Kurzsichtigkeit – Wer ist schuld?
Sehfehler können unterschiedlich ausfallen. Kurzsichtigkeit zum Beispiel führt dazu, nur das scharf zu sehen, was uns unmittelbar umgibt. Kurzsichtig ist aber auch derjenige, dem es nicht gelingt, auch mal tiefer zu sehen und «hinter die Dinge zu sehen». In Bezug auf das Elend in dieser Welt, bringt Kurzsichtigkeit zwar schnelle, nicht aber unbedingt richtige Ergebnisse.
Wer ist eigentlich Schuld an der himmelschreienden Ungerechtigkeit, mit der über die Hälfte der Menschen unserer Zeit konfrontiert sind? Wer ist schuld an der Armut und hat sich deshalb auch an vorderster Front um die Beseitigung zu kümmern? Unsere kurzsichtige Antwort scheint sehr plausibel: die Anderen!
Die Frage nach der Schuld für Benachteiligung, Hunger, Armut und Ungerechtigkeit ist so alt wie die Erde selbst. Und wir als Menschen sind leider so gestrickt, dass uns erst mal tausend andere einfallen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen: die Weltgemeinschaft, die Staatsmänner, die gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen, die Religionsgemeinschaften, das Land, das Bundesland, der Kreis, die Stadt. Doch wir können das so lange betreiben wie wir möchten, irgendwann kommen wir bei uns selbst an. Man braucht noch nicht einmal die volle Sehkraft, um das zu erkennen. Trotzdem habe ich bei mir selbst festgestellt, dass ich in vielen Situationen mindestens auf einem Auge blind war. In meiner eigenen Biografie findet sich das Engagement für viele evangelistische Aktionen, wie zum Beispiel ProChrist. Da geht es vor allem darum, die individuelle Schuld vor Gott anzuschauen. Das bedeutet aber nicht ausschliesslich nur die persönliche Schuld, sondern auch strukturelle Sünde und Schuld. Schliesslich gibt es auch kollektive Schuld. Doch vor dieser Auseinandersetzung möchte ich den Blick lenken auf eine weitere Heilungsgeschichte aus der Bibel, die das Thema Schuld aufgreift:: «Im Vorbeigehen sah Jesus einen Mann, der von Geburt blind war. Die Jünger fragten Jesus: ,Rabbi, wer ist schuld, dass er blind geboren wurde? Wer hat hier gesündigt, er selbst oder seine Eltern?‘ », (Johannes 9,1–2).
Wo die Bibel die Schuld sieht
Zur Zeit der Bibel gingen viele Menschen davon aus, jede Art der Behinderung hinge immer mit Sünde zusammen und wäre somit eine Strafe Gottes. Deshalb war die Frage der Jünger sehr logisch: «Wer ist Schuld?» Sie betraf nicht nur Blinde, sondern Lahme, Aussätzige und Taube. Auch geistige Behinderungen, die damals als «Wahnsinn» oder «Sinnesverwirrung» bezeichnet wurden, gehörten in diese Kategorie.
Die Schuldfrage hing ganz stark mit dem Gottesbild zusammen. Für viele gab es keinen «liebenden Gott», sondern vor allem einen «strafenden Gott». Zudem wurden «Blinde» und «Lahme» (Sprüche 26,7; 2. Samuel 5,6) auch verwendet als Schimpfworte oder in polemischer, sarkastischer Weise. Sichtbare Einschränkungen und Körperbehinderungen gaben oft auch Anlass für Spitznamen und Spott.
Im Alten Testament werden Blindheit und Lähmung mit grossem Abstand als häufigste Behinderungen genannt. Stumm, taub und/oder blind zu sein, bedeutete, nicht kommunizieren zu können, also auch im übertragenen Sinn «sprachlos» zu sein. Behinderungen dieser Art hatten also gewaltige soziale Folgen: Ausgrenzung, keine Teilhabe, sozial von anderen abhängig zu sein, «kulturell abgehängt» und auf die Almosen und Hilfe von anderen Menschen angewiesen zu sein. Die gleiche Form von Abhängigkeit, Diskriminierung und Ausgrenzung spüren heute die Armen auch.
