Weitsicht – von langer Hand geplant
Meine Eltern hatten trotz bescheidener finanzieller Mittel ein Geberherz. Wenn jemand Hilfe brauchte, waren sie zur Stelle und halfen. Bei mir war das viele Jahre anders. Erst die Armen haben mir später gezeigt, dass Teilen reicher macht und wir selbst die Beschenkten sind.
Eine behütete Jugend
Im Kino war ich übrigens das erste Mal, nachdem ich mit 19 die Schule beendet und eine Lehrstelle in einer anderen Stadt angenommen hatte. Unser Fernseher wurde – brüdergemeindenmässig – in einem Schrank versteckt, von dem jeder Gast wusste, was er beinhaltete. Aber es war halt nicht so offensichtlich. Die «böse Welt» wurde uns höchstens mal durch die Tagesschau ins Haus getragen. Daktari, Flipper, Skippy und die Sportschau hingegen waren ja «nicht so böse».
In den Siebzigern erlebte ich eine sonderbare Verwandlung mit: Unsere Gemeinde, in der kopftuchtragende Frauen sassen, die noch nicht einmal öffentlich beten durften, wurde zu einer durchaus attraktiven Gemeinde mit nicht weniger attraktiven jungen Mädels, die sogar in Hosen zum Abendmahl gehen konnten. Zwar zog sich die Entwicklung über Jahre, aber da merkte ich, dass die Bibel durchaus Spielräume lässt und auch kontextualisiert werden konnte.
Geistlich gesehen habe ich eine Jugend erlebt, von der ich heute noch profitiere. Meine Eltern haben uns Kindern wirklich einen authentischen, lebendigen und durchaus nachahmenswerten Glauben vorgelebt mit der Maxime: Du kannst mit Gott über alles sprechen und ihm vertrauen, dass er für dich sorgt. Und diese Fürsorge für eine alles andere als reiche Familie haben wir tatsächlich fast täglich erlebt. Dabei behielten meine Eltern die Bedürfnisse anderer Menschen, denen es schlechter als uns ging, stets vor Augen.
Verbindungen zur Bibelschule
Sowohl die christliche Jugendgruppe, zu der ich gerne gegangen bin und wo wir regelmässig Bibelarbeiten erlebt haben, als auch diverse Veranstaltungen, die auf dem Gelände der Bibelschule stattfanden, haben dazu beigetragen, dass ich ein sehr gutes Fundament für mein (Glaubens-)Leben bekam.
Interessant zu erwähnen ist noch, dass die Bibelschule auch ein internationales Missionshaus war. Immer wieder berichteten Missionare von ihrer Arbeit aus Pakistan, Tansania, Indien oder Afghanistan und weiteren entfernten Ländern. Manchmal war das interessant, manchmal aber für einen wilden Teenager wie mich einfach nur langweilig. Zum Beispiel, wenn mal wieder irgendeine übermotivierte oder ihrer Vergangenheit nachtrauernde Afrikamissionarin versuchte, uns Kindern auf Kisuaheli ein Bewegungslied beizubringen. Manchen Missionaren gelang es auch nicht mehr, ihren Fokus auf die sich ständig verändernde westliche Kultur zu richten und sie meinten, uns als ihre «Boys» afrikanisch betreuen zu müssen. Auch der Chinamissionar, der mehr als einen Rucksack voller Erzählungen aus seinem fast lebenslangen Dienst jederzeit zum Besten geben wollte, wurde von uns Kindern eher zwiespältig aufgenommen. Schliesslich hatte man als Teenager nicht genügend Lebenszeit, wenn es darum ging, auf dem Fussballplatz grossmäuligen Bibelschülern eine Niederlage beizubringen. Da waren zu lange Missionsberichte eher hinderlich.
Was habe ich mitgenommen aus dieser Zeit? Sehr viel Gutes. Aber auch den tiefen Wunsch, Gott solle mich niemals nach Afrika schicken. Ich wollte weder Missionar werden noch in irgendwelchen Hütten leben, geschweige denn halbgekochten Maisbrei essen. Daher hatte ich für mein Leben ein Land als langfristig angelegten Lebensraum identifiziert, das mir deutlich näher lag: Deutschland.
