Sozial wirksam

Fokus – Den Blick schärfen für Armut

Was definiert «die Armen»? (Symbolbild)
Wie wird Armut eigentlich definiert? Und wie empfinden das die Betroffenen selbst? In seinem Buch «Der Sehendmacher» beschreibt Compassion-Leiter Steve Volke, wie Jesus ihm die Augen für seine Herzensanliegen öffnete. Hier ein weiterer Buchauszug.

Wer sind denn nun «die Armen»? Jesus hat in seiner Abschiedsrede in Matthäus 25 ja einige genannt. Sprechen wir aber über Armut in der Welt des 21. Jahrhunderts, merken wir sehr bald, dass dieses Thema äusserst umfangreich ist.

«Was ist Armut und warum ist eine Definition von Armut überhaupt notwendig?», so fragen sich viele. Ohne Definition ist es schwierig, überhaupt Massstäbe zu finden. Die sind aber wichtig, um zu überprüfen, ob und wann bestimmte Ziele erreicht wurden. Sie ist auch deshalb wichtig, um festzulegen, wer aus welchen Aktionen den grössten Nutzen ziehen kann. Schon die Bibel weiss, dass Armut komplex und vielschichtig ist. So ist es auch heute, daher brauchen wir verschiedene Brillen, um unsere Sicht zu schärfen. Diese Brillen tragen Bezeichnungen wie «wirtschaftlicher Blick», «Sichtweise der Armen selbst» und «geistlicher Blick».

Die Definition von Armut

Meine Brille war viele Jahre lang undurchsichtig und verdunkelt. Zu den Armen hatte ich so gut wie keinen Kontakt. Wenn ich über Arme nachdachte, was äusserst selten vorkam, dann musste ich mich nach kurzer Zeit erst mal selbst zurechtweisen. Meine Haltung war: Die Armen sind meistens selbst Schuld an ihrem Schicksal. Oder ich sah die unglaubliche Grösse des globalen Problems und sagte mir: «Du kannst eh nichts dran ändern.» Also schob ich weitere Gedanken sehr schnell weg.

Bilder in Zeitungen und Zeitschriften, die Beiträge im Fernsehen, Radio oder auf dem Internetkanal «Youtube» sowie Bücher zur Armutsproblematik und vielleicht das eigene Erleben oder die unmittelbare Teilhabe an der Lebenssituation von armen Menschen in unserem Umfeld, lassen sehr schnell individuelle Definitionen entstehen. So habe ich mal in einer 10. Schulklasse einer Gesamtschule die Frage gestellt: «Wer ist arm?» Die Antwort lautete: «Arm ist, wer kein Handy hat!»

Der wirtschaftliche Blick definiert Armut auf rein finanzieller Basis. Dabei werden «absolute bzw. extreme Armut», «relative Armut» und «gefühlte Armut» unterschieden:

  • absolute/extreme Armut: Sie ist nach Auskunft der Weltbank durch ein Einkommen von etwa einem US-Dollar (1,90 $) pro Tag gekennzeichnet. Auf der Welt gibt es 1,2 Milliarden Menschen, die in diese Kategorie fallen.

Absolute Armut ist mir zum Beispiel bei der jungen Mutter von drei kleinen Kindern in Ruanda begegnet. Sie hatte mich in ihre armselige Hütte eingeladen. Dort entdeckte ich auf einem der Holzbalken eine kleine Glasschale, die wir vielleicht zur Ablage eines Teebeutels verwenden würden. Ich fragte, was sie mit dieser kleinen Schale mache. Sie sagte, die benutze sie zum Einkaufen. «Einkaufen?» – «Ja», erzählte sie, «wenn ich mal ein wenig Geld habe, gehe ich mit der Schale zum Markt und kaufe drei Tropfen Öl, damit ich darin etwas Maisbrei braten kann.» Drei Tropfen Öl, das ist absolute Armut.

  • relative Armut: Von ihr spricht man in Wohlstandsgesellschaften, in denen es absolute Armut praktisch kaum gibt, wohl aber eine arme «Unterschicht» (neuerdings auch Präkariat genannt). Als relativ arm gilt hier derjenige, dessen Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beträgt. Bei der «relativen Armut» wird also das Einkommen in Beziehung zum Rest einer Vergleichsgruppe gesetzt. So gelten beispielsweise die fünf Prozent einer Bevölkerung als «relativ arm», die am Ende der Einkommensskala einer Nation stehen – denn: Sie haben weniger als der Rest.
  • gefühlte Armut: Gefühlte oder auch soziokulturelle Armut lässt sich weniger an konkreten Einkommensgrenzen festmachen. Sie beschreibt mehr das Bewusstsein, das dieser Art der Armut zugrunde liegt. Sie betrifft diejenigen, die sich aufgrund ihrer allgemeinen gesellschaftlichen Ausgrenzung oder Diskriminierung als «arm» betrachten oder Angst vor einer sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage haben beziehungsweise in ständiger Angst vor Armut leben.