Damals wurden Menschen mit Behinderungen auch vom religiösen Leben ferngehalten. Sie durften zwar vor dem Tempel betteln, aber nicht hinein. Blinde und Lahme durften zum Beispiel den Jerusalemer Tempel nicht betreten (2. Samuel 5,8). Auch in den Schriften aus der Judäischen Wüste (den sogenannten Rollen von Qumran) gibt es ähnliche Anweisungen. Demnach galten Blinde als unrein und durften weder den Tempel noch die «Stadt des Heiligtums» betreten. Behinderungen aller Art wurden als «Fehler» eingestuft und wie bereits erwähnt, als «Strafe Gottes» interpretiert.
Jesus selbst erwähnt an manchen Stellen, dass Blindheit die Folge von Sünde ist, nämlich wenn nicht vergebene Schuld zu einer Verstockung des Herzens führt. Letztlich war es diese Schuld, für die Jesus als Retter kommen musste und für die er stellvertretend am Kreuz gestorben ist:
«Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab. Nun werden alle, die sich auf den Sohn Gottes verlassen, nicht zugrunde gehen, sondern ewig leben. Gott sandte den Sohn nicht in die Welt, um die Menschen zu verurteilen, sondern um sie zu retten. Wer sich an den Sohn Gottes hält, wird nicht verurteilt. Wer sich aber nicht an ihn hält, ist schon verurteilt, weil er Gottes einzigen Sohn nicht angenommen hat. So geschieht die Verurteilung: Das Licht ist in die Welt gekommen, aber die Menschen liebten die Dunkelheit mehr als das Licht; denn ihre Taten waren schlecht. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und bleibt im Dunkeln, damit seine schlechten Taten nicht offenbar werden. Aber wer der Wahrheit gehorcht, kommt zum Licht; denn das Licht macht offenbar, dass er mit seinen Taten Gott gehorsam war.» (Johannes 3, 16-21; GNB)
«Armut ist das Resultat einer zerstörten Beziehung»
Die perfekte Harmonie, in der Gott mit seinen Menschen leben wollte, hatte mit dem Sündenfall den grössten anzunehmenden Unfall erlitten. Im Paradies hatte es weder Blindheit noch Armut gegeben. Beides ist Folge der gestörten Beziehung zwischen Geschöpf und Schöpfer. Insofern geht in letzter Konsequenz alle Armut auf ein grundlegendes Beziehungsproblem zurück. Armut ist daher ein ursächlich geistliches Problem und nicht in erster Linie zurückzuführen auf materielle Bedingungen und politische Rahmenbedingungen oder Regierungen.
Der bereits erwähnte Bryant L. Myers formuliert es so: «Armut ist das Resultat einer zerstörten Beziehung, die nicht funktioniert, nicht gerecht ist, nicht lebensbejahend, nicht auf Harmonie bedacht und keine Freude vermittelt. Um es kurz zu machen: Armut ist die Konsequenz von Sünde.»
Wir stellen also fest: Armut ist nicht das Werk Gottes, sondern das Ergebnis menschlichen Egoismus. Allerdings wird diese grundlegende Wahrheit oft nicht verstanden. Sagt jemand, «Armut ist eine Folge von Sünde», wird das oft ganz schnell so interpretiert, dass die Armen für die Umstände, in denen sie leben, selbst verantwortlich gemacht werden. Aber diese Sicht wird nicht durch die Bibel bestätigt. Zu sagen, dass Armut die Folge der Sünde ist, bedeutet nicht, dass Armut die Schuld derjenigen ist, die darin gefangen sind – es ist die Erkenntnis, dass die gesamte Welt kaputt, zerbrochen und gefallen ist. Und das war die treffende Zustandsbeschreibung in der Zeit der Bibel – und das ist bis heute so.
