Willkommen, liebe Schwäche!
Bei manchen Christen herrscht ein seltsames Missverständnis, wenn es um Stark- und Schwachsein geht. Dann geht das Gerücht um, dass Glaube sowieso nur etwas für schwache Menschen wäre. Wer andere damit angreifen will, spricht sogar von «Schwächlingen». Wieder andere behaupten, dass Gott ihre Stärke wäre und Kraft zu den typischen Merkmalen gläubiger Leute gehören würde. Was stimmt denn nun? Sind alle Christen schwach? Sollten sie im Glauben stark sein? Und was ist, wenn trotz mancher Krafterfahrung Schwächen bleiben?
Nicht besonders schwach, sondern ehrlich
Wenn sich Menschen als Inbegriff der Stärke inszenieren – und das gilt auch im kirchlichen Kontext! –, dann funktioniert das meistens nur, wenn sie Freunde, Partner und Kinder zu Hause lassen und die Kontaktzeit zu anderen Menschen deutlich einschränken. Wieso? Weil alle für ein paar Minuten so tun können, als ob… Wer behauptet, alles im Griff zu haben, macht sich und anderen in der Regel etwas vor. Vielleicht sind die Herausforderungen dieser Person gerade so klein, dass sie zu bewältigen sind. Dementsprechend überzeugt solch eine vordergründige Stärke auch nur für fünf Minuten, danach wirkt sie so, wie sie ist: unehrlich.
Der Apostel Paulus war ein starker Charakter. Und wenn er beiläufig von den Schwierigkeiten erzählt, die er durchstehen musste, dann klingt diese Liste extrem beschwerlich: Gefängnisaufenthalte, Schiffbruch, Steinigung… Da war alles dabei, und er blieb stark. Doch an anderer Stelle räumt er ein, dass er ein fettes Problem hat, das er nicht unter die Füsse bekommt. Das ihn fertigmacht. Und zu dem Gott ihm nur gesagt hat: «Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir.» Paulus’ Reaktion ist nicht verdrängend, sondern ehrlich: «Dann will ich auf meine Schwachheit stolz sein.»
Stärke ist das Ziel
Offensichtlich ist Schwäche also ein Teil unseres Lebens. Allerdings ist sie nicht alles. Niemand geht dreimal wöchentlich in die Muckibude, um dort Muskeln abzubauen. Das tut man, um zu trainieren: Ausdauer, Geschwindigkeit und … Kraft. Stärke gehört also genauso zu unserem Dasein. Und wenn du dir Bereiche überlegst, in denen du wachsen möchtest, dann hat dies immer auch mit Stärke zu tun, egal ob es dir um berufliches oder glaubensmässiges Vorankommen geht.
Wachstum sieht nach vorne. Und wieder ist es Paulus, der dies formuliert. Am Ende seines Briefs an die Epheser nennt er etliche Herausforderungen, an denen die Gemeinde dort wachsen soll, wie zum Beispiel am Umgang über gesellschaftliche Barrieren hinweg. Und Paulus schliesst seine Aufforderungen damit: «Zum Schluss noch ein Wort an euch alle: Werdet stark, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid! Lasst euch mit seiner Macht und Stärke erfüllen!» Und danach vergleicht er das Glaubensleben mit einem Kampf, für den man trainiert und gerüstet sein muss. Schwäche ist also Teil unseres Lebens und Stärke ist unser Ziel.
Schwäche bleibt
Wenn man diesen Satz absolut setzt, dann scheint klar: Es geht eigentlich um Stärke und Schwäche hat keine Zukunft. Doch Vorsicht: Das ist nur eine halbe Wahrheit. Als Jesus sich kreuzigen liess, war das Gottes ultimative Schwäche. Und gerade diese Schwäche ist sein Zeichen der Solidarität an uns und unterstreicht seine Rettung aller Menschen. Auch in unserem Leben bleibt Schwäche ein wichtiger Part:
- Sie erdet dich. Du hebst nicht ab und entwickelst ein tiefes Verständnis für die Schwächen und Probleme anderer Menschen.
- Sie ist Zeichen deines Menschseins. Genauso wie deine Stärke gehört sie zu dir und wie Paulus kannst du darauf stolz sein.
- Sie hilft zum Miteinander. Denn du hast andere Schwächen als die übrigen in deiner Familie oder Gemeinde. Tatsächlich ist Gemeindearbeit immer Teamsache und auf Ergänzung angelegt.
- Schwäche ist nicht peinlich. Sie ist ein Teil von mir und dir. Und sie hilft uns, auf Gott und seine Stärke zu bauen.
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Er ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und drei Enkel. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich. Ehrenamtlich arbeitet er in der humanitären Hilfe mit, ausserdem begeistert er sich fürs Radfahren, Lesen und Kunst.
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Datum: 21.05.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Jesus.ch