Abraham und du

Unfertiger Glaube

Lohnt sich Glaube, der unfertig bleibt? (Symbolbild)
Es gibt genug Unfertiges: Im Haus gibt es immer was zu reparieren. Das letzte Puzzle ist auch nicht fertig geworden. Und der Download am Computer hängt bereits seit geraumer Zeit bei 97 Prozent fest… Unfertig? Das hört sich selten gut an.

Und heisst es in der Bibel etwa irgendwo: «Selig sind, die da unvollkommen glauben, denn sie werden das Reich Gottes erben»? Auch wenn sich das ein wenig nach der Bergpredigt anhört, steht es nicht da. Stattdessen geht es Jesus in dieser Rede um so herausfordernde Aussagen wie in Matthäus, Kapitel 5, Vers 48 (Hfa): «Ihr aber sollt in eurer Liebe vollkommen sein, wie es euer Vater im Himmel ist.»

Warum in der Bibel nirgendwo (!) von «unfertigem Glauben» gesprochen wird, kann zwei Gründe haben: Es gibt keinen unfertigen Glauben. Das ist kaum vorstellbar, denn Wachstum und Entwicklung werden ihm durchaus zugesprochen. Oder: Glaube bleibt immer unfertig. Das ist so selbstverständlich und gleichzeitig kein Thema wie nasses Wasser. Ausgerechnet der biblische Glaubensheld Abraham scheint diese zweite Möglichkeit mit seinem Leben zu unterstreichen.

Glauben heisst aufbrechen

Abraham wächst im südlichen Irak auf – zu seiner Zeit heisst die Stadt Ur. Irgendwann macht sein Vater sich auf und zieht in Richtung Kanaan. Sie stranden in Haran (heute an der syrisch-türkischen Grenze) und Abraham kommt erst wieder in Bewegung, als sein Vater stirbt. Jetzt redet Gott in sein Leben hinein: «Geh fort aus deinem Land, verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! … Abram gehorchte und machte sich auf den Weg.»

Wenn du das liest, klingt es vielleicht ähnlich wie dein eigener Weg zum Glauben. Du warst christlich geprägt, hast aber irgendwann Gottes Reden gehört und bist nun mit ihm unterwegs. Nur Abraham kennt Gott gar nicht. Wie sein Vater verehrt er andere Götter. Und nun spricht ein Gott, den er nicht kennt, auf eine Weise, die nicht erklärt wird, zu ihm. Trotzdem springt der Funke über. Und in der Folge ist in der Bibel zum ersten Mal vom Glauben die Rede: «Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an.» (1. Mose, Kapitel 15, Vers 6, SLT) Unfertige Informationen führen zu einem unfertigen Glauben, aber trotz allem: Abraham bricht auf. Nicht weil er Gott kennt, sondern weil er ihn kennenlernen will.

Dass diese Haltung viel mit heute zu tun hat, unterstrich der Theologe Dietrich Bonhoeffer in einer seiner Predigten: «Gerade, weil heute alles darauf ankommt, dass wir wirklich Glauben halten, vergeht uns alle Lust zu grossen Worten. Ob wir glauben oder nicht, das wird sich zeigen; mit Beteuerungen ist da gar nichts geholfen…»

Glauben heisst lernen

Unterwegssein zieht sich bei Abraham durchs gesamte Leben. Bis zu seinem Tod besitzt der reiche Nomade in dem Land, in das ihn Gott geführt hat, nur ein paar Quadratmeter, die Grabstätte seiner Frau. Bis zum Schluss ist er nirgendwo richtig angekommen. Das gilt auch für sein Wissen über Gott, seine Überzeugungen, seinen Glauben – Abraham bleibt ein Lernender. Alle paar Seiten wird das im 1. Buch Mose deutlich: Auf seiner Flucht nach Ägypten lernt Abraham, dass Gott ihn schützt und er seine Frau nicht zu verleugnen braucht – Jahre später lernt er in Gerar bei König Abimelech dasselbe noch einmal. Vieles lernt er einmal, zweimal, mehrere Male. Dabei ist er gar nicht besonders begriffsstutzig, aber so funktioniert Lernen – auch in Glaubensdingen. Heute würde man von «lebenslangem Lernen» sprechen.

Wenn man der Bibel glaubt, hat Abraham ziemlich viel Zeit zum Lernen gehabt, denn er soll 175 Jahre alt geworden sein. Trotzdem fehlen zwei Arten von Aussagen über seinen Lernweg völlig: Abraham regt sich nie darüber auf, dass er noch nicht alles verstanden hat. Und Gott regt sich nie darüber auf, dass Abraham immer noch lernen muss zu glauben.

Glauben heisst hoffen

Gott hat Abraham einiges versprochen. Fast nichts davon sieht dieser zeit seines Lebens. Landbesitz: Fehlanzeige. Segensspuren durch die gesamte Welt: Fehlanzeige. Eine riesige Nachkommenschaft: fast Fehlanzeige. Wenn Abraham heute leben würde, würde er wie du immer wieder mit der Frage nach einer Bilanz oder wenigstens Zwischenbilanz seines Lebens konfrontiert: «Was hast du im Glauben erreicht? Welche Früchte hast du gebracht?» Da hat Abraham nicht viel zu bieten. Er ist noch nicht am Ziel, genauso wenig wie sein Glaube – er ist unfertig geblieben. Doch genau dieser Abraham ist eben damit Vorbild für unseren Glauben an Gott geworden:

  • für einen Glauben, der mehr ist als ein Muskel, den man angeblich trainieren kann,
  • für einen Glauben, der nicht sagt «ich habe», sondern immer «ich hoffe»,
  • für einen Glauben, der diese Hoffnung festhält.

Das steht übrigens auch als Einleitung vor Kapitel 11 im Hebräerbrief, der die Vorbilder des Glaubens für die Gemeinde heute auflistet: «Der Glaube ist der tragende Grund für das, was man hofft: Im Vertrauen zeigt sich jetzt schon, was man noch nicht sieht.» (Hfa)

Lohnt sich solch ein Leben?

Lohnt es sich, wenn du in etwas investierst, das nie fertig wird? Natürlich bringst du auch als gläubiger Mensch Dinge zu einem Abschluss. Aber es bedeutet, dass du in den wichtigsten Fragen auf dem Weg bleibst – ohne letzte Antworten – immer als Lernender – unfertig in deinem Glauben. Ob sich das lohnt? Die ersten Nachfolger von Jesus wurden noch nicht «Christen» genannt und waren auch nicht für ihre Standpunkte bekannt. Man bezeichnete sie als «Anhänger des Weges» (SLT) und gerade in ihrem Unterwegssein waren sie attraktiv für viele Menschen. Es ist ein bisschen wie bei der «Unvollendeten» von Franz Schubert – sie ist nicht in erster Linie eine unvollständige Sinfonie, sondern ein gewaltiges und bewegendes Stück Musik.

Lohnt sich Glaube, der unfertig bleibt? Das ist die falsche Frage: Nur ein Glaube, der immer wieder aufbricht, der lernend bleibt und hofft, lohnt sich. Alles andere hat mit Glauben nicht viel zu tun.

Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Er ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und drei Enkel. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich. Ehrenamtlich arbeitet er in der humanitären Hilfe mit, ausserdem begeistert er sich fürs Radfahren, Lesen und Kunst.

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Datum: 28.05.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Jesus.ch

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