Die Jünger wollten von Jesus wissen: «Wer ist schuld, dass er blind geboren ist?». Hinter dieser Frage könnte man auch neben dem reinen Interesse einen gewissen Selbstschutz vermuten: «Wir sind es schon mal nicht, denn wir sind ja nur zufällig hier vorbeigekommen.»
Armut hat auch mit unserer persönlichen Schuld zu tun
In Bezug auf die Armut in der Welt, können wir uns leider nicht so schnell aus der Affäre ziehen. Denn auch wenn sie die Folge einer zerbrochenen Beziehung zu Gott ist – unter der wir alle leben, also sowohl die Reichen wie die Armen –, so hat die Armut der Welt auch mit unserer persönlichen Schuld zu tun.
Ja, ich weiss, die kolonialen Siegermächte haben Afrika falsch aufgeteilt und somit bis heute für nahezu unüberbrückbare Konflikte gesorgt.
Ja, ich weiss, der globale Norden lebt deshalb so gut, weil er den globalen Süden über viele Jahre ausgebeutet hat und auch heute noch wirtschaftlich unterdrückt und ausbeutet.
Ja, ich weiss, wir haben nicht in Somalia mitgekämpft, sondern vielleicht wie ich als Jugendlicher den Kriegsdienst verweigert und stattdessen lieber Sozialdienst geleistet.
Ja, ich weiss, wir sind nicht fürs Wetter verantwortlich und können somit auch nicht für die jährlichen Taifune, die auf den Philippinen wüten oder über Haiti hinwegfegen, verantwortlich gemacht werden.
Ich weiss. Ich weiss. Ich weiss. Und ich hätte kein Problem damit, die weiteren Buchseiten so fortzusetzen …
Irgendwie werde ich aber das Gefühl nicht los, das ich mich nicht aus der Weltverantwortung stehlen kann, indem ich einfach nur auf all die Dinge verweise, die ich ohnehin nicht beeinflussen konnte beziehungsweise kann. Es gibt nämlich genügend Themen und Aufgabenfelder, die ich selbst positiv verändern kann. Sollte ich mich vielleicht erst mal um diese Gebiete kümmern, bevor ich versuche, die ganze Welt zu retten?
Jesus setzt ein Zeichen
«Jesus antwortete: ,Weder er ist schuld noch seine Eltern. Er ist blind, damit Gottes Macht an ihm sichtbar wird. Solange es Tag ist, müssen wir die Taten Gottes vollbringen, der mich gesandt hat. Es kommt eine Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.‘ Als Jesus dies gesagt hatte, spuckte er auf den Boden und rührte einen Brei mit seinem Speichel an. Er strich den Brei auf die Augen des Mannes» (Johannes 9,3–6; GNB).
Jesus möchte ein Zeichen setzen, indem er dem Blinden und den herumstehenden Zuschauern die Augen öffnet. Er spuckt auf die Erde, rührt einen Brei an und schmiert diesen dem Blinden auf die Augen. Herzlichen Glückwunsch, Blinder! Hatte irgendwer gesagt, dass Jesus ein Ästhet ist? Wie viel Spucke braucht ein Mensch, um einen Brei zu machen, der beide Augen bedeckt?
Ob Sie sich das nun vorstellen wollen oder nicht: Ich bin fest davon überzeugt, dass Jesus heute noch spuckt. Er spuckt auf die Wall Street und auf den Börsenplatz Frankfurt, er spuckt auf Microsoft, Google, Ölkonzerne und auf Nestlé. Er spuckt auf die Müllkippen in Manila und die unglaublich verwahrlosten Slums von Korongocho, Matare und Kibera in Kenia. Er spuckt auf die Bankkonten und Aktienpakete der 62 Superreichen der Welt, die so viel besitzen wie die halbe (arme) Welt zusammen. Und... er macht einen Brei daraus, den er uns auf die Augen schmieren möchte, damit wir sehend werden! Er als Sehendmacher möchte uns für die wirklichen Probleme und Ursachen der Armut die Augen öffnen.
