Worum es geht und für wen das wichtig ist
Heute veröffentlichen wir einen letzten Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission». Hier geht es zu den vorherigen Auszügen.
Dieses Buch dreht sich um eine Liebesgeschichte; um die eine grossartige Liebesgeschichte, wie Gott und Mensch zusammenkommen. Es ist keine simple Story, eher ein Drama. Mit Hoch- und Tiefpunkten. Ziemlich kompliziert, so wie wir Menschen eben sind. Wir haben eine tiefe Sehnsucht nach Liebe – und sind doch so verletzt und verletzend. Wir haben grosse Hoffnungen und Wünsche – und sind doch so gefangen im Kreisen um das eigene Ich. Wie um alles in der Welt kann es gehen, dass Gott und Mensch einander begegnen, miteinander in Beziehung sind, einander lieben?
Unsere Hauptthese in diesem Buch lautet: «Gemeinde mit Mission» ist eine Gemeinde mit dem Auftrag, in einem säkularen Kontext Menschen mit Gott zusammenzuführen. Es geht also um Gott und um den Menschen in einem spezifischen Kontext, um die Gemeinde als Ort der Begegnung von Gott und Mensch und um deren Mission, die Sendung in die Welt.
a) Gott
Alles beginnt mit Gott. Er steht am Anfang der Welt, am Anfang unseres Lebens und unseres Glaubens. Ohne Gott wären wir nicht. Ohne ihn gäbe es keine Gemeinde. Gott selbst ist es, der die Initiative ergreift, um mit und unter den Menschen zu leben. Die Beziehung mit ihm lässt sich nicht wie ein Produkt herstellen oder durch gutes Gemeindemanagement herbeiführen. Die Liebesbeziehung mit Gott ist ein Wunder. Wir erbitten und erhoffen sie, aber wir können sie nicht «machen». Diese Tatsache begleitet uns durch unsere gesamten Überlegungen, auch wenn wir es nicht jedes Mal ausdrücklich dazuschreiben. Gott tut das Entscheidende! Er könnte es auch ohne uns. Aber es scheint ihm zu gefallen, uns einzubeziehen. Durch seinen Geist mischt er sich in unser menschliches Handeln ein und verbindet sich mit unserem Tun.
In der Zunft der Praktischen Theologie, zu der wir beide gehören, gibt es einen treffenden Fachbegriff, um diese Wirklichkeit zu beschreiben: theonome Reziprozität (wörtlich übersetzt: «von Gott gesetzte Wechselwirkung»). 1 Das heisst: Es gibt eine Wechselwirkung (Reziprozität) zwischen göttlichem und menschlichem Handeln. Wie diese Wechselwirkung funktioniert, liegt nicht in der Hand des Menschen, sondern wird von Gott bestimmt (theonom). Gott verknüpft sein Handeln mit unserem Handeln, nicht weil unser Handeln so gut ist, sondern weil es Gott gefällt, mit den Menschen als seinen Ebenbildern zusammenzuwirken.
Wenn wir über Gemeindepraxis sprechen, ist uns bewusst, dass wir immer von Gott und dem Wirken seines Geistes abhängig sind. Darum hat Gebet für uns hohe Priorität. Nicht als etwas, das zusätzlich zu unserem Handeln hinzutritt, sondern als Grundhaltung, die unser ganzes Leben trägt. Die Frage lautet nicht: beten oder handeln? Wir handeln betend. Wenn wir uns also Gedanken machen, wie die Gemeindepraxis aussehen könnte, dann erfolgt auch das im Bewusstsein unserer Abhängigkeit von Gott.
b) Mensch
Jeder Mensch ist von Gott geliebt. Überall – zu allen Zeiten. Das gilt, auch wenn uns in diesem Buch eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen vor Augen stehen, nämlich unsere Mitmenschen, die in einem gesellschaftlich säkularen Klima leben und davon geprägt sind. Diese Bevölkerungsgruppe wächst in unseren Breitengraden enorm.2 Für viele unserer Zeitgenossen ist es ganz normal, so zu leben, als ob es Gott nicht geben würde. In ihrer Geschichte war die Kirche zunächst vor allem mit nichtchristlicher Religiosität konfrontiert. Im christlich geprägten Abendland war man dann stärker mit den Auseinandersetzungen um die richtige Form des Glaubens beschäftigt, was zur Ausdifferenzierung innerhalb des Christentums führte.
