Kindlich oder infantil?
Jesus liebte Kinder, segnete sie und stellte sie uns als Vorbild hin: «Wenn ihr nicht so werdet wie sie, könnt ihr das Reich Gottes gar nicht sehen.» Kinder sind neugierig und fantasievoll. Spontane Freude, Unmittelbarkeit, Direktheit und Dankbarkeit sind einige der Eigenschaften, die wir nach Jesus von Kindern lernen sollen. Seine Worte erinnern uns daran, dass der Glaube keine komplizierte Sache ist.
Was ist infantil?
Ein anderer Vergleich von Erwachsenen mit Kindern fällt nicht so positiv aus. Bettina Weber erklärt in einem kürzlichen Artikel der Sonntagszeitung «Wir werden immer infantiler» und beschreibt nicht ein Kindlich-, sondern ein Kindischwerden der anderen Art: «Unpünktlichkeit, Faulheit, Kritikunfähigkeit: Alles kann heute psychologisch begründet und entschuldigt werden. Was als Sensibilisierung begann, droht nun eine Gesellschaft von unverantwortlichen Erwachsenen zu schaffen.» Unreife Verhaltensweisen wie Faulheit, Undiszipliniertheit oder Kritikunfähigkeit werden heute mit immer neuen psychologischen Begriffen zu Krankheiten erklärt und damit der Verantwortung entzogen, weil man dafür ja nichts kann: «Diagnose statt Disziplin». Die Folge: «Der Mensch schiebt seine Verantwortung immer öfter auf andere ab – die Gesellschaft, das System, angebliche psychische Leiden. Mit dem Resultat, dass sich Erwachsene wie Kinder benehmen, die für alles eine Ausrede haben und am liebsten rundumversorgt werden wollen.»
Eine Quelle dieser Entwicklung sind nach Weber die «Helikopter-Eltern», die «ihre Kinder in Watte packten und damit lebensuntüchtig machten». Und letztlich macht uns unser Wohlstand so fragil, sagen Experten.
Kindlich oder kindisch?
Christen sollen wie Kinder leben – in einer Art «heiliger Naivität». Bedeutet das nun, dass wir alles auf den «Papa im Himmel» abschieben? Sicher, Er sorgt für uns – aber es ist eine der grossen biblischen Paradoxe, dass Gott uns in immer mehr Verantwortlichkeit hineinwachsen lässt. Im Bild gesprochen: Kindern muss man Milch geben, Erwachsene haben gelernt, feste Speise zu verdauen (vgl. 1. Korintherbrief Kapitel 3, Vers 2). Eine fortschreitende Reifung im Glauben lernt zu unterscheiden, sich nicht absolut zu nehmen und sich nicht so schnell verschiedenen Parteien anzuschliessen («Paulus oder Apollos»), sondern Einheit zu suchen. Je mehr Vertrauen auf Gott, um so mehr Bereitschaft, sich einzusetzen, Entscheidungen zu treffen. Reife bedeutet, Verantwortung zu tragen und sie nicht abzuschieben.
Volles kindliches Vertrauen auf den Vater im Himmel führt also gerade nicht in eine infantile Haltung, sondern stellt uns verantwortlich ins Leben und in unsere Gesellschaft.
Zum Autor: Reinhold Scharnowski (1952), Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. Theologiestudium in Basel, dann 21 Jahre Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, 1 Jahr in den USA, Leiter von DAWN Europa, 3 Jahre Mission in Bolivien. Heute im Unruhestand, seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.ch. Verheiratet mit Regula, reformierte Pfarrerin, 4 Kinder, 10 Grosskinder. Liebt Jesus, Reisen, Musik, Kajaken, guten Whisky und gute Bücher.
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Datum: 17.06.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Jesus.ch