«Wir sind alle Begnadigte auf Bewährung»
Die Osterbotschaft hat es in Zeitungen schwer. Die «Sonntagszeitung» informiert uns, was es andernorts statt Hasen und Eiern gibt, und dass katholische Sinnfluencer in den USA junge Menschen in die Kirche zurückbringen. Im Editorial der Weltwoche vom 1. April dagegen versucht Herausgeber Roger Köppel, die Osterbotschaft zu verstehen – und führt dazu einen inneren Dialog mit dem «theologischen Urgestein» Karl Barth. Kein Aprilscherz, ungewöhnlich, aber spannend. Wir zitieren Auszüge – schon allein um der Sprache willen.
Aufgewühlt von Antichrist-Beschwörungen Peter Thiels und vom Krieg im Nahen Osten, ruft Köppel Barth an: «Herr Professor, Ostern steht vor der Tür. Wir feiern den Sieg des Lebens, die Auferstehung, den Triumph über Marter und Tod am Kreuz. Aber schauen Sie sich diese Welt an!» Dann kommen all die Übeltaten des Nahen Ostens dran, die wir alle zur Genüge kennen. Köppels Frage: «Woran soll ich mich festhalten? Finde ich in Ostern die Bestätigung, dass das Gute am Ende über das Böse triumphiert?»
Die Logik des absoluten Tausches
Worauf ihm der Theologe mit einer «Stimme, rau wie Basler Rheinfels, aber von einer irritierenden Heiterkeit» antwortete: «Mein lieber Köppel, Sie tappen in die älteste Falle der Menschheitsgeschichte» – nämlich, dass man aus dem leeren Grab ein Podest baue und auf die `Anderen` herabschaue, um sich selbst zu rechtfertigen: «Das ist nicht das Wunder von Ostern. Das ist schlicht und einfach Hochmut».
Hochmut? Wenn man das Morden verurteilt? Und dann findet Köppel alias Barth starke Worte, um Ostern zu erklären: «Hören Sie mir zu. Die Logik von Ostern ist eine Logik des absoluten Tausches. Am Kreuz geschah nicht ein Justizmord an einem Unschuldigen, damit wir ein bisschen weinen können. Am Kreuz hat Gott sich selbst an die Stelle des Sünders gesetzt. Er hat den Platz des Lenin, des Dschingis Khan und – ja, Köppel, auch den Platz eines Hitler eingenommen. Er hat das Urteil über die menschliche Existenz an sich selbst vollstreckt. Und die Auferstehung? Das ist Gottes ‹Ja› zu diesem Opfer. Es ist die Proklamation, dass der Krieg gegen das Böse bereits gewonnen ist – aber nicht von Ihnen, sondern von Ihm.»
Mit dieser Formulierung des biblischen «Er wurde für uns zur Sünde gemacht» (2. Korinther 5,21) wird jedes Richten und Urteilen, mit dem wir dann besser dastehen, im Keim erstickt: «Der Keim des Hochmuts, der Wille, Gott zu spielen, steckt in jedem von uns. Wer das begreift, der verliert die Lust am Richten.»
Begnadigte auf Bewährung
Köppel ist verwirrt – wie soll man sich in dieser «moralisch aufgeladenen Weltpolitik», wo die einen die Richtigen und die anderen die Falschen sind, denn verhalten?» Barths Rat: «Hüten Sie sich davor, die Welt in Kinder des Lichts und Kinder der Finsternis einzuteilen.» Und gibt ihm grad journalistischen Rat: «Mein Tipp für Ihr nächstes Editorial? Schreiben Sie gegen die moralische Selbstgerechtigkeit an. Auch gegen Ihre eigene.» Das Wunder von Ostern sei, dass wir – egal, wer wir sind – «trotz allem von Gott geliebt werden».
Köppel schliesst mit Worten, die eigentlich auf eine Kanzel gehörten, aber nicht «von oben herab» sind: «Die Rettung liegt allein in Christus. Nicht in unseren Bomben, nicht in unseren Leitartikeln, nicht in unserer angeblichen moralischen Überlegenheit. Wir sind alle Begnadigte auf Bewährung. Das ist die unbequeme, die erschütternde, die einzig wahre Botschaft von Ostern.»
Und er kritzelt unter diese Zeilen: «Ich wünsche Ihnen allen von Herzen ein frohes, ein demütiges Fest!»
Zum Autor: Reinhold Scharnowski ist Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. 22 Jahre war er Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, dazu Leiter von DAWN Europe und drei Jahre Missionar in Bolivien. Heute im «Unruhestand», seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.