Wie Verwurzelung in Christus konkret geschieht
Viele Jahre schon war ich Christ und habe als Hauptamtlicher in einer Gemeinde gearbeitet, als mir erschrocken bewusst wurde, dass ich mich nie wirklich dazu entschieden hatte, Jesus konkret in allen Entscheidungen meines Lebens zu folgen. An ihn zu glauben – klar! Seinen Erlösungstod am Kreuz in Anspruch zu nehmen – ja!
Aber ihm auf der Basis meiner täglichen Entscheidungen zu folgen? Von ihm in allen Aspekten meines Lebens zu lernen, was ich tun soll und wie ich es tun soll – das war etwas, das ich nie bewusst entschieden hatte. Ihm zu erlauben, mich in der Tiefe meiner Seele und meines Charakters zu formen, das war mir neu. Bis dahin hatte mir auch niemand gesagt, dass das wichtig wäre – oder ich hatte es konsequent überhört.
Eine solche Entscheidung konnte ich jedoch nur treffen, wenn ich Jesus als kompetent in allen Bereichen betrachten würde. Und hier hatte ich schon mein erstes Problem. Denn wenn ich ehrlich war, hatte ich Jesus mehr in der Kategorie «nett» als in der Kategorie «kompetent». Auf meine persönliche Liste der klügsten Menschen, die auf diesem Planeten gelebt haben, hätte er es bei mir nicht unter die ersten zehn geschafft. Was seltsam ist, da er von sich selbst sagt, dass ihm alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist. Und Paulus sagt über ihn, dass in ihm die Fülle aller Weisheit und Erkenntnis innewohnt.
Vielleicht hatte ich Jesus zu lange begrenzt auf den, der mir ins nächste Leben hineinhilft, als mich in diesem Leben hier und jetzt zu unterstützen. Ich vermute, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir. Aber welche Schritte führen uns denn tiefer in die Verwurzelung mit Christus?
Sechs Stationen und eine Mauer
Die US-amerikanische Autorin Janet Hagberg und ihr Kollege Robert Guelich beschreiben in ihrem Buch «The Critical Journey» (deutsch: «Die wichtige Reise») die Entwicklungsstufen von der ersten Gotteserkenntnis bis zu einem Leben in selbstloser Liebe in sechs Stadien. Diese Stadien bauen aufeinander auf. Das bedeutet, jedes Stadium ist die Grundlage für das folgende. Zugleich ist es kein Automatismus, dass man wie von selbst immer weiter voranschreitet. Man kann in einzelnen Stadien stecken bleiben, zurückkehren zu früher bereits durchlaufenen Stadien und diese immer wieder neu durchlaufen.
Für mich war der Entwurf von Hagberg und Guelich ein Augenöffner für ein Grundproblem, das wir aktuell in der westlichen Welt haben, wenn es darum geht, Menschen auf ihrer geistlichen Reise kompetent zu begleiten. Ich lehne mich im Folgenden an ihren Entwurf an, weiche aber in Nuancen davon ab, weil ich manches im deutschsprachigen Kontext etwas anders wahrnehme.
Die ersten drei Schritte: entdecken, dazulernen, mitarbeiten
In der Regel beginnt die Glaubensreise mit einer Gottesbegegnung. Menschen erleben die Gegenwart Gottes auf unterschiedlichste Weise, aber immer ist es mit der Wahrnehmung verbunden, dass da etwas ist, das grösser ist als wir selbst.
Diese Erfahrung hat die Kraft, den bisherigen Weg des Menschen in eine neue Bahn zu lenken. Er oder sie «erkennt» im tiefsten Sinne des Wortes, das bedeutet, die Seele nimmt die tiefe Wahrheit auf, dass Gott da ist. Für manche Menschen ist es ein «Bekehrungsmoment», in dem sich die Erkenntnis schlagartig einstellt. Für andere Menschen ist es ein langsamer Prozess, in dem die Erkenntnis ganz langsam wächst und sich irgendwann zu einem Wissen verdichtet hat.
Mit dieser Erfahrung ist oft eine tiefe Freude verbunden, ein Staunen, grosse Begeisterung und Neugier. Diese Neugier führt die meisten Menschen direkt in Phase 2.
Nach der Erfahrung einer Berührung durch Gott entsteht für die meisten Menschen eine hohe Motivation, Gott, die Bibel, den Glauben besser kennenzulernen. Es beginnt eine Phase des Lernens. Biblische Grundlagen und Zusammenhänge werden entdeckt. Der Gottesdienstbesuch wird wichtig. Ein erster geistlicher Rhythmus entsteht – Gebet und Bibellesen werden oft zentrale und bedeutungsvolle Elemente des alltäglichen Lebens.
