Glauben teilen

Mission braucht einen klaren theologischen Kompass

Stefan Schweyer
Die Mission der Gemeinde ist klar: Menschen sollen Gott begegnen und mit ihm leben lernen. Doch in einer zunehmend säkularisierten Welt wird diese Aufgabe immer schwieriger. Das Buch «Gemeinde mit Mission» bietet wichtige Hilfestellungen.

Manche, die sich über die Zukunftsfähigkeit des Christentums Gedanken machen, sehen inzwischen für christliche Gemeinden in einer säkularisierten Gesellschaft nur noch zwei Optionen: Entweder sie geben ihr Bekenntnis zur Autorität der Bibel und zu traditionellen theologischen Überzeugungen weitgehend auf und passen sich der kulturellen Umgebung an («Assimilierung») oder sie ziehen sich in das eigene Schneckenhaus zurück und leben wenig missionarisch in strenger Abgrenzung zu ihrer Umwelt («Verschanzung»).

Auf den ersten Blick ein ernstes Dilemma. Die Annahme lautet: Konservative, bibelorientierte Theologie und Ethik muss heute zwangsläufig zu Abschottung und Weltflucht führen. Manche öffnen sich dem Gedanken spürbar zögerlich, andere sind sich inzwischen sehr sicher: Wer heute noch Menschen für den christlichen Glauben gewinnen will, kommt nicht darum herum, scheinbar unzumutbare Glaubensinhalte über Bord zu werfen, um das Evangelium etwas «geniessbarer» zu machen. Doch gibt es dazu wirklich keine Alternative?

Hinweise im Neuen Testament

Das Neue Testament setzt hier deutlich andere Akzente: Christen sind dazu berufen, anders zu leben (und nicht angepasst), dabei aber sichtbar zu sein (und nicht weltabgewandt). Sie werden aufgefordert, sich «nicht der Welt gleichzustellen» (Römer Kapitel 12, Vers 2) und gleichzeitig «unter den Menschen, die Gott nicht kennen», das Evangelium sichtbar und glaubwürdig zu verkörpern (1.Petrus Kapitel 2, Vers 12). Schon Jesus war beides wichtig: Er beschreibt seine Nachfolger bildhaft als «wirksames» Salz und als «sichtbare» Lampen (Matthäus Kapitel 5, Verse 13-16). Der natürliche Lebensraum christlicher Gemeinschaften befindet sich aus neutestamentlicher Perspektive ausdrücklich in diesem Spannungsfeld zwischen Kontrast und Kontakt, zwischen Andersartigkeit und Sichtbarkeit. Das heisst: Weder die unkritische Anpassung an kulturelle Denk- und Verhaltensmuster noch ein sektenhafter Rückzug hinter die eigenen Gemeindemauern werden dem gerecht, was die Kirche eigentlich sein soll.

Aus der praktisch-theologischen Forschung können wir zeigen, dass die Infragestellung theologischer Kernwahrheiten der missionarischen Wirksamkeit mehr schadet als hilft, dass umgekehrt ein klarer theologischer Kompass die Aussenwirkung verstärkt und dass einige der gegenwärtigen Hürden für Mission auf eine «doppelte Immunisierung» zurückzuführen sind, die die Kirche selbst zu verantworten hat.

Ohne Glaubenssubstanz keine Mission

Dekonstruktion ist ein zentraler Ansatz unserer heutigen postmodernen Zeit. So ist es auch nicht mehr nur in Kreisen üblich, die man herkömmlicherweise als «theologisch liberal» bezeichnet hat, zentrale theologische Wahrheiten zu «dekonstruieren», also zu hinterfragen, umzudeuten und gegebenenfalls ganz aufzugeben. Auch unter Evangelikalen sind früher unantastbare Glaubensinhalte nicht mehr selbstverständlich. Theologisch steht vieles zur Disposition wie etwa die Inspiration, Wahrheit und Einheit der Heiligen Schrift, die vollkommene Sündhaftigkeit des Menschen, die Jungfrauengeburt, das stellvertretende Sühneopfer des Mensch gewordenen Gottessohnes, der doppelte Ausgang des Endgerichts zu ewigem Leben mit Gott oder ewiger Trennung von Gott.