Dass es heute im westlichen Kulturkreis so selbstverständlich gewordenist, nicht religiös zu sein, ist ein neueres Phänomen.3 Daher halten wir es für lohnend, spezifisch darauf zu schauen, wie Menschen aus säkularen Kontexten mit Gott zusammenfinden können.
Allerdings leben längst nicht alle Menschen, mit denen wir es in unseren Gemeinden zu tun haben, in einem solchen säkularisierten Umfeld. Migrationsbewegungen haben dazu geführt, dass auch nichtchristliche Religiosität heute vielfältiger und stärker präsent ist als noch vor einem halben Jahrhundert. Das eröffnet neue Chancen und Möglichkeiten der kultur- und religionsübergreifenden Kommunikation des Evangeliums und für interkulturelle Gemeindearbeit.4 Mit der Migration kommen aber auch Christen nach Europa, was mitunter zu «Reverse Mission»5 führt: Europa wird durch Menschen aus ehemaligen Missionsländern neu evangelisiert. Die Landschaft der Migrationsgemeinden in unseren Kontexten wird vielfältig und bunter.6 Wir freuen uns über diese bedeutsame Facette christlichen Lebens in unseren Ländern und verstehen unseren Beitrag mit dem Fokus auf eine säkulare Gesellschaft als eine Ergänzung.
c) Gemeinde
In der Liebesgeschichte von Gott und den Menschen nimmt die Gemeinde eine zentrale Stellung ein. Sie ist ein vorzüglicher Ort, wo Gott und Mensch zusammenkommen. In der Kirche öffnet sich der Raum, um die liebevolle Begegnung mit Gott und untereinander zu erfahren. Christliche Gemeinschaft hat immer auch ihre realen Schattenseiten und Problematiken. Längst nicht alles ist gut. Es gibt Streit und Machtmissbrauch. Doch die hoffnungs- und erwartungsvolle Sicht auf Gemeinde ist grösser, denn Jesus selbst hat verheissen, dass er seine Gemeinde baut und selbst die tödlichsten Kräfte sie nicht zerstören können (Matthäus 16,18). Im Vertrauen auf diese Verheissung ist eine optimistische Sicht auf die Gemeinde angebracht. Ihr wurde von Gott das Potenzial geschenkt, eine von echten Beziehungen geprägte Gemeinschaft zu sein, in der die Erfahrung der Liebesbeziehung mit Gott und untereinander konkrete Gestalt gewinnt.
Wir Autoren sind beide im freikirchlichen Milieu aufgewachsen und haben dort auch als Pastoren gearbeitet. Wir kennen kleine Gemeindegründungsarbeiten und grössere Gemeinden und sind mit vielen Kirchen und Gemeinden innerhalb und ausserhalb des freikirchlichen Spektrums verbunden. Der Austausch mit vielen Pastoren und Gemeindegründern war für uns wertvoll und lehrreich. Ihre Erfahrungen haben uns inspiriert und wir haben sie als «Good Practices» hier und da einfliessen lassen.
Uns beiden ist es ein Herzensanliegen, Gemeindeleben theologisch reflektiert zu gestalten. Daher ist es kein Zufall, dass sich unsere zentralen wissenschaftlichen Publikationen darum drehen, die freikirchliche Landschaft mit Blick auf den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmen zu analysieren.7
Dabei sehen wir uns nicht als Vertreter oder Verkäufer des Modells «Freikirche», auch wenn unsere freikirchliche Prägung in den Texten durchgehend spürbar sein wird. Die Nachteile dieser Kirchenform kennen wir allerdings auch nur allzu gut. Wenn wir in diesem Buch von «Gemeinde» sprechen, denken wir nicht an eine spezifische institutionelle Form oder eine bestimmte Konfession oder Denomination, sondern in einem ganz allgemeinen Sinn an eine Gemeinschaft von Menschen, die von der Liebe Gottes erfasst wurden und dadurch motiviert ihr gemeinsames Leben entsprechend gestalten wollen. Wir hoffen, dass die Impulse in vielfältigen Kirchengestalten fruchtbar werden können – seien es klassische oder moderne Freikirchen, Hauskirchen, Landeskirchen, landeskirchliche Gemeinschaften oder unabhängige Einzelgemeinden, Kirchen unterschiedlicher Grösse im urbanen oder ländlichen Raum. Und manche Impulse führen vielleicht dazu, dass eine Gemeinde oder eine Kirche nicht so bleibt, wie sie ist, sondern ihre Gestalt durch die Orientierung an der Verheissung von Jesus und an seiner Sendung neu justiert wird.
