Glauben teilen

Jugendarbeit: Beziehungen sind wichtiger

Was macht die kirchliche Jugendarbeit aus?
Viele Jugendleiter sind theologisch super ausgebildet – aber ihnen fehlen die praktischen Skills. In seinem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» gibt Joel Meier Erkenntnisse weiter, die er als Jugendleiter erlernt hat. Wichtig ist dabei nicht das Programm…

Vor ein paar Monaten sass ich in einer Brauerei mit einem jungen Ehepaar zusammen, welches neu die Leitung einer kirchlichen Jugendarbeit übernommen hatte. Ich hatte mir vorgenommen, zuerst zuzuhören und bat sie, mir ihre Ge-schichte zu erzählen und mir ein Bild von ihrer Jugendarbeit zu geben. Ich war beeindruckt, als sie mir ein fast zehnseitiges Dokument zeigten, in dem sie Strukturen, Pläne und ihr erwünschtes Programm aufgeschrieben hatten. Und das für etwa 15 Jugendliche. Offensichtlich hatten sie grosse Träume und eine organisatorische Gabe. Doch etwas machte mich stutzig: Das Ganze tönte sehr «technisch» und wenig beziehungsorientiert. Sie konnten mir nur wenig über ihre Jugendlichen selbst erzählen. Nach einiger Zeit realisierten wir zusammen, dass sie unbewusst einem Credo glaubten, das leider allzu viele Jugendarbeiten leitet: «Wenn ich das richtige Programm auf die Beine stelle, dann kommen die Jugendlichen».

Doch sind wir mal ehrlich: Es gibt weitaus spannendere und unterhaltsamere Aktivitäten, welche Jugendliche an einem Freitagabend (oder Samstag oder Sonntag) wählen können, als in die Kirche zu kommen! Egal, wie gut dein Game ist oder wie biblisch fundiert und leidenschaftlich deine Predigt ist. Wenn wir versuchen, den Entertainment-Faktor aller anderen Angebote zu übertrumpfen, im Glauben daran, dass wir dann «erfolgreicher» sind, dann haben wir als Kirchen langfristig verloren.

Die primäre Motivationsquelle

Für einige Jugendliche ist ihr persönlicher Glaube die primäre Motivationsquelle, um dabei zu sein. Aber es gibt auch viele, die kommen primär wegen ihrer Freunde. Wenn du nur schon einen Monat lang ein paar Jugendliche geleitet hast, dann kennst du sicherlich Chatverläufe, die so aussehen:

Roman: «Ich kann leider nicht dabei sein.»
Eliane: «Ich auch nicht.»
Franziska: «Sorry, ich muss mich auch abmelden.»
Nina:    «Ich muss lernen.»
Michelle: «I’m out.»
Leiter: «Wer ist noch dabei?»
(niemand antwortet)

Wir als Leiter müssen nicht programmorientiert, sondern personen- und beziehungsorientiert denken. Das bessere Credo heisst deshalb: Beziehungen sind wichtiger als das Programm. Warum? Weil Kirche aus Menschen besteht und Gottes Liebe zu uns und unsere Liebe zueinander (nicht das Programm unserer Kirche) alles zusammenhält.

Wie wertvolle Gespräche entstehen

Unsere Währung als Kirchen ist das Vertrauen der Jugendlichen. Und Vertrauen kann nur durch Beziehung entstehen. Könnte ich wählen zwischen einer Jugendgruppe mit starken Beziehungen und einem schwachen Programm oder einer mit einem bombastischen Programm, aber schwachen Beziehungen, würde ich immer erstere wählen.

Es besteht die Gefahr, dass Jugendleiter, sobald sie eine Anstellung der Kirche bekommen, meinen, für das Jugendprogramm verantwortlich zu sein. So nach dem Motto: Hauptsache, es läuft etwas für die Jungen. Stattdessen sollte der Fokus vielmehr auf den Beziehungen liegen. Du darfst dich freuen: Kaffee trinken, Gespräche führen, Zeit mit den Jugendlichen verbringen, herumhängen, chillen sind ein wesentlicher Teil deiner Job-Description!

Ein völlig chaotischer Abend bei dir zu Hause mit Pizza um Mitternacht, nachdem du alle persönlich nach Hause fahren musstest, kann wichtiger für deine Gruppe sein als ein perfekt getimter Abend im kahlen Jugendkeller, der um 21.30 Uhr fertig ist. Wie viele wertvolle Gespräche sind beim Aufräumen in der Küche oder bei solchen nächtlichen Autofahrten entstanden?

