Livenet-Talk

Kirche bauen für die junge Generation

Adrian Blaser im Livenet-Talk
Was macht eine Kirchengemeinde, in der plötzlich eine ganze Generation fehlt? Sie bietet den wenigen jungen Menschen, die da sind, Raum zur Mitarbeit und erlebt etwas Besonderes.

Als Adrian Blaser und seine Frau Debbie vor drei Jahren als Mitarbeiter in die Viva Kirche in Frauenfeld kamen, hatte die Gemeinde ein offensichtliches Problem: Die Generation der 20- bis 30-Jährigen fehlte weitgehend. Nach einer Phase mit starker Jugendarbeit in den 2000er-Jahren waren viele der damals aktiven Jugendlichen zwar noch da, aber es waren kaum welche nachgerückt.

Dieses Szenario kennt man in vielen Kirchen und Gemeinden. Und der Wunsch ist immer derselbe: Junge Menschen sollen nicht nur die Kinderprogramme besuchen, sondern langfristig Teil der Gemeinde bleiben. Die Gemeindeleitung der Viva Kirche stellte sich diesem Thema mit dem Generationenprojekt «We Are Church». Livenet-Geschäftsführer Florian Wüthrich sprach im Livenet-Talk mit Pastor Adrian Blaser darüber.

Junge Leute übernehmen Verantwortung

Für Adrian Blaser begann die Veränderung mit einem Traum: Er sah 40 junge Leute vor sich, die Verantwortung in der Gemeinde übernahmen – damals eine illusorisch hohe Zahl. Aber die Gemeinde begann damit, Jugendliche ab etwa zwölf Jahren aktiv einzubinden; sie sollten die Gottesdienste nicht besuchen, sondern sie mitgestalten. Das Experiment gelang und heute engagieren sich rund 40 Jugendliche in elf verschiedenen Teams: Musik, Theater, Technik, Küche, Moderation oder Social Media. Besonders sichtbar wird dies in speziellen Gottesdiensten, die von den jungen Leuten gestaltet oder mitgestaltet werden. So stehen auch junge Erwachsene zum Predigen (mit) auf der Kanzel – vor mehreren hundert Gottesdienstbesuchern. Hier sieht Blaser den entscheidenden Punkt. Statt die Gemeindemitglieder erst im Erwachsenenalter für die Mitarbeit zu gewinnen, setzt die Kirche inzwischen auf frühe Beteiligung und eine gezielte Förderung junger Menschen.

Eine neue Stimmung in der Gemeinde

«We are Church»

Damit sich solche Veränderungen umsetzen lassen, braucht es nicht nur junge Mitarbeitende, die sich einsetzen lassen, sondern auch eine Gemeinde, die ihnen Raum gibt. Genau dies sei bei der Viva Kirche geschehen, erklärt Blaser. Der Hauptpastor und die Gemeindeleitung haben das Projekt nicht nur erlaubt, sondern aktiv mitgetragen. Und die Gemeinde hat ebenfalls überraschend positiv darauf reagiert. So wurde schnell spürbar, dass sich hier etwas zum Positiven verändert hat. Mit dem neuen Beteiligungskonzept wandelte sich die Atmosphäre der Gemeinde insgesamt. Die Jüngeren waren nicht nur als vereinzelte Zuschauer anwesend, sondern «zuvorderst vorne» und deutlich präsent. Dabei bildeten sich in der Gemeinde neue Musikgruppen und andere Teams. Etliche werden heute von 18- bis 20-Jährigen eigenständig geleitet.

Inspiriert aus Singapur – aber nicht «made in Malaysia»

In ihrem Gespräch nennen Blaser und Wüthrich mehrfach die «Heart of God»-Megakirche in Singapur. Deren Modell, bei dem Jugendliche früh Verantwortung übernehmen, erregte internationale Aufmerksamkeit und inspirierte auch in der Schweiz viele Kirchen. Blaser betonte jedoch, dass sie ihre Ideen nicht nur aus dem Buch «GenerationEN» übernommen haben. Seine Frau Debbie habe den Gedanken bereits früher in einer reformierten Kirche «aufs Herz bekommen». Überhaupt lasse sich die Idee einer asiatischen Megachurch nicht von einer mittelgrossen Schweizer Gemeinde kopieren. Die zentrale Idee der unterschiedlichen Arbeiten ist allerdings dieselbe: Junge Menschen ernst nehmen, ihnen Verantwortung geben und sie sichtbar in die Gemeindearbeit integrieren.

Auch für kleinere Gemeinden

Adrian Blaser hält dieses Konzept nicht nur für grosse Kirchen geeignet. In seiner Gemeinde in Frauenfeld arbeiten inzwischen Dutzende Jugendliche mit, doch der Einstieg könne viel kleiner beginnen. So riet er im Gespräch auch kleineren Gemeinden mit einer ähnlichen Problematik, einfach anzufangen. Schon eine einzelne junge Person kann eine neue Dynamik bringen. Für ihn ist es entscheidend, Jugendliche aktiv anzusprechen und ihnen konkret etwas zuzutrauen – ob im Worship-Team, in der Moderation oder im technischen Bereich. Genauso wichtig ist ihm die unterstützende Haltung der Gemeindeleitung. Veränderung geschieht nur, wenn die Verantwortlichen die junge Generation bewusst einbinden wollen. Das Ziel ist letztlich kein moderner Gottesdienst für junge Leute. Es geht darum, dass Gemeinden generationenübergreifend lebendig bleiben. Und das geschieht auch, indem junge Menschen Raum bekommen, um Verantwortung zu übernehmen und im Glauben zu wachsen.

Zum Talk:

Datum: 19.05.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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