Sozial wirksam

Sehschule – Was Haiti mich lehrte

Die Kinder und Jugendliche auf Haiti bewegten das Herz von Steve Volke (Symbolbild)
Wer kennt nicht «blinde Flecken» im Leben? In seinem Buch «Der Sehendmacher» beschreibt Compassion-Leiter Steve Volke, wie Jesus ihm die Augen für seine Herzensanliegen öffnete. Buchauszüge einer ehrlichen Entdeckungsreise, die Herzen verändern kann.

Wer auf Haiti einen «normalen» Flughafen erwartet, wird eines Besseren belehrt. Sein «Terminal» ist nicht nur klein, sondern es befinden sich im Aussengelände mindestens zwanzigmal so viele Polizisten wie es Abflughallen gibt. Zu Fuss geht es über das Rollfeld. Unsere Koffer sollen nachkommen. Die Begrüssungskapelle vor dem Eingang des Flughafengebäudes spielt karibische Musik. «Welcome to Haiti!»

Im Inneren des Gebäudes ein Gewusel wie auf dem Jahrmarkt. Plötzlich kommt ein Mann auf mich zu, fragt nach unseren Koffern. Bevor ich die Situation blicke, hat er mein Ticket in der Hand, reisst die Gepäckscheine ab und verschwindet. Ich denke, ich spinne. Ich versuche, ihm nachzulaufen, aber er ist nicht mehr auffindbar. Zum Glück treffen wir einen Mitarbeiter von Compassion. Auf Haiti ist man ohne Einheimische verloren. Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche nach unseren Gepäckscheinen und nach dem Mann, der sie mitgenommen hat. Nach zehn Minuten finden wir ihn. Er steht an einem Gepäckband und wartet auf unsere Koffer. Was mir erst nachher klar wird, ist, dass er einen Ausweis des Flughafens trägt, und die Fluggesellschaft erteilt vielen eine Lizenz als «freiberufliche Kofferträger». Sie suchen die Koffer der Reisenden und bringen diese zum Wagen. Dafür bekommen sie dann von den Touris ein paar Dollar zugesteckt, und ihr Tag ist gerettet. Beruhigt lassen wir den Mann unsere Koffer zum Gepäckwagen tragen.

Armut, Kriminalität und drastische Unterschiede

Auf Haiti ist es in einem Punkt wie in Deutschland: Wer etwas besitzt, setzt alles daran, es zu schützen. Reiche ziehen zuerst Mauern hoch, bevor sie anfangen, ihre Häuser zu bauen. Ist dann alles fertig, wird auf die Mauern entweder Stacheldraht montiert oder sie werden mit einer Schicht flüssigem Zement begossen, in den abgebrochene Flaschenhälse gesteckt werden oder scharfkantige Muscheln. Keiner soll auf die Idee kommen, diese Barrieren zu überwinden.

Armut führt automatisch zu Kriminalität. Wir wurden von allen Seiten gewarnt, nicht in die Cité Soleil zu gehen, einem Slum mitten in der Stadt Port-au-Prince. Übersetzt heisst das «Sonnenstadt». Ein Weg der Armen, ihren tristen Alltag schön zu reden. Dieser Slum gehörte schon 2007 zu den grössten in der westlichen Hemisphäre. Seine geschätzten 200‘000 bis 400‘000 Einwohner leben in extremer Armut, auf einer Fläche von fünf Quadratkilometern. Die Kriminalität ist hoch. Die Armut führt dazu, dass Menschen entführt werden, um Lösegeld zu erpressen. In diesem Slum weiss man nie, was einen im nächsten Moment erwartet.

Gemeinsam mit einheimischen Mitarbeitern von Compassion sind wir in die Cité Soleil gegangen. Hier haben die Strassen keine Namen, die Häuser oft keine Dächer, die Blechhütten keine Türen. Das Leben findet überwiegend auf den Strassen statt. Selbst hier, unter den Ärmsten der Armen, begegnet man der Schere mit ihren drastischen Unterschieden, denn auch hier gibt es «reichere Arme» und «ärmere Arme». Nur in der Schule sind die Unterschiede aufgehoben: Alle Kinder tragen dieselbe Kleidung, lernen denselben Stoff. Teilweise haben die Familien sechs, sieben Kinder, von denen nur zwei oder drei zur Schule gehen können. «Ist das ein Problem?», fragen wir einige der Kinder. Die Antwort erstaunt: «Nein. Unsere Geschwister freuen sich mit uns, dass wir wenigstens das Privileg haben, etwas lernen zu dürfen!». Offensichtlich steht die Anteilnahme, der kleine Funken Hoffnung, hier über dem Neid.

Abenteuer auf LaGonave

Man hatte mich schon vorgewarnt, dass Haiti eine echte Abenteuertour sein würde, aber unser Abstecher auf die Insel LaGonave sollte alles Bisherige noch übertreffen. So geht es also einen Tag später in einem kleinen Flugzeug mit gerade mal zehn Sitzplätzen von einem Binnenflughafen in Port-au-Prince auf die Insel. Das Flugzeug landet auf dem Kieselstrand. Die Ankunftshalle hat die Grösse des Toilettenhäuschens an einem Baggersee. Wenigstens kann der Fluglotse, der mit der Landesflagge neben dem Flugzeug herläuft, seinem Alter nach zu urteilen auf einige Erfahrung zurückgreifen.

