Leiter-Inspiration

Was dich Leiterschaft kostet

«Ich war mir nicht sicher, ob ich noch mal bereit für das war, was mich Leiterschaft kosten könnte» (Symbolbild)
Evi Rodemann weiss, wovon sie spricht, wenn sie über den Preis der Leiterschaft schreibt. Denn die Kosten sind für einen Leitenden oft sehr hoch. Livenet bringt Auszüge aus ihrem Buch «Scheitern erwünscht».

In meinen Träumen sollte 2016 ein tolles Jahr werden. Der Auftakt war gemacht, als über 2500 junge Menschen aus fünfzig Nationen auf dem von mir geleiteten Kongress miteinander sangen «We are family». Es gab nichts Schöneres für mich, als mich in junge Menschen aus Europa zu investieren. Ich hatte meinen Traumjob und lebte meine Berufung! Natürlich gab es bei solch einem Projekt mit so vielen Menschen und Nationen etliche Herausforderungen und Spannungen, aber die Freude und die Begeisterung überwogen. Ich meinte, das Projekt gefunden zu haben, das wie angegossen zu meiner Berufung passte – oder besser: Es hatte mich gefunden.

Plötzlich Schluss

Als Geschäftsführerin eines europäischen Jugendwerks hatte ich mit einem grossartigen Team gerade den vierten Kongress gemeistert und wir waren wieder neu geflasht von Gottes Treue, seinem Wirken, erlebten Wundern an Menschen, den notwendigen finanziellen Mitteln und vielem mehr. Und dann erhielt ich wie aus heiterem Himmel im April 2016 einen Anruf. Während des Telefonats dankte man mir zwar, teilte mir aber auch bestimmt mit, dass meine Leitung nicht mehr erwünscht sei. Ich sei nicht mehr die Richtige für den Job. Sie wollten jemand anderes engagieren, der besser geeignet sei, diese Arbeit durchzuführen. Schon während des Gesprächs, bei dem mir die Verantwortlichen ein Papier mit ihren Argumenten für meine Kündigung vorlasen, liefen mir die Tränen übers Gesicht. In diesem Moment brach meine Welt zusammen.

Ich versuchte noch, Fragen zur Entwicklung zu stellen oder wie die Übergabe laufen könnte, aber dafür gab es keinen Raum. Das war’s! Nach über neun Jahren, in denen ich dieses Projekt mit Tausenden von Menschen in Europa aufgebaut hatte, wurde ich von einer Minute auf die andere rausgebeten – oder entsprechend meiner Gefühlslage: in hohem Bogen rausgeschmissen. Ich war geschockt, fassungslos und zu Tode betrübt. War so etwas rechtens? Von einem Tag auf den anderen? Welche Zeichen hatte ich übersehen?

Es hatte vorher schon mal Spannungen gegeben, aber ich hatte sie nicht so ernst genommen. Wer Jugendarbeit macht, weiss, dass manches einfach nicht verstanden wird. Meine fast zehnjährige Tätigkeit in diesem grossartigen Jugendprojekt, das ich mitgegründet hatte, fand ein abruptes Ende.

Gedanken wie heisse Lava

Damals stürzten Gedanken und Gefühle wie heisse Lava aus einem ausbrechenden Vulkan auf mich ein. Ich wurde überrollt. Ich fühlte mich wie die grösste Versagerin und vergoss Tränen über Tränen. Ich checkte einfach nicht, was falsch gelaufen war, und ging mit mir selbst hart ins Gericht. Über viele Monate. Tausende von unkoordinierten Gedanken wirbelten in meinem Kopf herum: Muss ich jetzt Europa verlassen, um woanders wieder neu anzufangen? Wird noch jemand mit mir zusammenarbeiten wollen? Und wer bin ich nun ohne diese Position, auf die sich unbewusst unter anderem meine Identität gegründet hat? Werden Menschen auch mit mir zusammenarbeiten wollen, ohne dass ich einen Titel trage? Darf ich noch etwas leiten? Wo war überhaupt Gott in dem Ganzen? Und was werden die jungen Menschen jetzt denken, die sich von mir im Stich gelassen fühlen?

Viele trostlose und depressive Gedanken plagten mich fast ein ganzes Jahr lang. So manche Nacht lag ich wach und grübelte, weinte, zweifelte. Der Schmerz war riesengross. Wo sollte ich jetzt hin mit meiner Berufung? Wo war das Leben noch lohnenswert?

Was nun?

Evi Rodemann

Ich stand an einem Wendepunkt und musste eine Entscheidung treffen. Gott aufzugeben kam für mich nicht infrage. Ich hatte als junge Frau entschieden, Gott nachzufolgen, was auch immer es kosten möge. Daran hielt ich fest. Aber wollte ich nochmals in einem christlichen Werk oder einer Gemeinde mitarbeiten und erneut Verantwortung übernehmen? Darauf hatte ich erst mal keine Antwort. Der Schmerz war zu gross, die Wunde eiterte. Ich war mir nicht sicher, ob ich noch mal bereit für das war, was mich Leiterschaft kosten könnte.

Deine Erfahrungen in Leiterschaft sind sicherlich ganz anders. Vielleicht geht es bei dir nicht um einen Job- oder Rollenverlust, sondern um Performance-Druck, Versagensängste, Beziehungsstress oder Identitätsfragen. Möglicherweise hast du auch zu viel auf dem Zettel oder du leidest an Zeitmangel, alles gut und gleichzeitig zu jonglieren. Viele weitere Dinge fallen dir bestimmt in Bezug auf Leiterschaft ein, die bei dir Druck, eine Not, Schmerzen verursachen. Was aber sind denn eigentlich Schmerzen? Das werden wir in einem kommenden Beitrag nächste Woche genauer ansehen.

Zum Buch:
Scheitern erwünscht!

Zur Autorin: Evi Rodemann (Jg. 1971) lebt im Grossraum Hamburg und arbeitet als Theologin und Eventmanagerin. Sie engagiert sich in der internationalen Arbeit der Lausanner Bewegung und der «WEA Mission Commission» sowie in ihrem gegründeten Verein «LeadNow». Ihr Schwerpunkt ist die junge Leitergeneration. Ihr Buch erschien zum Thema «Scheitern erwünscht – warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen».

Datum: 08.04.2026
Autor: Evi Rodemann
Quelle: Buchauszug «Scheitern erwünscht»

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