Sozial wirksam

Augenöffner – Wenn Berufung zum Beruf wird

Gott offenbarte Steve seine Berufung
Wer kennt nicht «blinde Flecken» im Leben? In seinem Buch «Der Sehendmacher» beschreibt Compassion-Leiter Steve Volke, wie Jesus ihm die Augen für seine Herzensanliegen öffnete. Buchauszüge einer ehrlichen Entdeckungsreise, die Herzen verändern kann.

Wer so bleiben will, wie er ist, der sollte etwas vorsichtiger sein. Und zwar nicht nur mit dem, was er von sich gibt, sondern auch mit den Leuten, die er an sich ranlässt. Der Sehendmacher benutzte zunächst einmal eine Tradition, um mich ins Nachdenken zu bringen. Seit vielen Jahren versuche ich, in der von den Kirchen gewählten sogenannten «Jahreslosung» eine Bedeutung für mein Leben zu entdecken. Im Jahr 2007 lautete sie: «Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s denn nicht» (Jesaja 43,19). Auch irgendwie so ein Vers für Blinde, oder?

«Mehr vom Leben»

Im Sommer 2006 hatte ich ein Buchmanuskript mit dem Titel «Mehr vom Leben» geschrieben. Im Vorwort gab es eine Passage, die eine starke Veränderung in meinem Leben bewirken sollte: «Was heisst es eigentlich, mehr vom Leben zu haben?», fragte ich die Leser, um wenig später selbst die Antwort darauf zu geben: «Für mich bedeutet es, dass ich jeden Tag offen sein möchte für neue Gedanken, Wege, Menschen und auch für neue Erkenntnisse. Ich muss nicht bleiben wie ich bin! Eine Weiterentwicklung oder sogar das Einschlagen einer völlig neuen Richtung ist zu jedem Zeitpunkt meines Lebens möglich.»[i]

Das Buch fand sich nun nicht gerade auf der Spiegel-Bestsellerliste wieder, aber der Sehendmacher hatte das Vorwort anscheinend gelesen und sehr ernst genommen. Denn er konfrontierte mich auf einmal mit Themen, die ich 45 Jahre meines Lebens ausgeblendet hatte. Und mit einer Frage, die mir sehr unangenehm war. Sie lautete: «Steve, was tust du persönlich eigentlich dafür, dass es weniger arme Kinder auf dieser Welt gibt?»

Wahrscheinlich wollte er nur wissen, ob ich zu den christlichen Autoren gehöre, die Schwerwiegendes nur mal eben zu Papier bringen, ohne selbst dahinterzustehen und es wirklich ernst zu meinen. Oder ob ich einer bin, der auch bereit ist, den eigenen Worten Taten folgen zu lassen.

Doch ertappt! Meine Antwort auf seine Frage war so einfach wie peinlich. Sie bestand aus genau einem Wort: «Nichts!» Und offensichtlich war er der Meinung, dass er das ändern sollte.

Mittlerweile hatte ich mich mit einer eigenen Kommunikationsagentur selbstständig gemacht, die verschiedene Missions- und Hilfswerke beriet. Nicht im Entferntesten dachte ich daran, mich nun irgendwie zu verändern, zumal mein Laden von Anfang an sehr gut lief.

Anruf vom «Anwalt der Armen»

Eines Tages erhielt ich einen Anruf. Ein Engländer war am Apparat, der sich mit mir treffen wollte. Später lernte ich ihn besser kennen und erfuhr, dass er ein alter Kämpfer für die Armen war: Tony Neeves. Er war in über 60 verschiedenen Ländern im Einsatz, kannte Armut sehr gut und hatte sein Herz an die notleidenden Menschen verloren. Für mich ist er bis heute der «Anwalt der Armen». Und für mich sollte seine ermutigende Art zum Schlüssel werden, der mein Herz aufzuschliessen half.

Einige Tage nach dem ersten Anruf stellte er mir die Arbeit des weltweit tätigen christlichen Kinderhilfswerk Compassion (dt.: Mitgefühl) vor. Er fragte, was ich davon hielte, wenn in Deutschland ein Zweig eröffnet würde. Auch auf diese Frage war meine Antwort sehr einfach. Sie bestand wieder aus genau einem Wort: «Nichts!» Wir hatten bereits genug Kinderhilfswerke in Deutschland und ich sah keine Notwendigkeit für ein weiteres. Aber Gott sah auch das offensichtlich anders.