Auf LaGonave leben zirka 200‘000 Haitianer und es gibt zahlreiche Projekte, deren Besuch sich wirklich lohnt. Unsere Gruppe ist mit Dr. Yvette Angervil unterwegs, die hier in den Bergen aufgewachsen ist. Die Fahrt zu ihrem Haus und ihrer ehemaligen Schule gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen meines bisherigen 45-jährigen Lebens. Drei Stunden auf der Ladefläche eines Pick-ups, auf Brettern sitzend, über Strassen, die diesen Namen nicht verdienen. «Hoffentlich regnet es jetzt nicht!», sage ich leise vor mich hin. Wir fahren Passagen entlang, die man zu Fuss meiden sollte, und nicht nur einmal hängt mein Allerwertester über tiefen Schluchten, sodass ich während der Fahrt gleich noch ein weiteres Gebet spreche: «Bitte, lass den Lehmboden nicht abrutschen!».

Nach Stunden, die wirklich die Bezeichnung «Adventure» verdienen, sind wir schliesslich am Ziel der Reise angekommen, und der Direktor der Schule begrüsst Yvette. Da steht sie. Für die zahlreichen Kinder im Saal ein Vorbild. Eine Ärztin an einer Privatklinik, die aus ihrer Schule stammt. Da staunen nicht nur die Kleinen. Veränderung ist offensichtlich möglich und Armut muss nicht das letzte Wort haben.

Jugendliche, die bleiben wollen

Tags zuvor sprachen wir mit einem Studenten. Guy studiert Politikwissenschaft. Sein Traum ist, einmal ins Parlament einzuziehen. Wird der junge Christ vielleicht einmal Präsident des Landes? Dass viele Jugendliche die Insel und Haiti verlassen, um in den USA ihr Glück zu suchen, ist nicht neu. Doch die Jugendlichen, die wir in den christlichen Gemeinden sprechen, haben anderes im Sinn: Sie wollen bleiben! Weil sie ihr Land lieben und weil sie ihre Begabungen, ihr Wissen und ihre Ausbildung zum Wohl ihres Landes einsetzen wollen. Das klingt patriotisch, ist aber für ein Land wie Haiti die einzige Überlebenschance. Ein gutes Beispiel ist Yvette, die auch woanders hätte Ärztin werden können. Stattdessen bleibt sie auf Haiti, versorgt ihre Landsleute und ermutigt dadurch wiederum andere.

Was kann aus den Kindern werden, die mithilfe christlicher Gemeinden und Kirchen die Möglichkeit haben, ihre Armut zu lindern, etwas zu lernen und ihr Können dann für andere einzusetzen? Kitty, die ich auf LaGonave ebenfalls kennenlerne, möchte mal Psychologin werden. Die Neunzehnjährige studiert bereits Psychologie und will später mit traumatisierten Kindern in den Slums arbeiten. Nebenbei wird sie von einem Coach zu einer Jugendleiterin in ihrer Kirche ausgebildet.

«Was haben denn deine Eltern gesagt, als du Christin geworden bist», will ich wissen. «Och, die haben sich tierisch gefreut!», sagt sie. «Unsere Familie lebt schon seit Generationen als Christen!» Und wieder lerne ich etwas Neues: Christsein hatte ich bisher immer mit einem gewissen Lebensstandard verbunden – vielleicht weil in Deutschland in den Gemeinden soviel «Mittelklasse» vorhanden ist ... Doch dass es Christen gibt, die seit Generationen in Slums leben, und zwar nicht als Missionare, sondern weil sie selber bettelarm sind, diese Erkenntnis weitet mir meinen bisherigen Blick.

Offene Augen für eine Welt, zu er alle gehören

Compassion-Leiter Steve Volke

In einer anderen Gemeinde haben wir die Möglichkeit, nachmittags in verschiedene Arbeitsgemeinschaften reinzuschnuppern. In einem Raum sitzen etwa dreissig Teenager. Sie haben Musikunterricht. Und dann beginnen sie, für die weissen Besucher ein besonderes Lied anzustimmen. Ihre geballte Gesangspower zieht mir die Schuhe aus. «Open the eyes of my heart, Lord, I want to see you» («Öffne die Augen meines Herzens, Herr, ich will dich sehen») schallt es mir entgegen. Und ich merke, wie der Sehendmacher sanft, aber nachdrücklich beginnt, mir die Augen zu öffnen. Für seine Welt, in der es nicht nur gut situierte Christen in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern gibt, sondern zu der alle Menschen gehören, auch die Armen auf Haiti.

«Es gibt nur zwei Haltungen, die du nach einem solchen Besuch einnehmen kannst», sagt mir ein Freund, als ich ihm von meinen ersten Erlebnissen berichte. «Entweder du kommst nach Hause, schüttelst den Staub von deinen Kleidern ab und du sagst dir, dass du nie wieder in eine solche Situation kommen möchtest. Oder aber du bist so angesteckt, dass du nicht mehr so bist wie vor deiner Reise. Einen Mittelweg gibt es nicht!»

Meiner Frau und mir geht immer noch die Frage von Varnell, dem haitianischen Mitarbeiter von Compassion, durch den Kopf, als er uns beim Abschied am Flughafen von Port-au-Prince fragt: «Habt ihr die Armut angefasst?». Selbst heute ist eine Antwort darauf noch sehr schwierig. Aber uns ist klar geworden: «Wir haben die Armut nicht angefasst; sie hat uns zu fassen bekommen!»

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Der letzte Teil findet sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 15.04.2026
Autor: Steve Volke
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

Werbung
Livenet Service
Werbung