In allen Bereichen

Maximiert oder optimiert?

Die ständige Maximierung raubt einem den Fokus auf das Wesentliche (Symbolbild)
Wir werden aufgerufen, unser Leben in allen Bereichen zu maximieren. Die beste Figur. Das sparsamste Auto. Aktien mit der besten Performance. Die meisten Follower. Das neueste Handy. Das gesündeste Essen. Eigentlich ein rechter Stress, oder?

Man kann diese Liste fast endlos fortsetzen. Unsere Gesellschaft motiviert uns zum ständigen «Best Of» in allen Lebensbereichen. Wer nicht mitkommt, fällt zurück. Der Markt tut sein Bestes und animiert uns unaufhörlich mit dem Neuesten und offenbar noch Besseren.

Einen Schritt zurück

Treten wir einen Schritt zurück. Was bewirkt die ständige Maximierung (ausser dass sie ganz schön stressig sein kann)? Klar, ein gesundes Essen ist besser als der Daily Burger. Und ein neues Handy macht Spass – solange man es auch in der Tasche stecken lassen kann. Hier soll nicht der Askese das Wort geredet werden.

Aber gerade das Beispiel Handy zeigt, wie zwiespältig die Segnungen oft sind, die unser Leben verbessern sollen. Was die Frage aufwirft: Ist die Maximierung aller Lebensbereiche – die uns viel Zeit, Geld und Kraft kostet – wirklich auch Optimierung? Ist Lebensquantität auch Lebensqualität? Macht es mich reicher, wenn ich von allem das Beste habe?

Der Fokus

Etwas, was im «Leben im Vielen» gern verloren geht, ist der Fokus – die Fähigkeit, sich zu konzentrieren (das heisst, die Mitte zu finden) und daraus etwas hervorzubringen. Unser Leben mit seinen vielen Bereichen wird nicht gemessen, sondern gewogen: Wichtig für uns ist das, was Tiefe bringt und aus der Tiefe geboren wird. Wenn ich unter dem Zwang stehe, überall zu optimieren, ist die Gefahr gross, nichts richtig zu machen. Überall top, aber nichts wirklich gut. Die ständige Maximierung raubt mir den Fokus.

Optimiert

Im Frühling werden Rebstöcke (die wir oft auch am Haus haben) geschnitten. Es wird ihnen nicht gestattet, hunderte von Trieben hervorzubringen. Das meiste kommt weg – bis auf wenige Triebe, die schöne Trauben hervorbringen sollen. Wenn die Reben reden könnten, die ich diesen Frühling abgeschnitten habe, hätten sie lautstark protestiert. Aber beim Weinstock gilt: Weniger ist mehr. Das Ziel ist nicht möglichst die längsten oder die meisten Triebe, sondern man weiss: Die Frucht kommt, wenn zurückgeschnitten wird. Hier haben wir das Gegenteil des Versprechens unserer Gesellschaft (siehe oben): Optimierung durch Minimierung.

Gott hat Interesse an uns

Dass unser Leben Frucht bringt und damit etwas Reiches durch uns in dieser Welt wächst, daran hat Gott das grösste Interesse. Jesus bezeichnet ihn darum als den Winzer, der an den Reben abschneidet, damit sie mehr Frucht bringen (Johannes Kapitel 15). «Reduktion aufs Maximum» ist Gottes Weg. Und die Hauptaktivität einer solchen Rebe ist es, am Weinstock zu bleiben und alle seine Lebenskräfte und -säfte in schöne, grosse Trauben umzuwandeln. Das erfordert eine Fokussierung des Lebens – vom Vielen zum Einen, vom Äusseren zum Inneren, von der Quantität der Dinge zur Qualität der Gottesbeziehung.

Noch einmal: Damit ist nicht einer Askese das Wort geredet. Wir dürfen geniessen, wir dürfen auch Altes gegen Besseres austauschen. Aber wir sollen nicht dem Irrtum verfallen, als wenn Maximierung aller Lebensbereiche zielführend wäre. Um noch einmal Jesus sinngemäss zu zitieren: «Was würde es dem Menschen nützen, von allem das Beste, Schönste, Neueste und Teuerste zu haben, wenn er das Eigentliche – das Leben und die Fülle aus Gott – doch verliert?»

Zum Autor: Reinhold Scharnowski (1952), Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. Theologiestudium in Basel, dann 21 Jahre Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, 1 Jahr in den USA, Leiter von DAWN Europa, 3 Jahre Mission in Bolivien. Heute im Unruhestand, seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.ch. Verheiratet mit Regula, reformierte Pfarrerin, 4 Kinder, 10 Grosskinder. Liebt Jesus, Reisen, Musik, Kajaken, guten Whisky und gute Bücher.  

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Datum: 06.05.2026
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Jesus.ch

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