Vom Buchhändler über Journalist zum Verlagsführer
Als es dann an die Berufswahl ging, wurde ich zunächst Buchhändler. Meine Ausbildung in einer christlichen Buchhandlung in Giessen bescherte mir nicht nur viele schöne Stunden mit von mir bis heute heiss geliebten Büchern, wie denen von C. S. Lewis, Philipp Yancey oder auch meinem späteren Freund Adrian Plass, sondern vor allem lernte ich, dass es Christen gibt, deren Blick deutlich über meinen eigenen Tellerrand hinaus ging. Auch brachte die Phase der Emanzipation von meinem frommen Elternhaus mit sich, dass ich mir sehr genau überlegte, was mein Glauben ist und wie ich ihn leben wollte.
Über den Glauben zu reden, was ich ja bereits in meiner Kindheit gelernt hatte, tat ich weiterhin gerne. Nicht nur im persönlichen Gespräch, sondern später auch durch Bücher. Mit 25 Jahren schrieb ich mein erstes Buch, das Porträts christlicher Musiker enthielt. Es sollten über 30 weitere Titel folgen, die ganz unterschiedliche Themen behandelten. Auch schrieb ich Artikel für verschiedene Zeitschriften und publizierte eine eigene Musikzeitschrift. Es machte mir einfach Spass, bekannte oder unbekannte Musiker aus aller Welt zu interviewen und Teil einer damals sehr aktiven frommen Musikszene zu sein.
Als 1993 die erste europaweite Evangelisationskampagne ProChrist gross aufgezogen wurde, damals mit dem amerikanischen Evangelisten Billy Graham, war ich sofort in der Presse- und Öffentlichkeitsabteilung dabei. Inzwischen hatte sich mein Beruf etwas verlagert. Ich betreute als Journalist ein christliches Familienmagazin mit Namen Neues Leben und war in der Medienarbeit des gleichnamigen Missionswerks beschäftigt. Das Engagement für ProChrist hielt sich über 13 Jahre. Erst Ende 2006 beendete ich meine überwiegend ehrenamtliche Tätigkeit für die Evangelisationsveranstaltungen.
Ebenfalls in den Anfängen der Neunzigerjahre wurde ich Geschäftsführer des Brendow Verlages, der kurz zuvor mit Satirebüchern des englischen Autors Adrian Plass für Furore sorgte. Ich hatte das Vorrecht, viele Jahre mit Adrian zusammenzuarbeiten, was mir in vielen Dingen den Blick für Gottes Welt weitete – und mich auf etliche nicht immer ernstzunehmende neue Gedanken brachte. Doch da theologische Basistitel von C.S. Lewis und auch Bücher des amerikanischen Theologen Ron Sider, der die Christen gerne an ihre Verantwortung für die Welt erinnerte, mit ins Verlagsprogramm kamen, war für eine gewisse Balance gesorgt.
45 Jahre lang blind
Wer blind ist, kann eigentlich nicht lesen. Und wer liest, kann eigentlich nicht blind sein. Wie kommt es dann, dass ich behaupte, 45 Jahre meines Lebens blind gewesen zu sein oder zumindest einen sehr grossen «blinden Fleck» gehabt zu haben? Warum brauchte ich den Sehendmacher, wenn ich mich doch so viele Jahre als aktiver Nachfolger verstand? Wo ich doch so viele Bücher gelesen und sogar selbst welche geschrieben hatte?
Vielleicht beschreibt Einseitigkeit am besten dieses Phänomen, denn ich war auf einem Auge blind. Wenn ich zum Beispiel darüber nachdachte, dass Jesus behauptete «Ich bin das Brot des Lebens», dann habe ich das im übertragenen Sinn immer nur auf Evangelisation bezogen. Das Brot des Lebens zu verteilen, bedeutete, die «Gute Botschaft» zu verbreiten, so jedenfalls hiess das damals in unseren Kreisen. Und mir kam es immer darauf an, das in einer sehr verständlichen Form zu tun. Nicht nach dem Motto, «Gut, dass sie es gehört haben, damit sie ,dermaleinst‘ nicht sagen können, sie hätten von nichts gewusst». Nein, ich wollte, dass sie es nicht nur gehört haben, sondern auch die reelle Chance hatten, es zu verstehen. Und das bedeutete, sich Gedanken darüber zu machen, welche Worte verwendet wurden und wie es vermittelt wurde.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern.
Datum: 01.04.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»