Orientierung an geistlichen Autoritäten und inspirierende Bücher können in dieser Phase eine wichtige Rolle einnehmen. Manche suchen sich quasi einen Fremdenführer im neuen Land des Glaubens. Zugleich wächst die Begeisterung von der eigenen Glaubensrichtung. Daraus folgt dann Phase 3 oftmals als ein logischer Schritt.
Nachdem man ein gewisses Mass an Wissen und Erfahrung über den Glauben erworben hat, beginnen viele Menschen den Wunsch zu entwickeln, tiefer beteiligt zu sein an dem Gemeindeleben. Es wächst der Wunsch und auch die Bereitschaft zur Mitarbeit. Manche Menschen beginnen jetzt, ihre Gaben zu entdecken und machen erste Erfahrungen, diese für Gott und sein Reich einzusetzen.
Ein wichtiger Einschub
Bis zu diesem Punkt haben die meisten Menschen ihr geistliches Wachstum als einen mehr oder weniger kontinuierlichen Prozess erlebt, sofern es nicht irgendwelche biografischen Brüche gab. Die Gemeindearbeit hat in den ersten drei Phasen eine grosse Rolle als Impulsgeber für weiteres Wachstum gespielt. Die meisten Gemeinden, die ich kenne, sind gut darin, Menschen bis zu diesem Punkt zu begleiten. In manchen Gemeinden wird Phase drei sogar als das Ziel der Entwicklung betrachtet. Auf dem Weg der geistlichen Reise ist es aber nur die erste Hälfte.
Bisher ist Jesus noch wenig in die tieferen Schichten der Person und ihrer Seele eingedrungen. Eine tiefere Transformation der Person und des Charakters hat bisher meist noch nicht stattgefunden.
«Pastor, wir brauchen mehr Schwarzbrot!» Hinter dieser Bitte, die ich in meiner Zeit als Gemeindepastor immer wieder gehört habe, stand die Überzeugung: Wir wachsen nicht mehr, weil wir nicht gut gefüttert werden. Als junger Hauptamtlicher habe ich damals diesen Aussagen geglaubt und daher theologische «Schwarzbrot-Abende» in der Gemeinde angeboten. Ich habe alles, was ich an Wissen, an Tiefe und an herausfordernder Erkenntnis vermitteln konnte, in diese Abende gesteckt – nur um ein paar Monate später enttäuscht festzustellen, dass die Klage keineswegs aufgehört hatte. All meinen Schwarzbrot-Abenden zum Trotz schienen meine Leute nicht weiterzukommen. Erst Jahre später habe ich im Rahmen der weltweiten REVEAL-Studie zur geistlichen Entwicklung den Grund dafür verstanden.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Studie lautete nämlich, dass ab einem gewissen Punkt Menschen selbst Verantwortung für ihren weiteren geistlichen Reifungsprozess übernehmen müssen – sonst wachsen sie nicht weiter. Die Arbeit, die Gott als nächstes an unserer Seele vornehmen will, erfordert nicht nur unsere Bereitschaft, sie erfordert auch unsere aktive Kooperation.
Schritt 4: Die Reise nach innen
Auf unserer geistlichen Reise kommt irgendwann der Punkt, an dem Gott beginnt, mit uns in die Tiefe zu gehen. Er tut das, um uns selbst klarzumachen, wie ernst es uns ist mit ihm und seinem Reich ist. Er dringt tief in unsere Motive vor, ob wir ihn im Grunde nur wollen, um weiterhin unsere Ziele zu erreichen, oder ob wir ihm um seinetwillen folgen und vertrauen. Er will nun in die tieferen Schichten unserer Person vordringen, er will nicht nur unser äusseres Verhalten verändern, er will unsere Motive verwandeln. Unser Herz aus Stein soll durch ein fleischernes Herz ersetzt werden. Unser Denken soll sich wandeln, unsere Entscheidungen sollen sich verändern. Er will unseren Charakter formen – die Substanz dessen, was uns als Person ausmacht. Die Frucht (Einzahl!) des Geistes soll in uns wachsen. Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.