Meine Agentur bekam den Auftrag einer Marktanalyse. Viele Treffen und Gespräche mit dem Auftraggeber folgten. Und schliesslich war es so weit: Die Entscheidung für die Eröffnung des deutschen Zweiges von Compassion wurde getroffen. Anschliessend sassen wir wieder zusammen und besprachen die Strategie sowie den Plan und wo das Büro einen guten Platz finden könnte. Bei einem dieser Treffen gab mir Tony einige Arbeitsplatzbeschreibungen für Mitarbeiter, die ich rekrutieren sollte. Als er die des Leiters übergeben wollte, meinte er lapidar:

«Hier ist noch die des Direktors. Die brauchst du eigentlich nicht lesen.»

«Hä? Wie soll ich dann jemanden dafür finden?», fragte ich zurück.

 «Schau einfach in den Spiegel, dann weisst du, wen wir auf dieser Stelle haben wollen!»

Seine verschmitzte Antwort bohrte sich in mein Herz und entfaltete ihre Wirkung.

Zunächst wehrte ich mich mit allen möglichen Argumenten, überhaupt darüber nachzudenken. Trotzdem war das der erste Anstoss zur Veränderung. Manche Ideen müssen halt geboren werden, damit sie langsam wachsen können…

Gott nahm mich beim Wort und ich fing an, mich ernsthaft mit dieser Idee zu beschäftigen, das Für und Wider abzuwägen. Ungefähr zwei bis drei Wochen dauerte das, dann kam dieser seltsame Freitag, an dem ich morgens aufwachte und wusste, dass es ein besonderer Tag werden würde.

Ein entscheidender Tag

Ich kam morgens in mein Büro und mein Telefon klingelte an diesem Vormittag genau dreimal. Drei Anrufe von Freunden, die nichts miteinander zu tun hatten: ein Freund aus meinem Wohnort, einer tief aus dem Süden und einer aus England. Sie alle hatten eine seltsame Botschaft für mich, von der sie selbst nicht so genau wussten, warum gerade sie als Überbringer ausgewählt wurden: «Steve, es scheinen Veränderungen in deinem Leben anzustehen und ich soll dir sagen: Du musst das tun!»

Damit nicht genug. Am späten Nachmittag dann der Knaller: Meine Frau erhielt einen Anruf von einer alten Freundin, die wir mehrere Wochen weder gesehen noch gesprochen hatten. Sie stellte komische Fragen: «Ist jemand schwer krank bei euch?», «Wie geht‘s der Firma?», «Seid ihr pleite?» – und viele weitere dieser Art. Meine Frau sagte nach kurzem Zuhören: «Nichts von dem. Bei uns ist alles okay, aber ist bei dir noch alles in Ordnung? Warum stellst du so eigenartige Fragen?» Unsere Freundin erklärte zögerlich, sie habe so etwas noch nie erlebt: Seit dem frühen Morgen erinnere Gott sie ständig daran, für unsere Familie zu beten.

Berufung und Bestätigung

Es war, als würden Berufung und Bestätigung zugleich vor der Tür stehen und darauf warten, willkommen geheissen zu werden. Wir taten es! Meine Frau und ich trafen gemeinsam die Entscheidung, dass ich Compassion in Deutschland gründen und aufbauen würde. Ein Kinderhilfswerk, das durch 1-zu-1-Patenschaften von Spender zu notleidendem Kind, in enger Verbindung mit christlichen Kirchen und Gemeinden in 26 Ländern, alles daran setzt, «Kinder aus Armut zu befreien – im Namen Jesu».

Ich erhielt weitere Bestätigungen, wie zum Beispiel eine Predigt in meiner Gemeinde von einem Missionar aus Russland, der berichtete, dass er alles aufgegeben habe, um 1000 Kilometer entfernt von seinem ursprünglichen Wohnort nach Solotov in ein Hochhaus zu ziehen, um in einem sozialen Brennpunkt zu arbeiten.

Etwas aufgeben, um etwas Neues zu beginnen – so wie es die Jahreslosung 2007 beschrieb. Ich hatte mich entschieden, es zu tun! Ich schloss meine Medienagentur im Sommer 2007, um mich voll und ganz auf die neue Aufgabe bei Compassion zu konzentrieren. Und dann kam sie: Meine erste Begegnung mit extremer Armut.

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Der erste Teil findet sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 08.04.2026
Autor: Steve Volke
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

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