Auch Scherben können wertvoll sein
Schnell wird klar: Äusserlich beschreibt das Buch eine Wanderung über mehrere Alpen, innerlich jedoch einen Weg durch die eigene Lebensgeschichte. Die Kapitel lassen sich wie Etappen lesen – Schritt für Schritt, mit Pausen zum Nachdenken.
Zindel greift das Bild des Hirten auf und wendet es überraschend persönlich: Wer Hirte ist, übernimmt Verantwortung – auch für die eigenen Erinnerungen. Manche Erlebnisse melden sich immer wieder, in Gedanken oder Träumen. Sie wollen nicht verdrängt, sondern behutsam betrachtet werden. Dabei geht es nicht um schonungslose Selbstanalyse, sondern um sorgfältiges Ordnen, Versöhnen, manchmal auch um Vergeben. Im Gespräch mit Gott könne Vergangenes in ein neues Licht rücken. Gott kenne den Menschen tiefer, als er sich selbst kennt.
Verarbeitung ist wichtig
Die Spannung entsteht dort, wo Gegenwart und Vergangenheit aufeinandertreffen. Leben im Hier und Jetzt – ja. Doch mit unverarbeiteten Lasten im Rücken wird es schwer. Biografiearbeit schafft inneren Raum, damit Frieden einkehren kann. Zindel erzählt von prägenden Erfahrungen in der Rekrutenschule, die erst durch bewusste Vergebung integrierbar wurden. Nicht alles müsse sofort ans Licht. Manche Erinnerungen seien vom «Mantel der Barmherzigkeit» bedeckt und dürften noch ruhen, bis sie reif seien.
Der Austausch weitet sich zur Bibel. Josef erscheint als Beispiel gelungener Neuinterpretation: Verraten, verkauft, vergessen – und doch getragen. Als er seine Söhne Manasse («Gott liess mich vergessen») und Ephraim («Gott machte mich fruchtbar») nennt, deutet er sein Leid aus der Gegenwart mit Gott. Vergangenheit wird nicht geleugnet, sondern verwandelt. Auch das Vergessen könne Gnade sein – eine geistliche «Delete-Taste». Nicht jedes Warum brauche ein Wozu. Wie bei Hiob bleibe manches sinnlos, und dennoch habe das Leben Sinn, weil Gott da ist.
Nicht immer geht es um Schuld
Schuldfragen kommen zur Sprache. Vieles Negative sei nicht persönlich verschuldet, sondern Schicksal. Anderes sei komplex und vielschichtig. In der Aufarbeitung einer langen Heimgeschichte habe sich gezeigt, wie schwer eindeutige Zuschreibungen fallen. Wichtig sei Ehrlichkeit – ohne Selbstanklage und ohne Beschönigung.
Eine Geschichte aus dem Buch verdichtet das Thema: Ein Hirte verliert bei einem Unfall hundert Käselaibe, kann mit Hilfe anderer die meisten retten und gewinnt an Reife. Verlust wird nicht ausgelöscht, aber verwandelt. So wachse Tiefe.
Am Ende steht Dankbarkeit. Biografiearbeit zielt nicht auf Selbstbespiegelung, sondern auf das Rühmen von Gottes Treue. Trauer habe ihren Platz – echter Abschied statt Selbstmitleid. Schmerz dürfe Gott überlassen werden. Der Blick richte sich nach vorn, während der Schatz der Erinnerungen wächst. Selbst Scherben könnten kostbar werden – wie Fundstücke eines Archäologen. Im Namen Jesu sei es gut.
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Datum: 10.04.2026
Autor:
Fritz Imhof
Quelle:
Livenet