Unserer Wahrnehmung nach verlieren in der Gegenwart denominationelle und konfessionelle Identitäten und Abgrenzungen an Bedeutung. Die Kirchenlandschaft verflüssigt sich, manches fliesst ineinander über (und gelegentlich auch auseinander). Deshalb verwenden wir die Begriffe «Kirche» und «Gemeinde» austauschbar. Es gab Zeiten, in denen man den Begriff «Kirche» eher für die Grosskirchen verwendet hat und «Gemeinde» für die Freikirchen, was wir nicht mehr für hilfreich und zukunftsweisend halten.
Kirche/Gemeinde ist ein göttliches Wunder und gleichzeitig eine menschliche Angelegenheit. Eine Gemeinschaft, in der die Liebesbeziehung mit Gott und untereinander Gestalt gewinnt. Diesem Geheimnis wollen wir nachspüren und sind überzeugt, dass dies am besten gelingt, wenn man die Kirche sowohl mit geistlichen als auch mit empirisch-soziologischen Augen wahrnimmt.
d) Mission
Die Gemeinde ist nicht nur dazu bestimmt, die Liebesbeziehung mit Gott zu pflegen, sondern auch andere Menschen in diese Beziehung hineinzuführen. Sie ist von Gott in die Welt gesandt, um seine Liebe zu bezeugen und andere in diese Liebesbeziehung mit Gott einzuladen und auf dem Weg des Glaubens zu begleiten. Das ist Gemeinde mit Mission.
Wenn wir in diesem Buch über Praxisfragen des Gemeindelebens sprechen, gilt unser Augenmerk besonders denjenigen Aspekten, die mit dieser Mission zu tun haben. Viele andere Themen, die für Gemeindeaufbau ebenso wichtig sind (wie z. B. Seelsorge, Gemeindepädagogik, Diakonie, Führungs- und Strukturfragen etc.),8 werden wir nur dann streifen, wenn sie die Mission der Gemeinde direkt berühren. Dieses Buch ist also kein umfassendes Werk zum Gemeindeaufbau, sondern konzentriert sich auf die missionarische Sendung der Gemeinde in einem säkularen Kontext.
Der Begriff «Mission» kann in einem umfassenden Sinn das gesamte Leben der Kirche beinhalten, denn die Kirche ist als Ganze in die Welt gesandt. Mission gehört daher zum Wesen der Kirche. In einem spezifischen Sinn meint Mission jedoch ihren Auftrag, Jesus in der Welt zu bezeugen (Apg 1,8) und als seine Botschafter zur Versöhnung mit Gott einzuladen (2Kor 5,20). Eine Gemeinde, die ihr Leben nach einer Reich-Gottes-Perspektive gestaltet, wird sich nicht um sich selbst drehen, sondern mit Wort und Tat zum Wohl der Gesellschaft beitragen. Dazu gehört das sozial-diakonische Engagement ebenso sehr wie die Verkündigung des Evangeliums und die Einladung zum Glauben.9 Wenn wir hier das sozial-diakonische Engagement weniger häufig thematisieren, dann also nicht, weil es uns nicht wichtig wäre (im Gegenteil: Es wird immer wichtiger, je «kälter» das gesellschaftliche Klima wird). Es geht auch nicht darum, Menschen zu helfen, nur damit sie evangelisiert werden können. Diakonie soll Diakonie bleiben. Und damit sie das bleiben kann, braucht es ergänzend dazu Evangelisation. Deshalb halten wir es für besonders wichtig, in einem säkularen Kontext die Sprachfähigkeit des Glaubens zu fördern und Menschen so zu unterstützen und zu begleiten, dass sie zum Glauben finden können.
Die Sendung der Kirche umfasst die ganze Welt. Sie hat daher einen weltweiten, interkulturellen Horizont, der die Grenzen dieses Kontinents übersteigt.10 Die globale, universale Perspektive wird durch die Verortung im lokalen Kontext ergänzt. Wenn wir in diesem Buch über Mission in einem säkularen Kontext sprechen, ist uns wohl bewusst, dass der Säkularismus unserer Breitengrade global gesehen eher die Ausnahme ist. Doch auch der westlich-säkulare Kontext gehört zur Sendung der Kirche und soll nicht übersehen werden.
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission: Damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. (Brunnen Verlag, ISBN 978-3-7655-2141-6, Giessen 2024, www.brunnen-verlag.de.) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zum Buch:
Gemeinde mit Mission
Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.
Datum: 22.05.2026
Autor:
Stefan Schweyer
Quelle:
Buchauszug «Gemeinde mit Mission»