Namenlos im Main versenkt
«Das ‘Mädchen aus dem Main’ hat endlich einen Namen.» So titelte die Neue Zürcher Zeitung am 20. Mai über einen Kriminialfall in Deutschland (Quelle: NZZ, abgerufen 22.05.2026). Die brutale Ermordung des bisher namenlosen Mädchens scheint nach knapp 25 Jahren aufgeklärt. Das Mädchen konnte identifiziert und der Grabstein mit ihrem Namen versehen werden. Beim Lesen des Artikels blieb ich lange an dessen Schluss hängen. Die Ermittler konnten 2001 trotz intensiver Arbeit das Verbrechen nicht aufklären. Niemand vermisste sie. Das Mädchen wurde namenlos beerdigt. Die Ermittler finanzierten für das Mädchen aus ihrem privaten Vermögen einen Grabstein, auf den sie schrieben: «Unbekanntes Mädchen – gefunden am 31. Juli 2001 im Main». Mir kamen die Tränen, als ich von dieser noblen Geste der Ermittler las. Das passiert mir beim Lesen der nüchternen NZZ sonst eher selten.
Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie schlimm das Leben dieses sechzehnjährigen Mädchens gewesen sein muss. Der Artikel beschreibt die vollständige Isolation des Mädchens, die es dem Täter offenbar ermöglichte, es über lange Zeit zu misshandeln. Und dann wurde es schlussendlich namenlos im Main versenkt. Hat dieses Mädchen irgendjemandem etwas bedeutet? Auf jeden Fall den Ermittlern. Sie finanzierten einen Grabstein und liessen während 25 Jahren nicht locker, diesen «Cold Case» aufzuklären. Auch wenn die Geschichte dieses Mädchens aussergewöhnlich tragisch und in ihrer Heftigkeit nicht vergleichbar ist, soll sie hier stellvertretend für eine Erfahrung stehen, die viele Menschen kennen: das Gefühl, übersehen und allein zu sein.
Ein Gefühl mit tragischen Folgen
Pro Menta Sana schreibt in ihrem Dossier zum Thema Einsamkeit Folgendes: «Wer einsam ist, zieht sich zurück, wird leise und unsichtbar.» Jede dritte Person in der Schweiz gibt an, sich oft oder manchmal einsam zu fühlen. Einsamkeit ist besonders unter jungen Leuten verbreitet. Dieses Gefühl kann tragische Folgen haben. Oft entstehen Suizidgedanken, wenn Menschen zu lange in diesem einsamen Zustand bleiben.
Was können wir Freikirchen dagegen unternehmen? In Psalm 68,7a sagt uns David: «Den Einsamen gibt er [Gott] ein Zuhause, den Gefangenen schenkt er Freiheit und Glück.» Ich bin überzeugt, dass unsere Kirchen für einsame Menschen ein Ort sein können, wo sie Gemeinschaft erleben und Heimat finden können. Keiner muss aus Gottes Sicht unsichtbar enden. Gegenwärtig finden vermehrt junge Männer den Weg in unsere Gemeinden. Männer, die sich nach Werten sehnen, die sie durch einsame Momente tragen und die sich nicht verflüchtigen, wenn das Leben hart wird. Auch in unserer kleinen Freikirche in einem Vorort von Bern begegnen wir solchen suchenden jungen Menschen.
Die Verantwortung der Kirche
Das Mädchen aus dem Main hat wenigstens endlich einen Namen. Seine tragische Geschichte erinnert daran, wie schmerzhaft es ist, nicht gesehen zu werden. Genau hier tragen unsere Freikirchen eine Verantwortung. Nicht zuerst durch Programme oder Strategien, sondern indem wir Menschen wahrnehmen, ihnen zuhören und ihnen einen Platz in unserer Gemeinschaft geben.
Wer einsam ist, braucht oft nicht viele kluge Antworten, sondern Menschen, die da sind. Menschen, die einen Namen kennen, einen Platz freihalten und zuhören.
Genau dazu sind unsere Gemeinden berufen. Vielleicht beginnt das Zuhause, von dem Psalm 68 spricht, manchmal ganz unscheinbar: in einer kleinen Freikirche in einem anonymen Stadtteil, wo jemand entdeckt, dass er gesehen wird – von Menschen und von Gott.
Zum Autor: Peter Schneeberger ist Dozent für Praktische Theologie am TSC, Berater und Dozent der FEG Schweiz und der Präsident vom Dachverband Freikirchen und christliche Gemeinschaften Schweiz.
Datum: 28.05.2026
Autor:
Peter Schneeberger
Quelle:
Freikirchen.ch