlegende Glaubensinhalte aufgibt, beschädigt die eigene kirchliche Glaubwürdigkeit. Die Kirche säkularisiert sich selbst, wenn Kernwahrheiten, die über Jahrhunderte von Christen zu allen Zeiten und an allen Orten geglaubt wurden, nun als zweifelhaft, überholt oder nicht mehr vermittelbar gelten. Wenn die Ergebnisse dieses scheinbaren «theologischen Fortschritts» dann auch noch von diversen Leitmedien vorzugsweise an Ostern und Weihnachten genüsslich aufbereitet und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, entsteht (so Garth) bei nicht-kirchlichen Zeitgenossen der Eindruck: Die Menschen in der Kirche glauben ja selbst kaum noch – warum sollte also ausgerechnet ich anfangen, mich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen?

… und Moralisierung

Zweitens entsteht Glaubensresistenz durch Moralisierung. Schon lange wird vor allem im Protestantismus das Evangelium auf seinen ethischen Kern und somit auf seine soziale und politische Dimension reduziert. Bei vielen unserer Mitmenschen ist so der Eindruck entstanden, es gehe beim christlichen Glauben letztlich darum, ein guter, hilfsbereiter Mensch zu sein, der das Gemeinwohl fördert. Was Jesus am Kreuz für unsere Rettung getan hat und warum das überhaupt nötig war, spielt höchstens noch eine untergeordnete Rolle. Die Erlösungsreligion «Christentum» wird von einem religiös angehauchten «Gutmenschentum» abgelöst. Doch inzwischen hat sich in weiten Teilen der Gesellschaft die Überzeugung durchgesetzt, dass man für gelebte Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe weder auf Gott noch auf die Kirche angewiesen ist. Ein auf Moral reduzierter Glaube verliert somit seine Existenzberechtigung.

«Der seit rund zweihundert Jahren laufende Prozess der Moralisierung des christlichen Glaubens hat mit dazu beigetragen, dass Menschen gegenüber der christlichen Kernbotschaft von der Versöhnung mit Gott immunisiert wurden. ‚Glaube brauche ich nicht. Ich bin doch ein guter Mensch. Daher wird Gott schon irgendwie, wenn es ihn überhaupt gibt, zufrieden mit mir sein.‘ Wenn Wesen und Ziel von Religion lediglich in der moralischen Verbesserung des Lebens gesehen werden, wird Religion überflüssig, ja sogar zum geistigen Ballast, den man getrost über Bord werfen kann. Religion, die sich in sozialem Engagement, Klimarettung, Geschlechtergerechtigkeit und Weltverantwortung erschöpft, schafft sich ab.» (Garth, Untergehen oder umkehren, 81.)

Dem pflichtet auch ein Kommentar aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bei: «Moralinsaure Vereine gibt es schon genug. Zur geifernden Politikberatung oder für ethische Pflichtübungen braucht man keine Kirche.»

Natürlich sind eigene theologische Positionen regelmässig auf Schieflagen und «blinde Flecken» abzuklopfen. Es muss Raum geben, um mit spannungsvollen biblischen Aussagen zu ringen und an bisher für selbstverständlich gehaltenen Überzeugungen zu zweifeln. Und selbstverständlich betrifft das Evangelium nicht nur unser «Seelenheil», sondern hat ganzheitliche Auswirkungen darauf, wie wir hier und heute leben, auch im sozialen, politischen und ökologischen Bereich.

Eine «grosszügige orthodoxe» Theologie

Stefan Schweyer

Doch die hier geschilderten Prozesse der doppelten Immunisierung machen klar: Wenn nun auch in «progressiven» evangelikal-freikirchlichen Kreisen nachdrücklich die Notwendigkeit der Abkehr und Loslösung von vormaligen theologischen Überzeugungen propagiert und eine starke Betonung auf die Vermittlung (gesellschaftlich mehrheitsfähiger) moralischer Werte gelegt wird, befeuert das genau die Dynamik, die offensichtlich bei vielen zu einer Stärkung ihrer Abwehrkräfte gegen das Evangelium geführt hat. Es ist schwer vorstellbar, dass derartige Akzentsetzungen nun plötzlich im Gemeindeaufbau als «Booster» für das missionarische Zeugnis wirken könnten.

Hingegen ist eine im besten Sinne «grosszügige orthodoxe» Theologie missionsfördernd. (Zum Konzept einer «grosszügigen Orthodoxie» vgl. Graham Tomlin, Navigating a World of Grace. The Promise of Generous Orthodoxy, London: SPCK, 2022; Graham Tomlin/Nathan Eddy (Hg.), The Bond of Peace. Exploring Generous Orthodoxy, London: SPCK, 2021.) Orthodoxie (von griechisch orthos: richtig, geradlinig und doxa: Meinung, Verehrung) meint den wahren Glauben, der in der Anbetung Gottes zum Ausdruck kommt. Dabei geht es nicht um Besserwisserei, sondern um Treue zu dem, wie Gott sich selbst offenbart hat und wie es uns im Zeugnis der Heiligen Schrift gesagt wird. Das Glaubensbekenntnis und die Heilige Schrift stehen dabei in Wechselwirkung. Das Bekenntnis fasst die Bibel zusammen und wird durch die Bibel bestätigt. Solche Kurzzusammenfassungen des Glaubens – wie das Apostolische Glaubensbekenntnis oder das Nizänische Glaubensbekenntnis – haben eine dreifache Funktion: Erstens geben sie Worte, um den eigenen Glauben zu bezeugen – beispielsweise bei der Taufe, aber auch in zwischenmenschlichen Begegnungen. Sie dienen zweitens zur Verteidigung des Glaubens gegenüber anderen Weltanschauungen, Ideologien und Religionen. Und sie fördern drittens bei aller Vielfalt die Einheit der Kirche. Die Kurzzusammenfassungen führen uns in knappen Zügen vor Augen, wie sich Gott in seiner Grosszügigkeit uns selbst hingibt: Er ist der Schöpfer der Welt und von uns Menschen. Er wird Mensch in Jesus Christus, der für uns sein Leben hingibt. Er sendet uns den Heiligen Geist, der uns Teil der Gemeinde werden lässt. Er schenkt uns ewiges Leben. Eine solche von Gottes Grosszügigkeit und Gnade geprägte Orthodoxie hilft Gemeinden, einen klaren theologischen Kurs zu halten und die Gemeindepraxis evangeliumsgemäss zu gestalten.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission: Damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. (Brunnen Verlag, ISBN 978-3-7655-2141-6, Giessen 2024, www.brunnen-verlag.de.) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches. 

Zum Buch:
Gemeinde mit Mission

Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.

Datum: 17.04.2026
Autor: Stefan Schweyer
Quelle: Buchauszug «Gemeinde mit Mission»

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