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Die soziale Coiffeuse

Melanie Keller
Der Coiffeur-Besuch darf kein Luxus sein. Ein Berner Salon bietet Haarschnitte zum selbstgewählten Preis für alle an. Kundinnen und Kunden zahlen nach Möglichkeit, einige mehr, andere weniger. Der Coiffeurstuhl entwickelt sich zum sozialen Zauber.

Alles begann als Jugendarbeiterin im HipHop Center in Bern, das mit der katholischen und reformierten Kirche zusammenarbeitet. Aus einer spontanen Idee brachte Melanie Keller 2019 einen gebrauchten Coiffeurstuhl  und einen Spiegel mit. Dort bot sie Jugendlichen an, auf dem Coiffeurstuhl neben ihren Haaren auch ihre Sorgen und Probleme dazulassen – bei einem Gespräch unter vier Augen und einem Preis, den sie selbst bestimmen. Melanie Keller liess sie selbst entscheiden, wie viel sie dafür bezahlen wollten.

Ihr Angebot sprach sich herum und wurde grösser. «Der Bereich der Schönheit und der persönlichen Pflege wird vom Sozialamt oft nicht oder nur unzureichend abgedeckt, obwohl er für das Selbstwertgefühlt wichtig ist», schreibt das Strassenmagazin «Surprise». «Endlich kann ich wieder ohne Scham in den Spiegel schauen», sagt eine Kundin zur «Berner Zeitung». Melanie Keller ergänzt: «Ein Coiffeurbesuch darf kein Luxus sein. So gibt es einzelne Kundinnen und Kunden, die nur fünf Franken bezahlen.» Es geht um die Würde des Menschen. «Ich möchte ihnen ein Aussehen bieten, mit dem sie sich wohlfühlen», erklärt Melanie Keller dem «Blick». Die Nachfrage stieg weiter und führte im Herbst 2025 zur Gründung des eigenen Coiffeursalon in Bern. Er heisst «CUT N GO». 

Eine solidarische Idee dahinter

Das Prinzip gilt auch hier: Die Kunden entscheiden selbst, wie viel sie für den Haarschnitt bezahlen. Die solidarische Idee dahinter: Wer es sich leisten kann, zahlt mehr. Wer ein kleines Budget hat, zahlt weniger. Melanie Keller vertraut auf die Ehrlichkeit der Kunden – sie prüft ihre finanzielle Lage nicht. Wenn Kunden nach einem angemessenen Preis fragen, was ein Haarschnitt etwa kostet, antwortet Melanie Keller: Sie rechne mit etwa einem Franken pro Minute – damit deckt sie die Kosten für Miete, Material und Löhne.

Auch Spenden finanzieren den Coiffeursalon mit – etwa von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und der Förderstiftung fondia. Bis im Herbst ist das Projekt gesichert. Melanie Keller versucht derzeit, die Vereinbarungen mit den Förderinstitutionen zu verlängern sowie zusätzliche Stiftungsgelder zu beantragen. Zudem lebt das Projekt von der Solidarität. Kundinnen und Kunden, denen es finanziell gut geht, unterstützen das Konzept bewusst und aktiv. Sie bezahlen gerne 100 Franken oder sogar mehr für ihren Haarschnitt. 

Unternehmerisches Handeln und soziales Engagement 

Melanie Keller ist 28 Jahre alt und hat 2015 die Lehre als Coiffeuse EFZ abgeschlossen. Nach Berufsmaturität und späterem Studium in Theologie und Sozialmanagement war sie als Jugendarbeiterin im HipHop-Center Bern tätig. Coiffeuse zu sein bedeutet für sie weit mehr als ein Handwerk – es ist eine Herzensangelegenheit: «Zuhören, ermutigen und Menschen stärken geschieht oft auf dem Coiffeurstuhl. Immer wieder fasziniert mich, wie äussere Veränderungen innere Prozesse anstossen können.»

Die Bandbreite der Kundschaft ist vielfältig: von der Grossfamilie mit sechs Kindern, für die jeder gesparte Franken zählt, über Studierende mit knappem Budget bis hin zu Obdachlosen, die etwas für ihr Selbstvertrauen machen möchten. Besonders die Geschichte einer 65-jährigen Frau ist ihr geblieben. Die Dame hatte ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet. Vor fünf Jahren litt sie an einer manisch-depressiven Episode und verschenkte unüberlegt ihr gesamtes Erspartes. Heute lebt sie von der Sozialhilfe. Die Dame betrat den Salon mit schulterlangen, selbst geschnittenen und ungepflegten Haaren. Sie sagte zu Melanie Keller, sie habe sonst immer kurze Haare getragen und nur wegen Geldproblemen die Haare wachsen lassen. «In diesem Moment wurde mir schmerzlich bewusst: Es kann jeden von uns treffen», erzählt Melanie Keller der «Berner Zeitung».

Für die junge Bernerin ist der Coiffeurstuhl damit mehr als nur ein Arbeitsplatz – er ist ein Ort der Begegnung und des Zuhörens. «Der Stuhl hat einen Zauber», sagt Melanie Keller. «Menschen erzählen, wie es ihnen geht, und wir hören zu – das ist mindestens so wichtig wie der Schnitt.» Ihr Salon zeigt, dass unternehmerisches Handeln und soziales Engagement Hand in Hand gehen können. Und dass ein Haarschnitt der Beginn eines Neuanfangs sein kann.

Zur Website:
CUT N' GO

Datum: 08.04.2026
Autor: Markus Baumgartner
Quelle: Dienstagsmail Nr. 918

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