Sehtest: Psalm 23 einmal anders
Ich sitze in einem Slum in Guayaquil (Ecuador) in einer Behausung, die zwischen zwei Steinhäusern eingerichtet wurde. Das Dach besteht aus einigen Holzverstrebungen, die einfach zwischen die beiden Wände der benachbarten Häuser geklemmt wurden. Darauf einige Wellbleche, die als Schutz vor Regen dienen sollen. Wenn es dann aber tatsächlich regnet, kann die Familie sich nur in einer Ecke der kleinen Wohnfläche vor dem Regen schützen. Die Front des Hauses besteht aus Wellblechen, die hochkant irgendwie miteinander verbunden eine Mauer bilden. Ein weiteres Wellblech dient als Tür.
«Schwere Jungs»
Wir sind mit Compassion vor Ort, weil wir einen Film drehen wollen mit den drei Kindern der Familie, die das Glück haben, in einer christlichen Kirche an unserem Patenschaftsprogramm teilzunehmen. Die Gemeinde hat uns für die Zeit unseres Aufenthalts eine «Security» besorgt, fünf bekannte, ehemalige Drogenbosse. Auch heute noch im doppelten Sinn «schwere Jungs». Ihre Geschichte ist unglaublich:
Vor einigen Jahren waren Mitarbeiter der Kirchengemeinde im Viertel unterwegs, um Kinder für das Compassion-Kinderzentrum einzuladen. Auf dem Weg wurden sie von diesen Drogendealern gestoppt und ausgeraubt. Als sie aber die Geldbörse der Kirchenmitarbeiter öffneten, entdeckten sie eine Visitenkarte der Gemeinde und stutzten einen Moment lang. Dann fragten sie neugierig, was die zu bedeuten hätte. «Wir gehören zu der Gemeinde und sind unterwegs, um Kinder für das Projekt auszusuchen», antworteten die Mitarbeiter. «Ach du Sch…», fuhr es den Drogendealer erschrocken aus dem Mund. «Ihr seid von dieser Kirche? Da gehen doch unsere eigenen Kinder hin!»
Seitdem hat das Projekt eine eigene «Security», die nun auch für unsere Sicherheit sorgen wird. Als wir morgens sehr früh die Kinder auf ihrem Weg ins Projekt filmen wollen, verfolgen wir sie mit unseren Kameras etwa fünfzig Meter ins Viertel hinein. Auf einmal aber halten uns die «schweren Jungs» zurück und fordern uns auf, sofort umzukehren. «Warum?», fragen wir. «Nun, gleich wird's hier so gefährlich, dass wir uns selbst nicht mehr weiter trauen, denn die Strassenzüge dort drüben gehören den anderen», wird uns kurz als Begründung mitgeteilt.
Ein ganz besonderer Hirte
Mit zerknirschten Zähnen, die Kinder gehen lassen und den Film hier stoppen zu müssen, drehen wir um. Das grösste Problem in dieser Gegend scheint wirklich die Sicherheit zu sein. Wir sehen noch den Kindern hinterher, wie sie unbekümmert weiterlaufen, weil es ihr ganz normaler Weg zum Projekt ist. Kinder, die täglich einen Weg gehen, den sich Drogenbosse nicht zu gehen trauen. Das ist bemerkenswert. «Sie brauchen schon einen ganz besonderen Hirten, der auf sie aufpasst», denke ich.
Und schlagartig wird mir klar, wie wenig ich über das Leben in einer solchen Gegend weiss.
Welchen Einfluss hat das Leben im Slum von Guayaquil zum Beispiel auf das Bibelverständnis? Was denken die Menschen hier, wenn sie zum Beispiel den Psalm 23 lesen, der im Glaubensleben vieler Christen in Deutschland eine zentrale Rolle spielt? Wie erleben Sie es, von einem guten Hirten begleitet und getröstet zu werden? Tun sie das überhaupt?
Eine fiktive Erzählung
Um das zu verdeutlichen möchte ich dich kurz in eine fiktive Erzählung hineinnehmen, die wohl treffend beschreibt, wie die Situation armer Menschen aussieht. Stellen wir uns dafür vor, ich sässe in einer dieser schrägen Hütten am Salzigen Sumpf und lese mit den Bewohnern die Bibel. Die 19-jährige Helen schlägt vor, den Psalm 23 gemeinsam zu lesen. Wie viele andere junge Frauen in Ecuador leben sie und ihre Familie schon seit Generationen in diesem Armenviertel unter einfachsten Bedingungen. Eine Veränderung ihrer Lebensumstände ich nicht in Sicht. Ich beginne langsam zu lesen:
«Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen.»
«Wie bitte?», höre ich Helen fragen. «Ist das ernst gemeint? Nichts wird mir fehlen? Mir fehlt alles. Schau dich doch mal hier um! Ich habe kein Bett, wir schlafen mit neun Leuten auf zwei vergammelten, alten Matratzen, die schon so durchgescheuert sind, dass wir auch gleich auf dem nackten Fussboden schlafen können. Zu essen gibt es hier jeden Tag Reis und ein paar Bohnen, wenn wir ganz viel Glück haben und irgendjemand das zusammengebraute Spülmittel meiner Mutter kauft. Morgens, mittags, abends Reis und Bohnen.