Geld und seine Kaufkraft

Zuletzt berichteten Medien, die extreme Armut würde 2015 nach Angaben der Weltbank erstmals unter zehn Prozent der Weltbevölkerung fallen, was bei Weltbank-Präsident Jim Yong Kim gleich Zukunftsvisionen und Euphorie entfesselte, «dass wir die erste Generation in der Geschichte der Menschheit sind, die die extreme Armut beenden kann». Die Frage, wie viele Menschen in extremer Armut leben, ist allerdings davon abhängig, wo man die Grenze setzt. Viele Wissenschaftler hatten den jahrelang geführten Wert von 1,25 US-Dollar als viel zu niedrig kritistiert, angesichts hoher Lebensmittelpreise. Inzwischen liegt die Grenze bei 1,90 US-Dollar pro Tag. 

Aber extreme Armut hat ja nicht nur mit dem zur Verfügung stehenden Geld zu tun, sondern auch mit dessen Kaufkraft. So hat ein Vergleich von 36 verschiedenen Nationen ergeben, dass extreme Armut durchaus variabel gesehen werden kann zwischen 1 und 8 US-Dollar pro Tag. Um es zu konkretisieren: Ich kenne sehr viele Menschen (mich eingeschlossen), die würden für 1,90 Dollar (1,66 Euro) noch nicht einmal eine halbe Stunde arbeiten. Seit Januar 2015 gibt es in Deutschland einen Mindeststundenlohn, der mit 8,50 Euro um mehr als das Vierfache höher liegt als das, was über 1 Milliarde Menschen pro Tag zur Verfügung haben.

Man kann es auch vom Ernährungsstandpunkt aus betrachten, nämlich wenn alles Einkommen ausschliesslich für Nahrung ausgegeben wird, gelingt es Menschen in extremer Armut nicht, den Grundbedarf von 2100 Kalorien pro Tag zu decken. Übrigens: Ein Big Mac in Deutschland hat 509 Kalorien und gibt’s im Angebot ab 2,99 Euro.

Aber extreme Armut hat noch weitere Aspekte: kein Zugang zu Bildung, sauberem Wasser, Grundbedarf des Lebens, Gesundheitsvorsorge und -pflege und anderes gehören auch dazu. Während viele Menschen im globalen Norden zum Beispiel fliessendes Wasser haben und sich unter eine warme Dusche stellen können, sieht das für Menschen in extremer Armut ganz anders aus.

Augenöffner

Steve Volke

Vor einigen Jahren bekam ich eine besondere Einladung von Flora, Thomas Teresia Petro und Naitaninengan g kiparra. Die Massai-Frauen luden mich ein, gemeinsam mit ihren Kindern Elisabeth Josef, Ngisito Melao und Nice Herman einen Fussmarsch von mehreren Stunden zu unternehmen, um Wasser zu holen. Das Massai-Dorf lag auf einem Hügel nördlich von Arusha in Tansania und der See, wo es das Wasser gab, lag im Tal. Es war ein langer Weg, bis wir endlich an einer Stelle waren, wo sie ihre 20-Liter-Tonnen mit Wasser füllten. Anschliessend wurden Lederriemen um diese und um ihren Kopf gelegt, um so das Wasser wieder hoch zu tragen. Durch die Lederriemen hatten die Frauen bereits Einkerbungen in der gegerbten Haut des Schädels. Ein Freund von mir wollte dieses Tragesystem unbedingt auch mal ausprobieren, was bei den Frauen zu ausgiebiger Heiterkeit führte. Er schaffte es dann auch nicht die komplette Wegstrecke.

Unterwegs erzählte man uns, dass das dreckige Wasser zunächst einige Tage stehen gelassen würde. Dadurch setze der Dreck sich ab, aber die Bakterien blieben. Vor dem Trinken müsse es ohnehin noch abgekocht werden.

Für unseren Rückweg dachte ich an eine Erleichterung. Ich rief den Fahrer unseres Vans an und fragte, ob er uns abholen könne. Drei kleine Kinder, die uns begleitet hatten, trugen übrigens offene Eimer mit dem Wasser auf dem Kopf. Als wir dann endlich am Auto angekommen waren, forderte ich sie unbedacht auf, die Eimer auszuschütten, damit das Wasser beim Rücktransport nicht in den Kofferraum schwappte. Ich schaute in verstörte Gesichter. «Was sollen wir machen? Was verlangst du da von uns?», schienen mich ihre Augen zu fragen. Mein Übersetzer erklärte es ihnen kurz, aber sie verstanden es nicht. Wasser wegschütten? Der Weisse muss eine Vollmeise haben! Und so begannen die Kinder, sich mit dem Wasser aus ihren Eimern zu waschen, bevor sie es widerwillig ausschütteten und sich dann in den Wagen setzten.