Jesus‘ Strategie

Joel Meier

Versteht mich nicht falsch: Ich möchte keine Faulheit propagieren oder behaupten, dass man sich nicht vorbereiten sollte auf einen Abend. Ganz im Gegenteil: Nur mit einem vorbereiteten Programm kannst du davon abweichen. Die Frage ist vielmehr: Was ist mir wichtiger? Mein perfektes Programm durchziehen oder in die Beziehungen zu investieren?

Jesus selbst wählte als «Strategie», um die Jünger zu Aposteln auszubilden, nicht in erster Linie ein Programm. Er hatte kein Zehn-Schritte-Jüngerschaftsmodell vorgestellt und dann gefragt, wer dabei ist. Nein, seine «Strategie» war es, etwas mehr als drei Jahre lang sein Leben mit zwölf Jüngern zu teilen. Er hatte Beziehungen aufgebaut und ein Team zusammengestellt. Er war überzeugt, dass sie alles Notwendige lernen würden, wenn sie nur lange und nahe genug bei ihm sein würden. Er hatte häufig mit ihnen zusammen gegessen, war viel gereist und hatte alltägliche Situationen für theologisch tiefgründige Gespräche genutzt. Oft spät am Abend.

Am Ende seines Lebens sagte er zu seinen Jüngern: «Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.» (Johannes 13,34 LUT)

Er sprach über seine Liebe zu ihnen. Man könnte auch sagen: über die Qualität seiner Beziehung zu ihnen. Und er erwartete, dass sie diese Qualität im Miteinander zukünftig auch leben würden. Wie das zukünftige Programm der Kirche aussehen sollte, überliess Jesus zu grossen Teilen seinen Jüngern.

Mit Bedauern denke ich daran zurück, wie ich in den ersten Jahren zu viel Zeit in perfekte Konzepte, Strategien und Ab-läufe gesteckt habe, anstatt primär das Programm als Hilfestel-lung für die Beziehungsarbeit zu verstehen. Es wäre viel wich-tiger gewesen, mir für die Beziehungen selbst Zeit zu nehmen.

Real-Life-Story von Michelle

«In einem Team, das ich eine Zeit lang leitete, schlich sich mit der Zeit ein Problem ein: Bei unseren Treffen, die alle drei Wochen stattfanden, kamen immer weniger Teilnehmer. Ich konnte fast sicher davon ausgehen, dass sich mindestens die Hälfte meiner Leute erst zwei Stunden vorher mit einer kurzfristigen Absage meldete. Wie du dir vorstellen kannst, wuchs meine Frustration. Von meinem Typ her habe ich eine perfektionistische Ader. Ich liebe es, bei gewissen Dingen, sie bis ins kleinste Detail zu planen. Also setzte ich mir in meinen Halbjahreszielen für das Team ambitionierte Schwerpunkte: mehr Struktur, noch detailliertere Planungen, spannendere Themen, die meine Teammitglieder interessieren könnten – in der Hoffnung, dass sie dadurch wieder regelmässiger kommen würden. Doch dann sagte jemand, der von meinem Problem hörte, mir ganz beiläufig: «Dein Team ist nicht das Problem – dein Perfektionismus ist es.» Diese Worte brachten mich stark zum Nachdenken. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich all meine begrenzte Zeit in Planung und Organisation gesteckt hatte – aber kaum in echte Beziehungen zu meinen Teammitgliedern. Ich hatte versucht, mit Struktur das zu lösen, was eigentlich durch Nähe, Interesse und echtes Miteinander hätte wachsen sollen.»

Reflexionsfragen

  • Wie gut kennst du deine Jugendlichen wirklich?
  • Wie viele deiner Jugendlichen waren schon einmal bei dir zu Hause?
  • Von 1 bis 10: Wie wichtig ist es dir, ein perfektes Pro-gramm zu haben vor einem Jugendabend?
  • Nach welchen Kriterien wertest du einen Jugend-abend aus? Wie wichtig ist es dir, dass das geplante Programm gut aufgegangen ist?

Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.

Zu den weiteren Auszügen:
Dossier: Kirchliche Jugendarbeit

Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.

Datum: 29.05.2026
Autor: Joel Meier
Quelle: Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»

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