Nein, warte, meistens nur mittags. Weisst du, wie es sich anfühlt, hungrig ins Bett zu gehen und hungrig aufzustehen. Nichts wird mir fehlen? Uns fehlt eigentlich alles! Ich konnte auch nicht in die Schule gehen, weil wir das Schulgeld einfach nicht bezahlen konnten! Willst du noch mehr hören?»
«Nein, Helen, lass mich weiterlesen», murmele ich.
«Er weidet mich auf saftigen Wiesen und führt mich zu frischen Quellen.»
«Wie lange bist du schon hier?», kontert Helen. «Hast du hier irgendwo saftige Wiesen gesehen? Dieser Dreck auf den Wegen macht uns ganz fertig. Manchmal weiss ich gar nicht, wie ich den Staub aus meinen Mundwinkeln heraus bekommen soll. Saftige Wiesen, das hört sich schön an. Die sind grün, oder? Also, hier in der Gegend ist gar nichts grün, sondern alles braun und staubtrocken. Und was hast du grade noch vorgelesen: Frische Quellen? Meinst du unser stinkendes Wasserloch, zu dem wir jeden Tag fünf Kilometer laufen müssen, um dann mit einem Zehn-Liter-Eimer oder einer kleinen Regentonne zurückzukommen? Würden wir sofort davon trinken, wäre der Durchfall vorprogrammiert. Sollen wir das, wirklich «frische Quelle» nennen? Etwas, das uns krank macht, wenn wir nicht höllisch aufpassen? Du machst Scherze, oder? Lassen wir die Eimer oder Tonnen nicht mindestens drei Tage stehen, damit sich unten der Dreck absetzt, und kochen wir das Wasser nicht noch anschliessend ab, dann kann uns das umbringen. Jeden Monat sterben hier kleine Kinder, weil sie nicht darauf achten oder ihr Durst so gross ist, dass sie einfach unbedacht von dem verunreinigten Wasser trinken.
«Er gibt mir neue Kraft. Er leitet mich auf sicheren Wegen, weil er der gute Hirte ist.»
«Kraft», ruft Helen. «Ja, die brauchen wir im Kampf ums Überleben. Weisst du, hier gibt es Gangs, die funktionieren, weil sie Gewalt einsetzen. Ich halte mich von denen immer fern, aber einer meiner älteren Brüder ist auf offener Strasse erschossen worden. Damals habe ich mir geschworen, wenn ich einmal gross bin…
Aber ich trau mich nicht, weil ich nicht stark genug bin. Begegne ich einem dieser Typen, fängt der sofort an, mich zu dissen: ,Na, Kleiner. Du bist doch dieser Schwachmat von da drüben. Pass nur auf! Deinen Bruder haben wir ja schon abgeknallt. Also, nimm dich in Acht!‘
Und was hast du da noch gelesen: sichere Wege? Sorry, du bist ja nur auf Besuch hier. Wenn wir mal ein bisschen Geld haben und meine Mutter mich zum Reiskaufen schickt, suche ich sie mir selbst – die sicheren Wege. Ich suche mir dann Freunde und gehe zusammen mit denen. Allein bist du hier verloren. Doch selbst in so einer Gruppe passiert es, dass irgendeine Gang uns den Einkauf abzockt. Wenn ich nur könnte, würde ich woanders wohnen wollen. Wo es nicht so gefährlich ist. Übrigens, Steve, wenn es nachher dunkel wird, geh bloss nicht auf die Strassen. Du wirst es nicht überleben!»
Ich traue mich kaum, weiterzulesen. Ist das wirklich der Psalm, der mir so viel bedeutet? Den ich schon so oft gebetet habe? Aber hier in diesem Zusammenhang, hier am anderen Ende der Welt, scheint er irgendwie so ganz anders zu klingen. Ich muss schlucken. Habe ich vielleicht bisher etwas ganz Entscheidendes übersehen, wenn ich mich zu Hause in meiner Komfortzone mit den Worten Davids aus diesem Psalm auferbaut habe? Meine Stimme wirkt etwas brüchig, als ich weiterlese.
«Und geht es auch durch dunkle Täler, fürchte ich mich nicht, denn du, Herr, bist bei mir. Du beschützt mich mit deinem Hirtenstab.»
«Siehste, sag ich doch», meint Helen fast etwas resignierend. «Dunkles Tal! Weisst du eigentlich, was Angst ist? Ich meine, so richtige Angst! Letzte Woche wurde hier ein kleines Mädchen vergewaltigt. Auf offener Strasse. Und die, die rumstanden oder zufällig vorbeikamen, haben sich nicht getraut einzugreifen. Die hatten einfach nur Angst!
Nachts liege ich manchmal wach und höre Schüsse. Vor einiger Zeit kam auch eine Bande durch unsere Strasse. Die Männer haben hier frühmorgens rumgeschrien,gegen die Blechtüren getreten und Bierflaschen auf unser Blechdach geworfen. Ich kann dir nur sagen, da wird dir ganz anders zumute!