Konkret tauchen für viele Menschen nach einer gewissen Zeit in der Mitarbeit plötzlich Fragen auf, die den bis dahin erworbenen Glauben infrage stellen. Der Honeymoon ist vorbei! Der Glaube kommt in die Krise, weil er an der Oberfläche nicht überleben kann. Er muss sich tiefer gründen. Oft verbunden mit Lebenskrisen, Leiden, geplatzten Träumen, Erfahrungen des Leides, Enttäuschungen, unerhörtem Gebet, Brüchen in der Biografie oder dem Auftauchen massiver Zweifel scheinen die einfachen Antworten der ersten drei Phasen nicht mehr zu passen. Dies ist eine wichtige Entwicklung und keinesfalls einfach als Anfechtung des Glaubens abzutun. Gott möchte mit uns eine Reise nach innen antreten. Er will mit uns in die tieferen Schichten unserer Seele vordringen. Er will unseren Charakter formen – er stellt unsere Motive auf den Prüfstand. Zweifel sind dabei immer eine Einladung, in die Tiefe zu gehen. Manche Fragen tauchen auf: Ist Gott wirklich gut – auch, wenn es mir nicht gut geht? Wer bin ich und was will ich wirklich? Manche Menschen entdecken jetzt den eigenen Schatten und Wunden aus der Vergangenheit. Das eigene Selbstbild wird infrage gestellt. Das Gottesbild, das häufig durch die Eltern geprägt war, bröckelt und verlangt nach einer neuen Füllung. Für manche führen diese Erlebnisse zu einer Dekonstruktion des bisherigen Glaubens – und sie erleben diese Phase als Glaubensverlust –, weil die Erkenntnisse der ersten drei Stadien infrage gestellt werden.
Die Reise nach innen ist wichtig, sie führt uns in eine Auseinandersetzung mit uns selbst, ungesunden Überzeugungen und unseren wahren Motiven. Gott will zur Wurzel unseres Denkens und Handelns vordringen. Er will aus uns einen guten Baum machen, der aus sich heraus von allein gute Früchte bringt. Sein Ziel ist nicht, dass wir unser Leben lang verzweifelt versuchen, nicht mehr so viel zu sündigen. Sein Ziel ist, uns in der Tiefe unserer Motive zu verwandeln. Dass wir Menschen werden, die gar nicht mehr sündigen wollen, weil Gott uns mit seiner Liebe im Innersten berührt und verwandelt hat.
Früher oder später landet jeder Mensch bei seiner Reise nach innen an der Mauer. Und diese Mauer spielt in der Transformation des Menschen eine enorm wichtige Rolle.
Die Mauer
Die Mauer ist ein Ort der Transformation. Hier wird das falsche Selbst entlarvt und muss sterben, damit das wahre Selbst hervortreten kann. Wenn Gott den Finger in eine Wunde legt, an die wir ihn nicht heranlassen wollen, weil wir den Schmerz fürchten. Es ist harte Arbeit, die Mauer Stein für Stein abzutragen. Wer dieser Arbeit ausweicht, wer den Schmerz vermeidet, wer sich den tiefen Fragen nicht stellen will, der prallt von der Mauer ab. In dieser Phase kommt es oft zu einer Glaubenskrise oder einem Zusammenbruch: Scheidung, Krankheit, Burnout, Zerbruch, innere Leere.
Die Mauer sieht ganz unterschiedlich aus. Der alte Glaube «funktioniert» plötzlich irgendwie nicht mehr. Wir haben mehr Fragen als Antworten … Und irgendwann erkennen wir: Tatsächlich ist es Gott selbst, der dahintersteckt, um uns einen Schritt weiterzuführen
Für manche ist es eine lieb gewordene Sünde. Eine Gewohnheit, die sie nicht aufgeben wollen. Für andere ist es eine Wunde. Eine Scham, eine Schuld, bei der sie sich nicht vorstellen können, dass sie wirklich vergeben werden kann. Für wieder andere ist es ein falsches Selbstbild.
Manche erleben die Mauer früher, manche später, aber sie kommt. Für die einen werden die alten Lehren in Zweifel gezogen und die Frage ist, ob ich dem Zweifel Raum gebe oder ob ich davor zurückschrecke. Gott beginnt seinen Finger in die Wunde zu legen. Nun wird uns Gehorsam etwas kosten. Nun haben wir etwas zu verlieren. Nun taucht die Frage auf, ob ich ihm wirklich vertraue, ob ich vertrauen will.
