Zwischen Erfolgsgeschichte und Abgrenzung
Die Nachrichten sind immer noch voll von Berichten über die spanische Exklave Ceuta. Die Halbinsel, die auf der marokkanischen Seite der Strasse von Gibraltar liegt, erlebte in der letzten Juliwoche den unerwarteten Ansturm von rund 50'000 Menschen auf dem Seeweg – sie schwammen dorthin, um nach Europa zu gelangen. Während die EU ihr weiteres Vorgehen plant und sich viele fragen, was genau der Auslöser dieser Welle war, steht dieses Wochenende in der NZZ eine Flüchtlingsreportage der anderen Art. Helmut Stalder erzählt darin von neuen Erkenntnissen über die bekannte Schweizer Industriellenfamilie Maggi: «Der umtriebige Michele Maggi. Wie ein politischer Flüchtling den Grundstein für eine Weltmarke legte». Diese sehr unterschiedlichen Nachrichten haben nichts miteinander zu tun – und doch so viel...
Der Maggi-Mythos
Vor 180 Jahren wurde Julius Maggi in Frauenfeld geboren. Als junger Mann übernahm er die Firma seines Vaters und kämpfte gegen ein schweres Problem der damaligen Zeit: Mangelernährung. «Julius Maggi engagiert sich aussergewöhnlich zum Wohl der Menschen und verwendet Leguminosen (eiweisshaltige Hülsenfrüchte), um Fabrikarbeitern nährstoffreiche, preiswerte Lebensmittel zur Verfügung stellen zu können», beschreibt die Firmenwebsite den Start einer beispiellosen Erfolgsgeschichte rund um Armenspeisungen, Suppenwürze und Fleischbrühe in Würfeln. Die Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde, und dabei noch der Menschheit half. Dass das zwar in Grundzügen stimmt, aber einiges aus der Maggi-Gründergeschichte auch zu den Legenden gehört, zeigt Stalder nach einem Blick in die Archive des Unternehmens.
Neuere Erkenntnisse
Die NZZ berichtet unter anderem: «Den Grundstein für das Maggi-Imperium legte bereits Julius’ Vater, Michele Maggi, der als politischer Flüchtling nach Zürich kam und in Frauenfeld rasch ein erfolgreicher Unternehmer wurde. Julius hingegen war ein verhaltensauffälliger Jüngling, der Schulen und Lehren abbrach, bis er Tritt fasste.» Michele Maggi war ein vermögender politischer Flüchtling aus der Lombardei, der sich gegen das Wiedererstarken des Adels in seiner Heimat gewandt hatte. Er floh in die liberale Schweiz, wurde Bürger in Affoltern, kaufte eine Mühle und heiratete eine Zürcherin.
Der später erfolgreiche Erfinder der Maggi-Würze, Julius Maggi, war dagegen «ein Problemkind, eigenwillig, impulsiv, trotzig». Er besuchte Schulen, Internate und Privatschulen; nirgendwo konnte er bleiben. Eine erste Ausbildung brach er ebenfalls ab, erst mit 21 Jahren besserte sich dies und er stieg erfolgreich in die Arbeit bei einer ungarischen Industriemühle ein. Der Vater rief ihn während einer Firmenkrise zurück nach Hause und nun entwickelte Maggi Junior die Firma, für die er mit seinen weltbekannten Erfindungen bekannt wurde.
Eine Geschichte zur richtigen Zeit
Über die eigentliche Geschichte hinaus ist die Tatsache interessant, dass jemand wie dieser Unternehmer, der die Landesgeschichte geprägt hat, zunächst einmal nichts anderes war als manche, die heute an den Grenzen der EU oder der Schweiz anklopfen. Sie sind arm oder wohlhabend, sie suchen Schutz oder eine neue Lebensperspektive, genauso wie Michele Maggi vor vielen Jahren. Die Zusammensicht seiner Lebensgeschichte und der aktuellen Migrationspolitik kann dazu beitragen, Flüchtlingsschicksale weder zu romantisieren noch zu kriminalisieren. Natürlich müssen heute konkrete und gangbare Wege für eine Asylpolitik gefunden werden. Aber die Erfolgsgeschichte von Maggi erteilt pauschaler Angstmache und Schwarzseherei eine deutliche Abfuhr. Übrigens genauso wie ein Blick in die Bibel. Dort gibt Gott seinem Volk – ehemals selbst Verfolgte und dann aus Ägypten geflohene Menschen – den klaren Auftrag: «Er [Gott] liebt die Ausländer und gibt ihnen Nahrung und Kleidung. Zeigt auch ihr den Ausländern eure Liebe! Denn ihr habt selbst einmal als Ausländer in Ägypten gelebt. Habt Ehrfurcht vor dem Herrn, eurem Gott!» (5. Mose, Kapitel 10, Vers 18-20; HFA)
Stalder beschliesst seine Reportage in der NZZ mit den Worten: «Maggi wird zur Weltmarke, auf der Grundlage des erfolgreichen Einwanderers Michele Maggi aus Monza und seiner Mühlen in Frauenfeld und Kemptthal – und durch den Pioniergeist des einstigen Problemkindes Julius Maggi.» Auch unsere Gesellschaft heute wird einmal daran gemessen werden, mit welcher Perspektive sie geflüchteten Menschen begegnet ist.
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.