Was wir aus der Fischer-Affäre lernen können
Nun hat Patrick Fischer gesprochen. Über die gefälschte Urkunde. Über das vermeintlich vertrauliche Mittagessen. Und über das Donnergrollen, das ihn danach heimsuchte. Zur Erinnerung: Patrick Fischer reiste mit einem gefälschten Covid-Impf-Zertifikat im Jahr 2022 an die Olympischen Spiele in China.
Niemand hat dabei eine gute Figur gemacht. Fischer nicht, der an andere einen hohen Anspruch hat und der den jungen Verteidiger Lian Bichsel – der aus nachvollziehbaren Gründen einem Zusammenzug eines Nachwuchs-Nationalteams fernblieb – gleich für vier Jahre sperrte ... und die Öffentlichkeit und den Verband belog. Das SRF nicht, das den Schattenwurf nicht loswird, eine Off-the-Record-Aussage aus Sensationsgier verwendet zu haben. Und der Verband nicht, weil er Fischer zunächst stützte und dann plötzlich fallen liess.
«Vor allem schnell entschieden»
Theologe und Autor Thomas Härry: «Mir fällt bei solchen Geschichten auf – vor allem wenn es um öffentliche Personen geht – wie schnell die Beteiligten sich gezwungen fühlen, zu handeln.»
Daraus könne man lernen, dass nicht immer sofort eine so schwerwiegende Entscheidung getroffen werden müsse. «Vielleicht ja, aber ich würde mir ein bisschen mehr Zeit geben wollen und mich nicht zu stark unter Druck setzen lassen von der Öffentlichkeit.»
Die Liga-Bosse hätten «unglaublich schnell entschieden». Druck und Dynamik türmten sich auf. Thomas Härry: «Ich glaube, für Leute, die in Verantwortung sind, ist es eine Versuchung, unter Druck, einfach aufgrund des Drucks, zu reagieren, um sich selber möglichst schnell Entlastung zu geben.»
Zurückgezogen
Von der Selbstführung von Jesus können wir auch in diesem Punkt viel lernen, ist Thomas Härry überzeugt. Er verweist im Livenet-Talk auf die Stelle in Johannesevangelium Kapitel 6: «Ich lese gerade den Text von Jesus, wo er 5000 Menschen zu essen gibt und dann wollen sie ihn zum König machen und er zieht sich zurück auf einen Berg. Mir fällt dort etwas auf, das ich mir wünsche für mich als Person und eigentlich für jeden, der Leiter ist. Und das passt vielleicht ein bisschen dazu. Dass Jesus die grossartige Fähigkeit hatte, sehr abhängig zu sein vom Vater, das betont er mehrmals im Johannesevangelium. Und er behält sich gegenüber den Menschen eine gewisse Unabhängigkeit. Gegenüber der Öffentlichkeit eine gewisse Unabhängigkeit. Sie wollen etwas von ihm, sie drängen auf ihn ein, er entzieht sich dem Druck.»
Er wünsche sich, dass wir uns nicht immer von dem drängen lassen, was gerade auf uns eindringt. Auch wünsche er sich, dass man in christlichen Gemeinden und Organisationen davon wegkommt, perfekte Leiter haben zu wollen. «Wir wollen Leiter, wo es keine Vorwürfe gibt an sie, doch die gibt es nicht. Ich sage nicht, dass es immer falsch ist, dass wir Konsequenzen ziehen müssen und eine Aufarbeitung brauchen. Aber die Art, wie schnell und radikal das geschieht, scheint mir nicht immer gesund zu sein.»
Im Versteckten leben
Gebraucht würden scheinbar Leiter, «die keinen Schatten auf dem Feld haben. Und doch hat jeder Leiter seinen Schatten. Aber er muss ihn umso mehr verstecken, damit er nie vorkommt. Das halte ich nicht für gesund. Ja, und das verleitet natürlich dazu, dass jemand jetzt so handelt, wie vielleicht Patrick Fischer das letztlich gemacht hat.»
Schnelle Lösungen sind selten gut durchdachte Lösungen. «Ich muss selber lernen, aber auch die Leute, die ich führe, müssen lernen: ‘Es gibt gerade noch keine Lösung. Wir sind aber dran. Haltet ihr das aus?’»
Die Öffentlichkeit und wir als Nichtbeteiligte haben einen grossen Hang zur Unbarmherzigkeit, stellt Thomas Härry fest. Die Geschichte werde noch lange an Patrick Fischer hängen.
«Es ist nicht das Ende»
In dieser Causa wie auch in anderen Ereignissen gelte: Es gibt kein Versagen, für das es keine Vergebung geben kann. «Die Gesellschaft, und manchmal sind wir Christen nicht viel besser, verweigern das aber oft. Wir müssen auch die Tür der Vergebung offen lassen. Gott wird nicht sagen: 'Nein, du nicht.' Und manchmal hilft es dem Täter auch überhaupt, in einen Prozess der Umkehr und der Korrektur zu gehen, wenn man ihm zuspricht, dass es Vergebung für ihn gibt.»
Es gehe darum zu sagen: «Es ist nicht das Ende. Gott kann dich weiterhin brauchen.»
Zum Talk:
Datum: 12.06.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet