Den Kurs halten: Missionarische Wirksamkeit
Die Emanzipation von klassischen theologischen Positionen wird häufig mit einem positiven Anliegen begründet: Man will Menschen den Zugang zum christlichen Glauben erleichtern und missionarische Hindernisse aus dem Weg räumen. Eine Annahme lautet: Wo Kirchen die Bibel «anders als bisher lesen» und ihr ethisches Wertesystem dann im Einklang mit dem gesellschaftlichen Mainstream neu orientieren, werden sie nicht nur bislang fehlinterpretierten Bibeltexten besser gerecht, sondern sind auch eher in der Lage, sich auf dem religiösen Markt zu behaupten. Man denkt also, dass säkularisierte Zeitgenossen einen einfacheren Zugang zu christlichen Gemeinden finden, wenn man Lehren wie den Sühneopfertod Jesu, seine leibliche Auferstehung, seine Geburt von einer Jungfrau oder die völlige Sündhaftigkeit des Menschen nicht mehr im klassischen Sinn vertritt.
Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Hoffnung, durch Anpassung der Botschaft mehr Kirchenferne für den christlichen Glauben zu gewinnen, erweist sich kontinuierlich als Illusion. Glaubensinhalte aufzugeben, die potenziell als rückständig oder abstossend empfunden werden könnten, führt gerade nicht zu sichtbaren missionarischen Erfolgen.
Theologische Dekonstruktion schadet missionarischer Wirksamkeit
Ein Blick in die Kirchengeschichte kann hier vor falschen Weichenstellungen bewahren: Wo sich Gemeinden und kirchliche Bewegungen von biblischen Fundamenten entfernt haben, hat dies ihrer geistlichen Wirksamkeit und Strahlkraft in aller Regel schwer geschadet. Seit vielen Jahrzehnten zeigen weltweite religionssoziologische Studien über Wachstums- und Schrumpfungsprozesse von Kirchen, dass ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen einem liberalen theologischen Profil und dem Niedergang von Gemeinden besteht.
Man muss es so deutlich sagen: Wo die Stellung der Bibel geschwächt und untergraben wird, wirkt sich dies negativ auf den missionarischen Eifer aus und verhindert gemeindliches Wachstum. Wer das bezweifelt, leugnet das Offensichtliche. Baut man das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Schrift ab, kommt man auch mit dem Aufbau von Gemeinde nicht voran. Oder anders gesagt: Theologische Dekonstruktion kann in einem digitalen Zeitalter zwar durchaus eine Menge Klicks, Likes und unter Umständen eine beeindruckende Followerschaft generieren. Zur Erneuerung von Gemeinden und geistlichen Aufbrüchen wird sie allerdings nicht beitragen.
Alexander Garth beschreibt dies treffend: Wer davon ausgeht, die Religion der Zukunft müsse «sanft und moderat sein, pluralistisch und nicht exklusiv, spirituell, aber nicht dogmatisch, den Menschen bestätigend, nicht hinterfragend, eine gefällige Religion, die sich an die Erwartungen der Gesellschaft anpasst und keine Forderungen an die Gläubigen stellt», der erschaffe eine Form von «Softreligion», die «das sicherste Rezept für Erfolglosigkeit ist».
Missionarische Wirksamkeit hat auch mit Theologie zu tun
Allerdings wachsen Gemeinden nicht automatisch, nur weil sie theologisch konservativ sind. Manche Arten von Konservativismus sind ebenso wenig förderlich – beispielsweise dann, wenn sie sich zu sehr mit theologischen Nebensächlichkeiten, Strukturfragen, kulturellen Gestaltungsformen oder politischen Positionierungen verbinden. Davon zeugen die vielen (frei-) kirchlichen Gemeinschaften, die trotz konservativen Bekenntnissen stagnieren oder schrumpfen. Ein «quasi magisches Vertrauen auf die Durchsetzungskraft der eigenen Rechtgläubigkeit»49 wäre in der Tat verfehlt. Wer meint, dass konservative Theologie automatisch zu mehr missionarischer Schlagkraft führt, geht an der Realität vorbei.
Deshalb ziehen manche den gegenteiligen Schluss und meinen, dass die Zuwendung zur Gegenwartsgesellschaft zwingend mit einer theologischen Kursänderung zu verbinden ist. Doch auch dies führt in eine Sackgasse und nicht zu missionarischer Strahlkraft.
Natürlich gibt es viele zweit- oder drittrangige theologische Fragen, bei denen wir Spannungen zwischen verschiedenen Auffassungen und unterschiedliche Interpretationen gelassen und demütig aushalten sollten. Doch wir sind überzeugt: Gerade auch aus missionarischer Sicht ist es wichtig, an den zentralen Lehren festzuhalten, die die Christenheit überall und zu allen Zeiten geglaubt und verkündigt hat. Diesen «heissen Glutkern des Glaubens» müssen wir bewahren. Denn diese zentralen Glaubensinhalte (wie die leidenschaftliche Liebe eines trinitarischen Gottes, die Sendung des Gott-Menschen zur Erlösung der Menschen und die existenzielle Verlorenheit des Menschen ohne Gott) tragen wesentlich zur missionarischen Kraft und Leidenschaft einer Gemeinde bei.
Was missionarisch wirksame Gemeinden ausmacht
Wachsende und missionarisch wirksame Gemeinden haben in aller Regel ein klares, im eben beschriebenen Sinn historisch bewährtes theologisches Profil, das klassische, in der Bibel gründende Glaubensinhalte vertritt und nicht jede inhaltliche Neuformatierung für eine begrüssenswerte Weiterentwicklung hält. Sie stellen sich dem postmodernen Wahrheitsrelativismus mutig entgegen und erwarten das glaubensweckende und lebensverändernde Wirken des Heiligen Geistes gerade dort, wo Christus als einziger Weg zum Heil verkündigt wird (Apostelgeschichte 4,12). Wirksamer Gemeindeaufbau wurzelt in einer Haltung, die man im Umgang mit der Bibel als «konservativ» bezeichnen kann, die jedoch jenseits von Konservativismus dem gegenwärtigen Kontext offen zugewandt ist und immer wieder neue Wege sucht, wie der für alle Zeiten gültige Inhalt des Evangeliums unter aktuellen Bedingungen so plausibel wie möglich geglaubt, gelebt und kommuniziert werden kann. Das ist der fruchtbarste Boden für dauerhaftes missionarisches Engagement und dynamische Gemeindeentwicklung. Wo der biblische Kompass verloren geht, der auf Jesus hin eingenordet ist, verliert die Gemeinde gegenüber der Gesellschaft nicht nur die geistliche Orientierung, sondern früher oder später auch ihre missionarische Kraft. So schreibt Ansgar Hörsting, Präses der Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland und Kenner der freikirchlichen Szene: «Ich kenne keine missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren. Sie sind gefährdet. Sie leben an ihrer Bestimmung vorbei. Sie stehen nicht in der Gemeinschaft mit Gott und werden auch nicht hineinkommen.»
Wachsende Gemeinden begegnen den missionarischen Herausforderungen, die sich in einem dem christlichen Glauben skeptisch bis ablehnend gegenüberstehenden Umfeld stellen, nicht mit inhaltlicher Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft, sondern mit einer leidenschaftlichen, durchdachten, kontextsensiblen und ausgewogenen Kommunikation des zu allen Zeiten gültigen Evangeliums.
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches. Der erste Teil findet sich hier.
Zum Buch:
Gemeinde mit Mission
Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.
Datum: 10.04.2026
Autor:
Stefan Schweyer
Quelle:
Buchauszug «Gemeinde mit Mission»