Warum die reformierte Kirche jetzt mutiger werden muss
Stephan Jütte leitet die Kommunikation der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Zusammen mit Manuel Schmid verantwortet er den RefLab-Podcast «Ausgeglaubt». Der Theologe liebt es, Neues auszuprobieren.
Kirche am Wendepunkt
Auch wenn Stephan Jütte die Geschicke «seiner» reformierten Kirche auf nationaler Ebene mitgestaltet, sieht er sich nicht in einer Machtposition: «Das stimmt halt in unserem System nicht. Es ist eher so, dass die Macht ganz fest bei den Kirchengemeinden liegt.» Für ihn steht die reformierte Kirche der Schweiz an einem Wendepunkt. Mitgliederschwund, die Frage nach der Relevanz und einer tragfähigen Zukunft sind in seinem Umfeld wichtig, doch er sieht den Bedeutungsverlust der Kirche nicht primär als Krise, sondern als Chance zur Erneuerung.
Gleichzeitig warnt er mit Blick auf die USA vor einer stärkeren gesellschaftlichen Polarisierung, die den inneren Zusammenhalt zerstört. Auch wenn die Kirche nach seiner Wahrnehmung zunehmend zu einer Minderheit wird und so etwas wie Bibelwissen oder christliche Traditionen längst keine Selbstverständlichkeiten mehr sind, sieht er gerade bei reformierten Christen eine gemeinsame Identität und die Erwartung, dass Kirche Orientierung und Heimat bietet. Das ist dann möglich, wenn sie auch eine nationale Präsenz hat, zum Beispiel über digitale Formate und öffentliche Debatten.
Positionen, aber keine Parolen
In diesem Spannungsfeld der Erwartungen möchte der Kommunikationsleiter, dass die Kirche ihre Verantwortung in für sie typischen Fragen übernimmt, sich für Menschenwürde, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzt. Dabei soll sie seiner Auffassung nach jedoch keine Parolen verbreiten oder parteipolitisch tätig werden. «Als reformierte Kirche haben wir ganz viele Leute, die selber denken», hält er fest und ergänzt, dass eine Autorität, die vorgibt, was sie zu glauben und politisch zu tun hätten, ihrem Verständnis widerspreche. Stattdessen soll die Kirche Räume schaffen, in denen Menschen miteinander diskutieren und unterschiedliche Positionen aushalten können.
Geld ist nicht das Problem
Beim Blick auf sinkende Mitgliederzahlen stimmt Jütte nicht ins allgemeine Jammern ein. Auch wenn die Finanzierung kirchlicher Aufgaben langfristig schwieriger wird, verfügt die Kirche noch über erhebliche Ressourcen und viel Erfahrung. Das eigentliche Problem ist für ihn weniger der Verlust von Geld als der von engagierten Menschen. Kirche darf daher nicht ihren eigenen Niedergang verwalten, sondern muss etwas Neues wagen. Dabei gehört Scheitern für ihn als normale Möglichkeit dazu, doch er unterstreicht mit einem persönlichen Beispiel, dass er lieber einer ist «von den paar, die am Start waren und nicht wie ganz viele andere es gar nicht probiert haben». Diese Mentalität wünscht er sich auch für die Kirche.
Eine Kultur des Ausgleichs
Die Realität in den USA ist für ihn zugleich Vorbild und Warnung. Er bewundert die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und Risiken einzugehen. Dort wird Unternehmergeist gefördert und Scheitern nicht stigmatisiert. Gleichzeitig fehlt allerdings vielen Menschen ein soziales Sicherheitsnetz. «In den USA kann dir das wirklich passieren, dass du ins Bodenlose fällst.» Das verursacht Frustration, Hoffnungslosigkeit und zerstört das Vertrauen gegenüber Politik und Gesellschaft.
Eine Folge davon, die auch hierzulande spürbar ist, ist die zunehmende Polarisierung, die auch christliche Milieus erfasst. Christen dämonisieren sich gegenseitig und stilisieren politische oder religiöse Gegensätze zu Identitätsfragen hoch. Das «richtige» Reden über Themen wie Abtreibung oder Israel werde zu einem besonderen Markenzeichen der Zugehörigkeit, während die gemeinsame christliche Basis in den Hintergrund tritt. Hier sieht Stephan Jütte eine besondere Chance für die Schweiz, die über ein starkes Sozialsystem und eine politische Kultur des Ausgleichs verfügt. Die Aufgabe der Kirche ist es für ihn nicht, gesellschaftliche Gegensätze weiter anzuheizen, sondern als integrierend zu wirken und Menschen zusammenzuführen.
Mut ist nötig
Um gegen den Trend integrierend zu wirken, ist ein bisschen Mut nötig. Die Kirche muss daran mitarbeiten, dass auch diejenigen, die sich als abgehängt oder missverstanden sehen, wissen, dass sie gehört werden. Noch sind die Voraussetzungen dazu günstig. Noch haben die Kirchen genügend finanzielle und personelle Ressourcen, um Veränderungen anzustossen. Den Zeitpunkt, neue Formen des kirchlichen Lebens auszuprobieren und Wandel aktiv zu gestalten, sieht Stephan Jütte deshalb jetzt. Resignation ist aus seiner Sicht der verkehrte Weg. Die Reformierte Kirche muss den Mut haben, sich zu verändern – und dabei im Blick behalten, dass Stillstand gefährlicher ist als Scheitern. Seiner Kirche, aber auch den Freikirchen, wünscht er deshalb abschliessend «die Gabe der Unterscheidung, über welche Themen man ganz fest beten und welche man ganz laut zur Sprache bringen soll».
Zum Talk:
Datum: 26.06.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet