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«Keine Frau macht das freiwillig»

«Prostitution ist keine Arbeit, sondern ein Zustand, den die Frauen irgendwie aushalten», so Kassra Zargaran im Interview mit der «Sonntagszeitung».
Kassra Zargaran war Mitglied der Hells Angels und Zuhälter. Der Kenner des Milieus spricht sich heute scharf gegen die Verharmlosung und gesellschaftliche Akzeptanz der Prostitution aus.

«Nutztiere» hätten die Hells Angels jene Frauen genannt, die sich für sie prostituierten, sagt Kassra Zargaran, genannt «Der Perser», in einem aufschlussreichen Interview in der «Sonntagszeitung». Heute ist Zargaran 40, kein Hells Angel mehr und wendet sich in Büchern und Podcasts («Triggered») gegen die allgemeine Tolerierung des Geschäfts mit dem Sex, weil es «untrennbar mit Menschenhandel, Gewalt und Frauenfeindlichkeit verbunden» sei. Im November erscheint sein neues Buch «Die Strasse vergisst nicht».

Menschenverachtendes Rotlichtmilieu

Zargaran ist überzeugt: «Das Rotlichtmilieu ist, war und wird immer ein kriminell-zwielichtiger Ort mit Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel sein, wo menschen- und frauenverachtende Dinge passieren.» Da Prostitution in Deutschland und der Schweiz legal ist, fühle sich der Staat nicht verpflichtet, einzugreifen. Zargaran: «Dank dieser Pseudoliberalität konnte sich das halbseidene, kriminelle Milieu ungestört ausbreiten.» Der Staat habe mit der Legalisierung der Prostitution nicht nur in Kauf genommen, dass die Frau Opfer wird. «Er hat es der organisierten Kriminalität auch ermöglicht, sich in einem legalen Wirtschaftszweig breitzumachen, den sie nun dominiert.»

Verharmlosende Begriffe

Die gesellschaftliche Verharmlosung zeige sich auch in den Begriffen: Man spricht von «Escort-Damen» und dem «Sexgeschäft». Der Begriff «Sexarbeit» bezeichne etwas als «Arbeit», «was keine Arbeit ist, sondern ein Zustand, den die Frauen irgendwie aushalten, meist nur mit Drogen und Alkohol», so Zargaran. «Es ist auch keine Dienstleistung, es ist staatlich legitimierter Menschenhandel und der Verkauf von Körpern. Die Gesellschaft übernimmt diese akademischen Begriffe und ist froh, dass es sauber klingt.» 

Von wegen «selbstbestimmt»

Zargaran wendet sich vehement gegen die linksfeministische Theorie, dass viele Frauen diesen «Job» nur wegen des Geldes machten und dass Prostitution darum sehr wohl «selbstbestimmt» sein könne: «Ich war wirklich lange genug im Geschäft und sah keine einzige Frau, die das freiwillig macht. Männer bestimmen dieses Geschäft, und die Frauen sind die Ware. Meinen diese Feministinnen ernsthaft, irgendein heranwachsendes Mädchen wache morgens auf und sagt sich: `Ich würde gerne Prostituierte werden`?» Wenn Frauen selbst entscheiden, sich zu prostituieren, sehe das «zunächst nach Freiwilligkeit aus, ist es aber nicht. Sie tun es aus einer finanziellen oder anderen Notsituation heraus, sie werden indirekt zur Entscheidung gezwungen.»

Für das nordische Modell

In Schweden, Frankreich oder Kanada etwa gilt heute das «nordische Modell» – ein Sexkaufverbot, das den Freier bestraft, nicht aber die Prostituierte. Dieses Modell ist für Zargaran «eine gute Lösung, weil es die Frau in den Mittelpunkt stellt und den Mann als das betitelt, was er ist: der Täter. Er macht das alles möglich, er steuert die Nachfrage.» Wenn hingegen der Staat sage, es sei «legitim, Frauen zu kaufen, wird den Männern gesagt, sie kauften sich eine ganz harmlose Dienstleistung, etwa so, wie wenn sie sich ein Auto mieteten. Da hat man während der Miete auch die Deutungshoheit darüber. Und so denken sich viele Männer: Ich habe 50 oder 100 Euro gezahlt, deshalb darf ich jetzt mit dieser Frau umgehen, wie ich will.»

Zargaran hat 2014, nachdem er Zeuge eines Mordes wurde, das grösste Tabu der Hells Angels gebrochen: Er beschloss, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Das Ergebnis war Zerschlagung und Verbot der Hells Angels in Berlin. Die am Mord Beteiligten bekamen Lebenslänglich, er selbst wurde zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er sieben Jahre in Einzelhaft verbrachte. Heute lebt er aus Sicherheitsgründen mit seiner Familie unter strengem Zeugenschutz an einem unbekannten Ort im Ausland.

Reinhold Scharnowski ist Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. 21 Jahre war er Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, dazu Leiter von DAWN Europe und drei Jahre Missionar in Bolivien. Heute im «Unruhestand», seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet. 

In der aktuellen Folge vom Video-Podcast «Trotzdem» von Hope Schweiz spricht Tabea Oppliger über ihren Einsatz gegen den Menschenhandel:

Datum: 15.08.2026
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Sonntagszeitung / Tagesspiegel

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