Glauben teilen

Sehnsüchte als spirituelle Grundinstinkte

C. S. Lewis half vielen dabei, den Glauben zu verstehen
Das Buch «Gemeinde mit Mission» bietet wichtige Hilfestellungen, wie Kirche ihrer Mission einer säkularisierten Welt gerecht werden kann. Im heutigen Auszug geht es um die Frage, ob sich in der Gesellschaft spirituelle Grundinstinkte finden lassen.

Heute veröffentlichen wir einen vierten Teil aus dem Buch «Gemeinde mit Mission». Hier geht es zum vorherigen Buchauszügen.

Nach vielen Jahrzehnten Gemeindeerfahrung in glaubens- und kirchenfernen Milieus kommt Alexander Garth zum Schluss: Es gibt keine generelle geistliche Sehnsucht im Menschen, an die man problemlos anknüpfen könnte. Von einer prinzipiellen Offenheit für den christlichen Glauben auszugehen, ist seiner Ansicht nach eine Illusion. Die geistliche Dimension sei «so verschüttet, verborgen und von einem naturalistisch-materialistischen Weltbild überlagert, dass der homo areligiosus [also der ohne religiöse Vorstellungen auskommende Mensch] tatsächlich ohne jede religiöse Bedürftigkeit lebt. Völlig desinteressiert an metaphysischen Fragen und ohne die leiseste Ahnung eines religiösen Vakuums freut er sich des Lebens und ist glücklich und unglücklich wie andere Menschen auch.» (Garth, Gottloser Westen?, 92.)

Genauso entschieden hält Garth dann aber an der Grundüberzeugung fest, dass der Mensch dennoch «unheilbar religiös» sei, «dass in jedem Menschen so etwas wie ein spiritueller Grundinstinkt, eine Ur-Sehnsucht, eine spirituelle Kernpersönlichkeit angelegt ist». In der Tat spricht vieles dafür, dass Menschen ganz grundsätzlich religiös ansprechbar bleiben. Trotz Gleichgültigkeit und selbstverständlicher Diesseitsorientierung schlummern auch in unseren glaubensfernen Zeitgenossen tiefe Sehnsüchte, wie säkular überlagert diese auch sein mögen. Und auch heute nähern sich Menschen dem Glauben an, wenn sie merken, dass es auf die bislang verdrängten, grossen Lebensfragen – also: Woher komme ich, wer bin ich, wohin gehe ich und wozu lebe ich eigentlich? – rein innerweltlich keine vernünftigen und emotional zufriedenstellenden Antworten gibt.

«Sehnsüchtige Ruhelosigkeit» als missionarischer Anknüpfungspunkt

Schon der Kirchenvater Augustinus wusste: «Ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.» Gemeinden, die in besonderer Weise Zugang zu postmodern-säkularen Menschen gefunden haben, nutzen nun genau diese «sehnsüchtige Ruhelosigkeit» als wirksamen missionarischen Anknüpfungspunkt. Ihre Erfahrungen zeigen: Interesse an Gott und dem christlichen Glauben entsteht häufig dort, wo spirituelle Grundinstinkte stimuliert werden. In Gottesdiensten und Glaubensgrundkursen, aber auch im persönlichen Gespräch, greift man bewusst die existenziellen Wünsche und Hoffnungen noch-nicht-glaubender Menschen auf:

  • Was bewegt sie?
  • Wonach streben sie?
  • Was erfüllt sie?
  • Worauf hoffen sie?
  • Was gibt ihnen Sicherheit?
  • Worin liegen für sie die Quellen tiefer Freude und Zufriedenheit?

Evangelistisch wirkungsvolle Gemeinden zielen in ihrer Arbeit darauf ab, die ungestillten Sehnsüchte der Menschen ernst zu nehmen und aufzugreifen, um ihnen anschliessend aufzuzeigen, dass diese Sehnsüchte nur in der Beziehung zu Gott in Jesus Christus vollkommen gestillt werden können. Eine liebevolle Begegnung mit ihren dauerhaft unerfüllten Sehnsüchten ist für viele der Auslöser, sich näher mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen. Glaubensprozesse kommen in Gang, wo man zu der schmerzhaften Einsicht kommt, dass irdische «Glücksbringer» langfristig nicht halten, was sie versprechen. Zu diesem Ansatz gehört allerdings auch der Hinweis, dass die vollkommene Stillung menschlicher Sehnsüchte erst mit der Vollendung der neuen Schöpfung zu erwarten ist. Auch Christen müssen lernen, in der Gegenwart mit teilweise unerfüllten Sehnsüchten zu leben. Selbst das Gute, das wir erleben, bleibt bestenfalls ein «Vorgeschmack» auf die vollkommene Erfüllung unserer Hoffnungen in der Ewigkeit.

Wie man ungestillte Sehnsüchte erklären kann

Stefan Schweyer

Bereits vor über 80 Jahren hat der britische Autor C. S. Lewis auf solch «postmoderne» Art versucht, den Glauben plausibel zu machen. Dabei nahm er gezielt Bezug auf tiefer liegende menschliche Herzensregungen und formulierte die bekannten Worte: «Wenn wir nun in uns selbst ein Bedürfnis entdecken, das durch nichts in dieser Welt gestillt werden kann, dann können wir daraus doch schliessen, dass wir für eine andere Welt erschaffen wurden. Wenn keine irdische Freude dieses Verlangen befriedigen kann, heisst das ja noch nicht, dass die ganze Erde ein Betrug ist. Die irdischen Freuden waren vielleicht nie dazu bestimmt, es zu stillen, sondern nur dazu, es wachzurufen, auf das Wirkliche hinzudeuten.» (C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ: Meine Argumente für den Glauben, Giessen: Brunnen, 20. Aufl. 2009, 126.)

Anders gesagt: Ungestillte Sehnsüchte wecken spirituelle Grundinstinkte und sind am glaubhaftesten dadurch zu erklären, dass wir eigentlich für eine andere Welt gemacht sind.

Angesichts der Erfahrungsorientierung und emotionalen Ansprechbarkeit der Postmoderne ist unsere Kommunikation dort «erfolgversprechend», wo wir «mitten ins Herz» zielen. Wir können der Schönheit und Kraft des Evangeliums eine Gestalt geben, wenn wir es schaffen, die christliche Botschaft weise, einfühlsam und verständlich mit den tiefsten menschlichen Sehnsüchten, Bedürfnissen und Lebensfragen zu verbinden. Das ist kein Automatismus, aber anstelle von Gleichgültigkeit und Desinteresse entsteht so womöglich echter Glaubenshunger.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission: Damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. (Brunnen Verlag, ISBN 978-3-7655-2141-6, Giessen 2024, www.brunnen-verlag.de.) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches. 

Zum Buch:
Gemeinde mit Mission

Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.

Datum: 01.05.2026
Autor: Stefan Schweyer
Quelle: Buchauszug «Gemeinde mit Mission»

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