Als mein Vater noch bei uns lebte, habe ich auch gelernt, was Angst ist. Von dem wenigen Geld, das wir besassen, kaufte er sich Alkohol. Und wenn er betrunken war, hat er meine Mutter und uns geschlagen. Ich war immer als Dritter an der Reihe. Und jedes Mal hatte ich panische Angst. Dass mich jemand beschützt? Fehlanzeige!Ich hätte ich mir am liebsten einen Stab gewünscht, um zurückzuschlagen.
«Sollen wir was anderes lesen?», höre ich mich fragen. Aber Helen lehnt vehement ab. «Nein, das ziehen wir jetzt durch. Lies ruhig weiter, wer weiss, was ja noch kommt…»
«Du lädst mich ein und deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du begrüsst mich wie ein Hausherr seinen Gast und gibst mir mehr als genug.»
«Genug!», ruft Helen. «Was ist das? Also Feinde haben wir hier genug. Manchmal sitzen wir in unserer Hütte und sagen uns gegenseitig, dass unser grösster Feind eigentlich das Leben selbst ist. Dieses Leben hier, meine ich. Das, was wir jeden Tag erleben müssen. Hätten wir genug zum Leben, würden wir den Nachbarn noch was abgeben, damit die auch etwas davon haben. Aber, daran ist gar nicht zu denken!
«Deine Güte und Liebe werden mich begleiten mein Leben lang; in deinem Haus darf ich für immer bleiben.»
Ich höre mich selbst, den letzten Vers hastig zu Ende lesen. Und irgendwie fühle ich mich schlecht, weil ich mit all diesen Aussagen aus dem Psalm so viel anfangen kann und ganz klare Vorstellungen habe, was sie für mich in meiner Welt und in meinem Alltag bedeuten. Aber in der Welt der Armen klingt das alles ganz anders.
Psalm 23 in den Augen eines afrikanischen Hirten
Allerdings kann Psalm 23 auch im positiven Sinne anders aussehen als in meiner fiktiven Erzählung. Interessanterweise habe ich die beste Predigt über Psalm 23 von einem Afrikaner gehört, der aus Ghana kam. Er erklärte nämlich aus seiner Erlebniswelt, was ein Hirte ist. Und wie sich ein Hirte um seine Schafe kümmert. Und er verdeutlichte, wie sehr ein Hirte leidet, wenn es seinen Tieren schlecht geht oder er sie nicht «zum frischen Wasser» und «auf saftige Wiesen» führen kann. Und er erzählte davon, wie Gottes Güte und Liebe selbst in ärmsten Verhältnissen erlebt werden kann. Nämlich, dass Arme den Psalm 23 in ihrem Alltag vielleicht so erleben, und zwar durch:
- Bewahrung in einer gefährlichen Situation,
- unverhofftes Essen für eine Mahlzeit, die an diesem Tag das Überleben sichert,
- Güte und Liebe durch andere Menschen, die mehr haben und bereitwillig teilen
- oder eine durch Spender aus einem der reichen Länder finanzierte Wasseraufbereitungsanlage für gesundes, keimfreies Wasser.
Und deshalb könnte Psalm 23 für Menschen, die in extremer Armut leben, vielleicht in einem Slum wie dem von Guayaquil, auch so aussehen und verstanden werden:
Der Herr ist mein Hirte: Ich bin dankbar, dass einer auf mich aufpasst und mich im Blick hat.
Nichts wird mir fehlen: Er überrascht mich damit, dass ich noch lebe und gibt mir, was ich zum Überleben brauche.
Er weidet mich auf saftigen Wiesen und führt mich zu frischen Quellen: Ich kann darauf hoffen, dass er auch mit meinem Leben etwas vorhat und mir Perspektiven eröffnet, an die ich heute noch gar nicht denke.
Er gibt mir neue Kraft. Er leitet mich auf sicheren Wegen, weil er der gute Hirte ist: Auch wenn mein Leben gefährlich ist, so sorgt er trotzdem für mich. Er kennt die Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, und schenkt Bewahrung.
Und geht es auch durch dunkle Täler, fürchte ich mich nicht, denn du, Herr, bist bei mir. Du beschützt mich mit deinem Hirtenstab: Ich verlasse mich darauf, dass der gute Hirte viel besser auf mich aufpasst, als ich es selbst kann. Er nimmt mir die Angst und gibt mir die Kraft für den nächsten Schritt.
Du lädst mich ein und deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du begrüsst mich wie ein Hausherr seinen Gast und gibst mir mehr als genug: Mein Leben muss nicht so bleiben wie es ist, denn Gott kann es verändern. Ich fühle mich bei ihm nicht als Gast, sondern als Familienmitglied. Ich werde nicht bedroht, sondern geliebt, nicht angefeindet, sondern angenommen.
Deine Güte und Liebe werden mich begleiten mein Leben lang; in deinem Haus darf ich für immer bleiben: Er bietet mir einen geschützten Raum an, in dem sich seine Leute versammeln. Hier darf ich sein, bleiben und das Gefühl erleben, gesehen, geachtet und geliebt zu sein.
So soll es sein – Amen.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 17.06.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»