Geld ist nicht das Problem. – Geld gibt es wie Dreck auf der Erde, es wird nur nicht richtig eingesetzt.
Nahrung ist nicht das Problem. – Zu essen gibt es für alle genug, wenn es denn gerechter verteilt würde und zum Beispiel endlich die Spekulation mit Nahrung an den Börsen verboten würde.
Medizin ist nicht das Problem. – Es gibt ausreichend Medikamente, sie müssen nur zu fairen Preisen zur Verfügung gestellt werden. Als ich mal im europäischen Ausland ein Medikament brauchte, das in Deutschland über 30 Euro kostet, war ich sehr erstaunt, als ich die Packung für 1,50 Euro kaufen konnte. Es war dasselbe Medikament! Wie bitte? Da wurde mir bewusst: Irgendwer verdient in Deutschland an dem Zeug.
Letztlich landen wir bei der Frage nach der Schuld doch bei uns selbst. Ich stelle mir mittlerweile immer wieder Fragen wie: «Hat mein Lebensstil etwas mit der Situation der Armen in dieser Welt zu tun?», «Kann ich etwas bei mir verändern, das Einfluss auf das Leben der Armen weltweit hat?» und viele andere. Ich bin überzeugt davon, weltweite Armut hat mit Sünde und Schuld zu tun. Aber in den meisten Fällen nicht mit der Schuld der Betroffenen, sondern mit der Schuld der anderen, denen es gut geht und die nicht teilen wollen. Insofern lautet meine Definition von Armut: «Arm ist, wer nicht teilen kann!», und zwar entweder, weil er tatsächlich nichts hat, was er teilen kann, oder aber, weil er nicht teilen will. Derjenige ist mindestens genauso arm.
Unterwegs sein
Wie geht nun die Geschichte weiter mit dem Blinden, der dem Sehendmacher begegnete? Er ist nicht dadurch geheilt worden, dass Jesus ihm den breiigen Dreck der Erde auf die Augen geschmiert hat. Nein, er wurde aufgefordert, sich im Teich zu Siloah zu waschen.
Der Blinde wurde nicht getragen, er musste selbst dorthin gehen. Ohnehin ist in der Geschichte sehr viel Bewegung im Spiel: Jesus und seine Jünger kamen vorbei, sahen, blieben stehen, der Blinde musste zum Teich gehen und wiederkommen, später kommen Pharisäer ins Spiel, die ihren Augen nicht trauen. «Unterwegs sein», ist ein gutes Bild dafür, was es heisst, Jesus zu folgen. In Bewegung bleiben. Nicht auf einem Standpunkt verharren. Das ist es, was Jesus auch von uns erwartet, wenn es um das Engagement für die Armen geht. Auf dem Weg wurde der Blinde sehend und durch das Abwaschen des Drecks wurde sein Blick frei für die Wirklichkeit Gottes. «Heilung» und «Heil» hängen in der Bibel ganz eng zusammen.
Anders verhielt sich die Situation bei den Pharisäern, die später in der Geschichte ihre ganz eigene Rolle spielen. Sie vermochten es physisch zu sehen und waren doch blind. Sie sahen nicht das Wunder einer hereinbrechenden Wirklichkeit Gottes. Sie verharrten auf ihren Prinzipien und ihrem von Gesetzen eingeengten Weltbild. Zuerst wollten sie es nicht glauben, dass der Mann wirklich blind war. Und als dessen Eltern das Gegenteil versicherten, wollten sie Jesus verurteilen, weil die Heilung an einem Sabbat geschah. Sie waren durch und durch blind.
Nicht alles, was wir mit den Augen sehen können, wird auch von uns richtig wahrgenommen oder kann von uns verarbeitet werden. Das Neue Testament berichtet nichts davon, dass Pharisäer sehend geworden sind. Oft erfasst das menschliche Auge nur das, was seiner Aufnahmefähigkeit entspricht. So kann man sich auch den Blick selbst verstellen oder den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 03.06.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»