Gott dringt langsam ins Zentrum unserer Person vor. Und das führt bei vielen Menschen zu einer Abwehrreaktion. Es mag in unserem Leben verschiedene Mauern geben, je nachdem, wo wir gerade auf unserer Reise stehen. Aber der Vorgang ist immer der Gleiche. Wir werden durch die Arbeit an der Mauer, durch den Schmerz, durch das Wagnis geformt. Unsere Entscheidungen spielen dabei eine Rolle, ebenso wie Gottes heilende, verwandelnde Kraft.
Eine meiner Mauern hiess, das Rauchen aufzugeben. Ich war viele Jahre leidenschaftlicher Pfeifenraucher. Wer mich in meinen Jahren als junger Erwachsener erlebt hat, hat mich selten ohne Pfeife angetroffen. Im Laufe der Jahre hatte ich immer wieder den Impuls, diese lieb gewordene Gewohnheit aufzugeben. Aber ich wollte nicht. Ich habe das abgeblockt, mich auf die Gnade berufen und das Thema gewechselt. Bis ich innerlich bereit war, Gott auch diesen Bereich zu überlassen. Erst danach begann etwas in mir zu wachsen, was in der Tiefe verändert war. Wie auch immer die Mauer aussieht – wir müssen uns entscheiden, durch sie hindurchzugehen. Wir können nicht drum herum und wir können nicht drüber oder drunter durch.
Zentral für den Prozess dieser Transformation ist die Bedeutung von geistlichen Übungen. Wenn es um die Mauer geht, überschätzen wir in der Regel unsere Willenskraft und wir unterschätzen die Wirkung einer regelmässigen Übung. Die Mauer abzutragen ist keine Frage des Versuchens, sondern eine Frage des Übens. «Nicht probieren, sondern trainieren!», so heisst das Motto. Stille, Einsamkeit, Fasten, Sabbat, Geben, Gebet, Bibellesen, Einfachheit – all diese Dinge können uns bei unserem Weg durch die Mauer helfen. Und am besten nicht allein, sondern in Gemeinschaft!
Die Schritte nach der Mauer
Hinter der Mauer liegt ein neues Leben, das in seiner Substanz anders ist als das Leben davor. Die Seele des Menschen, der Charakter und seine Persönlichkeit wurden durch den Schmerz und durch Gottes Wirken verändert. Der Mensch hat ein tieferes Verständnis davon, dass Gott uns liebt, wie wir sind. Es ist aus dem theoretischen Wissen zu einer tiefen Erkenntnis geworden. Daraus erwächst eine tiefere Liebe zu Gott und die Bereitschaft, einfach für ihn da zu sein. In dieser Phase setzen sich Menschen mit grossem innerem Frieden für das Reich Gottes ein, ohne von «Erfolg» oder «Misserfolg» abhängig zu sein. Auch Angst, Wut oder Trauer sind nicht mehr die bestimmenden Faktoren des Lebens. Heilung ist im Innersten passiert. Freiheit wächst.
Wir erleben den Wandel, nicht mehr einfach nur an Jesus zu glauben, sondern wie Jesus zu glauben. Es geht nicht mehr um einen Glauben, dass Jesus den Sturm stillen kann. Es geht um einen Glauben, der im Sturm ein Nickerchen macht.
Die letzte Phase ist von tiefem inneren Frieden geprägt, der aus der Gemeinschaft mit Gott erwächst. Es ist ein tiefes Vertrauen entstanden, das selbst in widrigen Umständen trägt und dem Leben Halt gibt. Eine natürliche Liebe zu allen Menschen wächst mehr und mehr und es entsteht eine tiefe, innere Ruhe. Auch, wenn es noch immer Raum zum Wachsen gibt, ist so etwas wie eine reflexhafte Liebe entstanden, die ohne nachzudenken das Gute tut.
Die wenigsten Menschen erleben diese sechs Stadien linear. Die Stadien bauen zwar aufeinander auf, und man kann kein Stadium überspringen. Aber man kann durchaus zurückspringen, Stadien mehrfach durchlaufen, stecken bleiben oder mehrmals an einer Mauer stehen. Welche Barrieren auf diesem Weg des Glaubens auftauchen können? Darum geht es in Teil 3 dieser Serie in der nächsten Ausgabe.
Zum Autor: Jörg Ahlbrecht ist Pastor, Stellv. Geschäftsführer von Willow Creek Deutschland und war Programmverantwortlicher für den Willow Creek-Leitungskongress im Februar 2026 in Dortmund.
Datum: 06.04.2026
Autor:
Jörg Ahlbrecht
Quelle:
Magazin Aufatmen 3/2025, SCM Bundes-Verlag