Christwerden als Prozess
Heute veröffentlichen wir einen weiteren Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission». Hier geht es zu den vorherigen Auszügen.
Wer sich mit unserer Gesellschaft auseinandersetzt, wird unschwer entdecken, dass der «christliche Grundwasserspiegel» gesunken ist und dass man christliches Grundwissen immer weniger voraussetzen kann. Daraus ergibt sich, dass der Weg zu einem überzeugten Christsein oft länger wird. Die punktuelle Erfahrung der Umkehr muss in einen längeren Prozess eingebettet werden. Gemeinden, denen es gelingt, andere Menschen neu mit dem Evangelium zu erreichen, geben Noch-nicht-Glaubenden die Möglichkeit, sich über längere Zeiträume mit den christlichen Glaubensinhalten auseinanderzusetzen.
Das ist für die Kirche keine neue Situation. Im jüdischen Kontext waren die Voraussetzungen zunächst sehr gut gegeben, um in kürzester Zeit zu erfassen, was es heisst, dass Jesus der Messias ist. So liessen sich am Pfingsttag aufgrund einer einzigen Predigt 3000 Menschen taufen (Apostelgeschichte 2,41). Das Wirken des Geistes traf bei diesen Menschen auf einen vorbereiteten Boden. Als das Evangelium dann aber im heidnischen Raum Fuss fasste, hatte man immer mehr mit Menschen zu tun, die die entsprechenden religiösen und denkerischen Voraussetzungen nicht mitbrachten. Daher waren grössere Anstrengungen nötig, um solche Menschen zum Christsein zu führen. In der Frühzeit der Kirche wurde daher das Katechumenat eingerichtet, eine Art Vorbereitungszeit auf den Akt der Umkehr und der Taufe, in der interessierte Personen mit den Grundwahrheiten des christlichen Glaubens und den damit verbundenen ethischen Lebensformen vertraut gemacht wurden.
Die Engelsskala
Insofern lässt sich das Christwerden mit einer Liebesgeschichte vergleichen, in der es unterschiedliche Phasen gibt: Interesse aneinander – sich verlieben – einander besser kennenlernen – Heiratsantrag – Hochzeit. Wie auch immer die Phasen im Einzelnen gestaltet sind, dem Eheschluss geht eine längere Zeit der Annäherung voraus. Für die Evangelisation bedeutet das, dass eine Annäherungsphase nötig ist, um Jesus und den christlichen Glauben besser kennenzulernen, bevor es zum Bundesschluss mit Jesus kommt.
Der Missiologe James F. Engel hat modellartig einen solchen Weg entworfen (James F. Engel/H. Wilbert Norton, What’s Gone Wrong with the Harvest? A Communication Strategy for the Church and World Evangelization, Grand Rapids: Zondervan, 1975, 43-47). Die ursprüngliche Engel-Skala geht von -8 bis +5, wobei die Null die Bekehrung markiert. Die negativen Zahlen beschreiben den Weg bis zur Umkehr, die positiven die weiteren Entwicklungen im Christsein. Neuerdings ist dieses Modell mehrfach erweitert und speziell auf den heutigen westlich-säkularen Kontext angepasst worden. Der Negativbereich beginnt dann häufig bereits weiter vorne bei Stufe -9 oder -10, die einen grundsätzlich areligiösen Menschen ohne jegliches Bewusstsein für Gott beschreiben, dessen Moralempfinden recht willkürlich auf den vorhandenen kulturellen Normen beruht. Ab Stufe -7 sind Menschen prinzipiell offen für den Glauben an Gott. Was konkrete Glaubensinhalte angeht, sind sie allerdings noch sehr uninformiert und es herrscht mitunter eine sehr negative Grundstimmung gegenüber der Kirche als Institution. Unterschiedlich starke religiöse Sehnsüchte drängen sich in den Vordergrund. Die Stufe -5 beschreibt eine positive Grundeinstellung gegenüber dem Evangelium. In dieser Phase erscheinen christliche Glaubensinhalte zunehmend plausibel und Menschen fühlen sich immer stärker von der christlichen Gemeinschaft angezogen. Ab Stufe -3 würde man von geistlich Suchenden sprechen, die vom Evangelium persönlich betroffen und inzwischen mehr und mehr vom Wahrheitsgehalt des christlichen Glaubens überzeugt sind. Durch Busse und Glauben kommt es schliesslich zur Bekehrung.
Auch wenn eine solche Skala etwas zu schematisch sein mag, hilft sie uns doch zu verstehen, dass Evangelisation gerade in unserem säkularisierten Kontext nicht nur auf die Schwelle von -1 zu 0 ausgerichtet sein kann.
Es ist genauso die Aufgabe der Kirche, langfristige Grundlagenarbeit zu leisten, damit Menschen überhaupt ein Verständnis für das Evangelium entwickeln können. Deshalb ist es so wichtig, dass gastfreundliche Gemeinden es suchenden Noch-nicht-Christen ermöglichen, den Glauben in Gemeinschaft auch über längere Zeiträume «auszuprobieren». Gerade die Erfahrung, dass man nicht ausgeschlossen wird, sondern schon dazugehören und sich mit den eigenen Gaben einbringen kann, hilft suchenden Menschen (ungefähr ab Stufe -5), den Glauben weiter zu entdecken.
Belonging and Believing
Doch bei dieser Art des «belonging before believing» kann leicht der Eindruck entstehen, dass bereits die regelmässige Teilnahme am gemeindlichen Leben die Zugehörigkeit zum Leib Christi bewirkt. Wo Menschen ohne entsprechendes Bekenntnis allzu leichtfertig für den christlichen Glauben vereinnahmt werden, täuschen wir im Blick auf ihre Gottesbeziehung womöglich falsche Tatsachen vor. Damit ist dann auch die Identität von Kirchen und Gemeinden bedroht. Darum sollte immer wieder umso klarer und einfühlsamer betont werden, dass die Grenze zwischen Glauben und Nicht-Glauben tatsächlich bewusst überwunden werden muss. Sonst werden Gemeindebesucher zu «Dauergästen», die im Negativbereich der Engel-Skala hängen bleiben, ohne dass eine wirkliche Bekehrung hinein in die Gemeindefamilie stattfindet.
Doch ungeachtet dieser möglichen Gefahr gilt: Weil der Prozess des Zum-Glauben-Kommens heute vielfach länger dauert als noch vor wenigen Jahrzehnten, braucht es missionarische Geduld, einen langen Atem und die Bereitschaft, Menschen durch eine Reihe von kleinen Einzelentscheidungen innerhalb einer offenen Gemeinschaft hin zum Glauben zu begleiten. Gemeinden, die die Zukunft missionarisch klug gestalten, bieten Suchenden einen gastfreundlichen Ort des Dazugehörens, um sie dann schrittweise, aber gezielt, zur Umkehr und Hinwendung zu Gott und hinein in ein Leben in verbindlicher Nachfolge Jesu zu führen (vgl. dazu Michael E. Wittmer, Don’t Stop Believing: Why Living Like Jesus Is Not Enough, Grand Rapids: Zondervan, 2008, 98-108).
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission: Damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. (Brunnen Verlag, ISBN 978-3-7655-2141-6, Giessen 2024, www.brunnen-verlag.de.) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zum Buch:
Gemeinde mit Mission
Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.
Datum: 15.05.2026
Autor:
Stefan Schweyer
Quelle:
Buchauszug «Gemeinde mit Mission»