Eine Gesellschaft zwischen Gleichgültigkeit und Sehnsucht
Heute veröffentlichen wir einen vierten Teil aus dem Buch «Gemeinde mit Mission». Hier geht es zum ersten Teil des Buchauszugs.
Viele Zeitgenossen «juckt» der christliche Glaube nicht mehr. Sie lehnen jede christlich orientierte Weltanschauung ab – nicht aus Überzeugung und durchdachter Argumentation, sondern eher aus Desinteresse. In Glaubensdingen herrscht Gleichgültigkeit; Unglauben aus Gewohnheit ist der Normalfall. Eine viel zitierte Beschreibung, die bisher für Ostdeutschland galt, trifft inzwischen auf immer grössere Teile der Gesellschaft zu: «Die Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.» (Diese Formulierung geht wohl ursprünglich auf Wolf Krötke zurück, bis 2004 Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.)
Ein «zur Gewohnheit gewordener Atheismus»
Glaube und Religion haben für das Alltagsleben kaum noch eine Bedeutung. Viele unserer Mitmenschen fühlen sich von religiösen Dingen schlicht und ergreifend nicht betroffen und scheinen tatsächlich keinerlei religiöse Bedürfnisse zu haben. Sie sind tief geprägt von einem Kontext, «der den Glauben nicht einmal als entferntesten Gedanken zulässt» (Alexander Garth, Gottloser Westen? Chancen für Glauben und Kirche in einer entchristlichten Welt, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2017, 93.).
Nicht zu glauben ist nicht zu hinterfragender Common Sense. Typisch ist hierzulande, so der Religionssoziologe Hans Joas, «ein ahnungsloser, veralltäglichter, zur Gewohnheit gewordener Atheismus» (Hans Joas, Glaube als Option: Zukunftsmöglichkeiten des Christentums, Freiburg: Herder, 2012, 55.). Und der Philosoph Luc Ferry nimmt wahr, dass man in unseren westeuropäischen Gesellschaften sehr gut leben kann, «ohne sich jemals die grundlegenden Fragen zu stellen» (Luc Ferry, Von der Göttlichkeit des Menschen oder Der Sinn des Lebens, Wien: Zsolnay, 1997, 19.). Selbst die Frage nach dem Sinn des Lebens spielt für viele Menschen keine grosse Rolle mehr. Auch die Frage nach der Existenz Gottes bzw. eines höheren Wesens hält immerhin mehr als ein Drittel der deutschen Gesamtbevölkerung für gänzlich irrelevant. (Meulemann, Säkularisierung, 50-53, 223.)
Wer vor diesem Hintergrund missionarisch Gemeinde gestalten will, steht vor Herausforderungen. Sind Menschen überhaupt noch religiös ansprechbar? Lassen sich spirituelle Grundinstinkte finden? Und wenn ja: Auf welche Weise könnten sie als Anknüpfungspunkte für den Glauben fungieren?
«Frommer Unglaube» oder: Das «Unbehagen» als Chance
So weit verbreitet die Glaubens-Gleichgültigkeit auch sein mag – es gibt eine gegenläufige Dynamik. Denn nicht selten beschleicht Menschen in unserer westlichen Kultur das Gefühl, mit dem Verlust der Transzendenz sei etwas Wesentliches verloren gegangen. Man könnte von «frommen Ungläubigen» sprechen, die zwar nicht an Gott glauben, ihn aber vermissen. Sie spüren, so Charles Taylor, ein «Unbehagen» beim Gedanken an eine rein säkulare, im wahrsten Sinne des Wortes Gott-lose Welt. (Taylor, Ein säkulares Zeitalter, 507-542, sowie Charles Taylor, Das Unbehagen an der Moderne, Frankfurt: Suhrkamp, 1995.)
«Fromme Ungläubige» fühlen sich einerseits dem Unglauben verhaftet, können aber andererseits die Faszination und Bedeutung des Spirituellen nicht gänzlich abschütteln. Sie sind nicht übermässig religiös, aber verspüren doch eine nagende Unzufriedenheit. Auch der postmoderne Mensch kann sich der Empfindung nicht erwehren, «dass er nicht ausschliesslich deshalb auf der Welt ist, um ständig immer leistungsfähigere Autos […] zu kaufen. Geld, Berühmtheit, Macht, Verführungskraft scheinen ihm zwar erstrebenswerte, aber doch relative Werte zu sein.» (Ferry, Göttlichkeit, 19.)