Dieser Moment war für mich ein Augenöffner. Er verdeutlichte mir die besondere Bedeutung von Wasser in einem armen Kontext. Seit diesem Tag lasse ich kein Wasser mehr unnötig laufen, wenn ich mich zum Beispiel rasiere. Es verändert nicht die Welt, aber es verändert mich.

Die Weltbank führt neben der rein wirtschaftlich definierten «extremen Armut» noch eine weitere Definition von Armut:

Armut ist Hunger haben, keinen Schutz haben, krank zu sein und sich keinen Doktor leisten können, keinen Zugang zu Schulen zu haben, nicht lesen und schreiben zu können, keine Arbeit zu haben und Angst vor der Zukunft zu haben. Armut ist Hilflosigkeit und Machtlosigkeit, keine Stimme zu haben (die wahr- und ernst genommen wird), und keine persönliche Freiheit zu haben. (Quelle: www.worldbank.org)

Armut aus der Sicht der Betroffenen

Wie aber sehen Arme selbst ihre Situation? In einer anderen Studie der Weltbank mit dem Titel «Voices of the poor» (Die Stimme der Armen) wurden 60.000 in Armut lebende Menschen weltweit befragt, was arm zu sein für sie persönlich bedeutet. Neben dem Mangel an materiellen Gütern (besonders Lebensmitteln) wurden vor allem die Lebensumstände herausgestellt: ungesunde, verschmutzte Ressourcen. Gefährliche und häufig von Gewalt geprägte Wohnsituationen. Hinzu kamen das Gefühl der Machtlosigkeit und der Eindruck, «von der Welt vergessen worden zu sein». Viele denken auch, von Gott vergessen worden zu sein. Es fehlt ihnen an allem, was für Menschen wichtig ist: Nahrung, Schutz, Beziehungen, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Folgende Aussagen verdeutlichen das:

«Armut ist wie das Leben im Gefängnis, leben unter Bandagen, warten, frei zu sein.» (aus Jamaica)

«Wenn mein Kind etwas zu essen verlangt, sage ich ihm, dass der Reis kocht – so lange, bis es vor Hunger einschläft, denn es gibt keinen Reis.»  (junge Frau aus Südostasien)

«Armut ist eine Demütigung, das Gefühl der Abhängigkeit und die Tatsache, dass wir Unverschämtheiten, Beleidigungen und Gleichgültigkeit hinnehmen müssen, wenn wir Hilfe brauchen.» (aus Lettland)

«Wenn du arm bist, spielst du einfach keine Rolle. Du hast es extrem schwer, eine positive Entwicklung in deiner Familie zu erleben.» (aus Uganda)

«Keiner hilft, nicht ein einziger. Ich würde ja gerne anderen helfen. Aber wie soll ich das machen, wo ich selbst arm und hilfsbedürftig bin. Das ist unser Schicksal: unsere Seele und unsere Psyche sind tot.» (Mann aus Bosnien-Herzegowina)

«Als wir noch genügend zu essen hatten, da haben Verwandte das Essen miteinander geteilt. In diesen Tagen der Hungersnot, sind noch nicht einmal deine Verwandten bereit, dir zu essen zu geben.» (junger Mann aus Nichimishi, Sambia)

Als ich diese Aussagen das erste Mal las, gingen sie mir nicht nur zu Herzen, sondern durch Mark und Bein. Und das sind nur Schlaglichter einzelner. Ähnliche Berichte und Ansichten könnten wir aus allen armen Ländern sammeln.

Dass Armut immer einen wirtschaftlichen Hintergrund besitzt, spiegelt sich auch in der Verwendung des Begriffs «Armut» in der Bibel wieder. Allerdings verdeutlichen ihre Geschichten und Berichte, dass die Gründe für Armut vielfältig sein können. Sie kann bedingt sein durch Ungerechtigkeit, Isolation, Unterdrückung, Lebensumstände (z. B. Todesfall – Witwen u. Waisen), Krankheit, Faulheit.

Der Befehl

Wenn Christen über Armut nachdenken, fällt den meisten sofort ein Zitat von Jesus ein, nämlich: «Arme wird es immer bei euch geben». Und damit ist der Fall für sie nahezu fatalistisch, sei es nun schicksalsergeben oder gottergeben, erledigt. «Hat ja Jesus schon gesagt, dass es die immer gibt. Also, was haben wir damit zu tun?»

Die Frage findet ihre Antwort, indem man seine Augen auf das Ende des Verses richtet und Jesus vollständig zitiert: «Es wird immer Arme in eurem Land geben. Deshalb befehle ich euch: Helft den Menschen grosszügig, die in Armut und Not geraten sind!» (5. Mose 11,5, Hfa).

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 27.05.2026
Autor: Steve Volke
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

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