Grosse Themen, die alle «jucken»
Heute veröffentlichen wir einen weiteren Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission». Hier geht es zu den bereits veröffentlichten Buchauszügen.
Es gibt universelle menschliche Sehnsüchte, an die wir andocken können, um mit Menschen über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Zwischen den eigenen biblischen Glaubensüberzeugungen und dem Denk- und Wertesystem säkularer Zeitgenossen liegen häufig Welten, doch diese spirituellen Grundinstinkte können Ansatzpunkte liefern, um zum Nachdenken über Gott anzuregen.
Glaubenssätze unserer Gesellschaft
Der britische Theologe Tom Wright benennt in seinem Buch «Warum Christ sein Sinn macht» vier Sehnsüchte, die sich auch bei säkularisierten Mitmenschen als unterbewusste Hinweise auf Gott interpretieren lassen:
- die Sehnsucht nach Gerechtigkeit («Die Welt ins Lot bringen»)
- die Sehnsucht nach Spiritualität («Die verborgene Quelle»)
- die Sehnsucht nach Beziehungen («Füreinander geschaffen»)
- die Sehnsucht nach dem Guten und Schönen («Die Schönheit der Erde»)
Ganz ähnlich hat Johannes Hartl in seinem Buch Eden Culture die menschlichen Grundbedürfnisse nach Verbundenheit, Sinn und Schönheit beschrieben. Klar ist: Diese Sehnsüchte werden heute kaum noch religiös und schon gar nicht christlich gefüllt. Doch auch in säkularem Gewand gehören sie zum Grundbestand menschlichen Lebens. Selbst Menschen, die einem Gott-losen Weltbild anhängen und die der Glaube nicht mehr «juckt», können sich dem «Juckreiz» dieser existenziellen Fragen und Sehnsüchte nicht entziehen. Trotz gegenteiliger Beteuerungen suchen sie mit Nachdruck nach Dingen, die über das Diesseits und eine rein säkulare Deutung des Daseins hinausweisen.
Ähnlich argumentiert Timothy Keller in seinem Grundlagenwerk «Glauben wozu? Religion im Zeitalter der Skepsis». Auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrung im säkularen New York setzt er sich mit verschiedenen Annahmen («Glaubenssätzen») auseinander, die in den Köpfen und Herzen unserer Zeitgenossen so stark sind, dass sie den christlichen Glauben von vornherein als wenig plausibel oder gar undenkbar erscheinen lassen:
- «Man muss nicht an Gott glauben, um ein erfülltes Leben voller Bedeutung, Hoffnung und Zufriedenheit zu haben.»
- «Man sollte frei sein, so zu leben, wie man es für richtig hält, solange man niemandem schadet.»
- «Du wirst, wer du bist, wenn du deinen tiefsten Wünschen und Träumen treu bleibst.»
- «Man muss nicht an Gott glauben, um eine Grundlage für ethisch-moralische Werte und Menschenrechte zu haben.»
Die richtige Weichenstellung
Es ist unschwer zu erkennen: Auch hinter diesen Glaubenssätzen verbergen sich letztlich Sehnsüchte nach einem erfüllten Leben, nach Freiheit, nach Ich-Entfaltung und nach einem friedlichen Zusammenleben. Denn auch eine noch so säkular geprägte Kultur kommt nicht an diesen grundlegenden spirituellen Instinkten vorbei – und steht vor der Aufgabe, den Menschen Bedeutung, Geborgenheit, Zufriedenheit, Freiheit, eine tragfähige Identität und eine der Gesellschaft dienliche Moral zu verschaffen, weil wir ohne diese Dinge einfach nicht leben können. Eine wichtige Frage für die Zukunft ist: Haben wir die richtige apologetische (den Glauben verteidigende) und evangelistische Weichenstellung?
Hierfür liefern Wright und Keller wesentliche Impulse. Sie helfen uns zu verstehen, wie Jesus jede dieser universellen menschlichen Sehnsüchte erfüllt, indem sie zeigen, «dass der christliche Glaube emotional wie kulturell am meisten Sinn ergibt, dass er die grossen Lebensthemen am treffendsten erklärt und dass er unübertroffene Ressourcen bietet, um diesen unweigerlichen menschlichen Bedürfnissen zu begegnen.» (Keller, Glauben wozu?, 12.)
Um all das freundlich und überzeugend zu vermitteln, werden intensives Nachdenken und viel Geduld nötig sein. Doch die Mühe lohnt sich: Auch wenn es vielen unserer Mitmenschen unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen geradezu unumgänglich vorkommt, nicht zu glauben, lässt sich missionarisch am «Sehnsuchtsfaktor» anknüpfen, um Menschen auf diesem Weg auf Gott aufmerksam zu machen.
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission: Damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. (Brunnen Verlag, ISBN 978-3-7655-2141-6, Giessen 2024, www.brunnen-verlag.de.) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zum Buch:
Gemeinde mit Mission
Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.
Datum: 08.05.2026
Autor:
Stefan Schweyer
Quelle:
Buchauszug «Gemeinde mit Mission»