Eine rein säkulare Weltsicht bleibt für viele unbefriedigend und wirft Fragen auf: «Wie kann es sein, dass die Welt das Resultat eines zufälligen Big Bangs ist? Wie sollte dahinter kein Design stehen, kein metaphysischer [= über das Natürliche hinausgehender] Zweck? Kann es wirklich sein, dass jedes Leben – beginnend mit meinem eigenen, dem meines Ehepartners, meines Kindes usw. – kosmisch irrelevant ist?»
Intensität der Sinnsuche hat zugenommen
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass in den letzten Jahren oft von einem Megatrend der «Respiritualisierung», von einer «Wiederkehr der Götter» oder überhaupt von einem Boomen der Religion die Rede war.
Die Intensität der Sinnsuche hat in den letzten Jahrzehnten wahrnehmbar zugenommen. Das genaue Ausmass ist schwer zu beziffern. Aber es gibt tatsächlich auch bei uns ein wachsendes spirituelles Interesse. Nicht zuletzt in stark konfessionslos geprägten Regionen (z. B. in Ostdeutschland) boomt mitunter das Esoterik-Milieu und speziell in der jüngeren Generation erfreuen sich unterschiedlichste Formen von Patchwork-Religiosität grosser Beliebtheit: Menschen bedienen sich recht unbefangen an den vielfältigen Angeboten des spirituellen Supermarkts und basteln sich, immer wieder neu, aus unterschiedlichen religiösen Versatzstücken und spirituellen Traditionen ihre ganz individuelle Lebensphilosophie zusammen. Also sind sie kaum noch dauerhaft in einer bestimmten religiösen Überzeugung beheimatet. Für weite Teile der deutschen Bevölkerung hat Heiner Meulemann davon gesprochen, dass eine «wachsende Spiritualität der Suche» die Verluste einer «Spiritualität des Zuhauseseins» kompensiere. (Meulemann, Säkularisierung, 158-159.) Etwas plakativ könnte man formulieren: Die Deutschen glauben zwar immer weniger, suchen aber immer mehr.
«Empathische Spiritualitätskritik»
Dennoch warnt der in säkularen Kontexten sehr erfahrene Pfarrer und Gemeindegründer Alexander Garth vor übersteigerten missionarischen Hoffnungen (Garth, Gottloser Westen?, 88.): «Tatsächlich ist die postmoderne Suche nach dem religiösen Kick wenig kompatibel mit dem christlichen Glauben.»
Oder anders ausgedrückt: Kaum ein Zeitgenosse kommt auf die Idee, Antworten auf spirituelle Fragen bei christlichen Kirchen und Gemeinden zu suchen. Dennoch ist Garth überzeugt, dass der christliche Glaube auch heute das Potenzial dazu hat, eine starke Faszination und Attraktivität auf postmoderne Menschen auszuüben. Die spirituellen Suchbewegungen vieler Menschen und das vielfach spürbare «Unbehagen» an rein säkularen Weltdeutungen seien «eine grosse Chance, mit ihnen über den Glauben und den Sinn des Lebens ins Gespräch zu kommen». Er plädiert dafür, die spirituelle Sehnsucht unserer Mitmenschen nicht abzuwerten, sondern empathisch zu kritisieren. Eine solche «empathische Spiritualitätskritik» würde zunächst «einfühlsam fragen, was sie denn suchen. Der, die Suchende könnte erzählen, welchen Weg sie eingeschlagen hat, um die Sehnsucht ihres Herzens zu beruhigen. Es wäre angebracht, könnte dann die suchende Person (kompetent begleitet) selbst evaluieren, ob der praktisch eingeschlagene Weg (oft ausserhalb der christlichen Kirchen) ihre spirituelle Sehnsucht beruhigt und stillt. So könnte Vertrauen gestiftet werden.» (Paul M. Zulehner, „Seht her, nun mache ich etwas Neues“. Wohin sich die Kirchen wandeln müssen, Ostfildern: Schwabenverlag, 2011, 59, zitiert bei Garth, Gottloser Westen?, 89.)
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Gemeinde mit Mission: Damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen» von Stefan Schweyer und Philipp F. Bartholomä. (Brunnen Verlag, ISBN 978-3-7655-2141-6, Giessen 2024, www.brunnen-verlag.de.) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zum Buch:
Gemeinde mit Mission
Zum Autor: Prof. Dr. Stefan Schweyer, Jahrgang 1970, war viele Jahre Pastor in Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz und verantwortet seit 2016 den Fachbereich Praktische Theologie an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.
Datum: 24.04.2026
Autor:
Stefan Schweyer
Quelle:
Buchauszug «Gemeinde mit Mission»