Auch im ethischen Bereich kommt es zu grundlegenden Neubewertungen, beispielsweise im Blick auf vorehelichen Geschlechtsverkehr oder Homosexualität. Man müsse, so häufig die Argumentation, traditionelle theologische Deutungen im Licht heutiger Erkenntnisse neu beurteilen. Durch einen solch «neuen Blick» auf bisher missverstandene oder falsch angewendete biblische Texte könnte man dann auch angemessener auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen reagieren und somit die Relevanz des Glaubens wieder deutlicher machen. In dieser Hinsicht sei es vielfach notwendig, sperrige, unbequeme und mit vorherrschenden kulturellen Empfindungen in Konflikt stehende Aussagen der Heiligen Schrift auszublenden, umzudeuten oder der beschriebenen Neubewertung zu unterziehen.

Dass die Kontextualisierung biblischer Inhalte notwendig ist, um intellektuelle wie emotionale Brücken zu bauen und den kulturellen Abstand zu denen zu verringern, die wir erreichen wollen, haben wir in Kapitel 2 besprochen. Problematisch wird es dann, wenn die theologische Substanz und damit zentrale Glaubensinhalte in ihrem Kern verändert werden. Oft kann man den Eindruck gewinnen, dass nicht mehr biblische Einsichten für Fragen des Glaubens und der Lebensgestaltung massgeblich sind, sondern postmoderne Befindlichkeiten und Überzeugungen.

Gottes Worte ernst nehmen

Buchcover «Gemeinde mit Mission»

Demgegenüber wird in der Bibel immer wieder deutlich: Es schadet dem Volk Gottes, wenn Gottes Wort infrage gestellt, verdreht oder gar bewusst ignoriert wird: «Dies ist’s, was ich dir heute gebiete: dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der Herr, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen. Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, so verkünde ich euch heute, dass ihr umkommen und nicht lange in dem Lande bleiben werdet, in das du über den Jordan ziehst, es einzunehmen» (5. Mose Kapitel 30, Verse 16-18, vgl. Jeremia Kapitel 44, Verse 4-6; Nehemia Kapitel 9, Verse 29-30; Psalm 89, Verse 31-33 u.v.a.).

«Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stiessen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stiessen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war gross» (Matthäus Kapitel 7, Verse 24-27).

Jesus hat oft davon gesprochen, dass die Liebe zu ihm und der Gehorsam gegenüber seinen Geboten zusammengehören wie zwei Seiten einer Medaille. Wer ihm nachfolgt und ihn liebt, soll sich nicht dadurch auszeichnen, dass er göttliche Massstäbe allzu leicht relativiert, sondern dass er sie gerne befolgt, auch wenn einem der gesellschaftliche Gegenwind ins Gesicht bläst: «Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. […] Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist‘s, der mich liebt.» (Johannes Kapitel 14, Verse 15.21; vgl. 1. Johannes Kapitel 5, Vers 3 u.a.)

Schliesslich findet sich im Neuen Testament die eindringliche Mahnung, an der Schrift als glaubwürdigem und autoritativem Wort Gottes festzuhalten und Gottes Wahrheit nicht an zeitgenössische Meinungen und kulturelle Trends anzupassen: «Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weisst ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt. (…) Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht erragen werden; sondern nach ihrem eigenen Begehren werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.» (2. Timotheus Kapitel 3, Verse 14-16 und Kapitel 4, Verse 3-4; vgl. Offenbarung Kapitel 3, Verse 8.10 u.a.)

Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches. 

Zum Buch:
Gemeinde mit Mission

Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.

Datum: 03.04.2026
Autor: Stefan Schweyer
Quelle: Buchauszug «Gemeinde mit Mission»

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