Ein taktischer Schuldspruch

Pilatus – bekannteste Randfigur der Evangelien

In The Chosen wird Pontius Pilatus von Andrew James Allen gespielt
Er ist einer der wenigen Nicht-Jünger in den Evangelien, die wir heute noch mit Namen kennen: Pilatus. Der römische Präfekt steht dabei für Opportunismus und Versagen.

Nein, seine Mutter hat nicht gerufen: «Pontius, das Essen ist fertig!» Pontius bedeutet, dass er aus der römischen Familie der Pontier stammte, Pilatus war sein Nachname, der Vorname ist unbekannt. Das ist schon symptomatisch für Pontius Pilatus, diesen Antihelden der Passionsgeschichte: Der Rahmen ist relativ gut geklärt – Persönliches weiss man kaum. Wie so viele seiner Zeitgenossen hatte er sicher ein ruhmreiches Leben als Ziel. Dass er im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen auch 2'000 Jahre nach seinem Tod von Millionen von Menschen im Mund geführt wird, hätte ihn sicher überrascht. Und wahrscheinlich hätte es ihn geärgert, dass er mit der Zeile im Apostolischen Glaubensbekenntnis «gelitten unter Pontius Pilatus» für alle Zeiten mit diesem seltsamen Jesus verknüpft wird.

Ein Machtmensch am Drücker

Bei allen Legenden, die sich um Pilatus ranken, ist es dennoch klar, dass er eine historische Person war: Nicht nur die Evangelien berichten von ihm, auch der antike jüdisch-römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus erwähnt ihn. Ausserdem gibt es mehrere Münz- und Ringfunde, die sich ihm direkt zuordnen lassen. Pilatus wurde wohl in den Ritterstand hineingeboren. Das ermöglichte ihm nach seiner Militärzeit die lukrative Arbeit eines Präfekten. Dessen Aufgabe war es, ein Land zu verwalten und näher ans Römische Reich zu binden, das bisher noch nicht fest dazugehörte. Mit diesem Auftrag landete er um 26 nach Christus in Judäa.

In dieser Zeit wuchs die Opposition gegen die römischen Besatzer, ausserdem gab es immer mehr Widerstand gegen die reiche jüdische Führungselite. Die Quellenlage ist nicht eindeutig, aber scheinbar hat sich Pilatus hier mit einer Mischung an äusserster Brutalität und provozierenden Aktionen durchgesetzt. Er ist einer der wenigen Politiker, die damals wegen ihrer Brutalität angeklagt wurden – es kam allerdings nie zum Prozess, da Kaiser Tiberius kurz vorher verstarb. Trotz dieser Faktoren war Pilatus immerhin bis 36 nach Christus im Amt, also rund zehn Jahre, was durchaus für ein gewisses Talent spricht.

Ob er sich tatsächlich so ungeschickt und gewalttätig verhalten hat, wie berichtet wird, muss wohl ungeklärt bleiben. Vieles spricht dafür, dass man eher einen Sündenbock für die problematische Situation in Nahost brauchte und die Mächtigeren nicht in den Konflikt hineinziehen wollte. Pilatus wurde wie gesagt nicht dafür verurteilt, doch mit Caligula, dem neuen Kaiser, konnte er sich nicht arrangieren. Zwei Jahre später, 39 nach Christus, nahm er sich das Leben. Und schon wieder bleibt unklar, ob er selbst keinen Ausweg mehr sah oder der Kaiser ihm den Freitod nahelegte.

Ein taktischer Schuldspruch

Bibellesenden ist Pontius Pilatus vor allem als Richter von Jesus in der Passionsgeschichte bekannt. Auch dort ist sein Verhalten alles andere als durchsichtig. Als er Jesus verhört, ihn am liebsten aus seiner Zuständigkeit abgeben möchte und schliesslich das Volk zwischen Barabas und dem Messias der Juden wählen lässt, wirkt er ziemlich unentschlossen und schwach. Das passt kaum zum oben beschriebenen Machtmenschen. Möglich wäre es also durchaus, dass Pilatus Jesus nur scheinbar freilassen wollte – in diesem Fall wären Juden, die sich für ihn ausgesprochen hätten, automatisch zu Mittätern geworden, die ebenfalls gerichtet werden konnten. Falls sein Zögern kalkuliert war, hatte er damit Erfolg: Er konnte den Juden die Schuld an Jesus’ Hinrichtung geben und verhinderte ausserdem noch einen Aufstand. Interessanterweise sieht die koptische Kirche Pilatus überhaupt nicht als Täter, sondern vielmehr als Märtyrer und Heiligen.

Die Frage der Fragen

Die Hauptfrage, die Pilatus in den Evangelien stellt, ist sein berühmtes: «Wahrheit? Was ist das überhaupt?» (Johannes 18,38; HFA) Nach den ersten interessierten Fragen nach der Person von Jesus landet der Richter bei dieser halben Frage und halb resignierten Feststellung. Eine im biblischen Text ungestellte Frage zieht sich allerdings wie ein roter Faden durch die Pilatusgeschichte: Welche Spuren möchte ich mit meinem Leben hinterlassen?

Pilatus hat es geschafft, sich mit Machtstreben und Opportunismus hochzuarbeiten. Aber bei der Begegnung mit Jesus wird er herausgefordert, eine bleibende Wahrheit anzuerkennen, sich auf die Seite des Unschuldigen zu stellen, die eigene Macht dazu zu gebrauchen, Gutes zu tun (oder wenigstens nichts Schlechtes). Seine Entscheidung dagegen hat etwas Tragisches. Bis heute begleitet diese Frage nicht nur Politikerinnen und Manager, sondern eigentlich alle: Was darf es mich kosten, wenn Gott meinen Weg kreuzt? Folge ich meinem Gewissen oder den Erwartungen anderer? Was soll einmal auf meinem Grabstein stehen? Auch nur, dass Jesus unter mir gelitten hat?

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Datum: 10.04.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Jesus.ch

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