Sichtverhältnisse – «Glücklich seid ihr, die ihr jetzt weint…»
Ein äthiopischer Freund von mir namens Dawitt war nicht nur Afrikadirektor von Compassion, sondern hatte neben seiner Tätigkeit, die Hilfe für arme Kinder in Afrika zu koordinieren, einen Masterstudiengang in Wirtschaftswissenschaften an der «Frankfurt School of Business» begonnen. Im Sommer 2015 war er zu einer Präsenzwoche in Frankfurt. Er war gerade in Frankfurt gelandet, als ich sonntags aus Südafrika zurückkam. Wir verabredeten uns zu einem Treffen in der folgenden Woche. Einen Tag später erhielt ich aus Äthiopien einen Anruf. Mein Freund sei in die Uniklinik in Frankfurt eingeliefert worden und die Gefahr bestehe, dass er stirbt. Schock!
Ich setzte anschliessend alles in Bewegung, dass seine Frau schnell ein Visum bekam. Schon am nächsten Morgen landete sie in Frankfurt. Auch einige seiner leiblichen Geschwister reisten an, aus USA, England und Äthiopien.
Der Kampf um sein Leben begann. Die gesamte Compassion-Gemeinschaft startete Gebetsnächte, viele fasteten und beteten und so waren 5.000 Menschen weltweit in dem Anliegen vereint, Dawitt möge überleben und wieder ganz gesund werden. Mit dem Bild von Jesus in meinem Kopf: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…» war für mich klar: Es ist nur eine Frage der Zeit, Dawitt wird wieder gesund.
Doch es sollte anders kommen. Nach zwei Wochen Kampf ist Dawitt leider gestorben. An einem ganz simplen Influenzavirus. Ein liebevoller Vater von fünf kleinen Kindern, das älteste elf Jahre alt, das jüngste wurde noch gestillt. Wie konnte das sein?
Abschied – aber wie?
Ein paar Tage später sollte Dawitts Leichnam in einem Sarg nach Addis Abeba überführt werden. Ich hatte mich mit der Witwe und den Geschwistern am Frankfurter Flughafen verabredet, um kurz vor dem Abflug noch «Auf Wiedersehen» zu sagen. Und ich wusste, für alle wird das Ganze sehr schwer. Ich war bereits eine Stunde vor dem verabredeten Termin am Flughafen und wanderte durch den Terminal 1 wie ein Tiger in seinem Käfig.
Was sollte ich bloss sagen und wie konnte dieser Abschied, dieser traurige, aber auch irgendwie besondere Moment, am besten bewältigt werden» – jetzt, nachdem wir zwei Wochen lang eine starke Gemeinschaft der Not, des Gebets und des Leidens gebildet hatten, die durch alle Höhen und Tiefen gegangen war, die es in solchen Phasen gibt.
Als ich dann schliesslich zum Check-In von Ethiopian-Airlines ging, waren seine Frau und die Geschwister noch nicht da. Aber ich entdeckte einen schwarzen Mann in der Nähe des Check-Ins, der unter dem Arm eine Bibel trug. Ich ging zu ihm und fragte ihn: «Entschuldigung, ich sehe, dass Sie eine Bibel unterm Arm tragen. Darf ich fragen, warum?»
Er antwortete prompt und sagte: «Du bist Steve, nicht wahr? Ich habe schon viel von dir gehört. Ein Freund von Dawitt ist in unserer Gemeinde. Wir sind ca. 300 Äthiopier in Frankfurt und ich habe einige meiner Leute mitgebracht, um Abschied zu nehmen.»
Ich fragte ihn, ob er bereit wäre, einen kleinen Abschiedsgottesdienst zu gestalten, denn im Terminal befindet sich auch eine Kapelle der evangelischen Kirche. Er willigte ein.
Engel auf ihrem Weg
Nachdem Dawitts Angehörige angekommen waren und eingecheckt hatten, betraten ca. 30 Äthiopier mit mir den Andachtsraum. Sie sangen Worshiplieder auf Amarisch a cappella – und ich bekam Gänsehaut. Anschliessend hielt der äthiopische Pastor eine kurze Andacht. Danach bat ich zum Schluss die Angehörigen zum Altar. Wir stellten uns im Kreis um sie herum und beteten für sie. Ein Sinnbild dafür, wie Gott seine Engel um sie stellen sollte auf dem schweren Weg zurück nach Äthiopien. Mit all dem fanden wir für die Familie einen recht guten Abschluss dieser traurigen Zeit in Deutschland.
Bei der Gebetsgemeinschaft betete ein Mann sehr intensiv und laut und als ich meine Augen öffnete, sah ich, dass er eine Uniform trug. Anschliessend ging ich zu ihm und fragte ihn, was die Uniform bedeute. Er entpuppte sich als Angestellter der Flughafen-Security und sagte, er würde sich jetzt um die Angehörigen kümmern. Wir brachten sie dann gemeinsam zum Securitycheck und er führte sie durch den Crewcheck, so waren sie direkt durch.
Auf meinem Weg nach Hause fühlte ich mich, als ob Jesus einen Eimer Frieden in mich hineingeschüttet hätte. Denn mir wurde vor Augen geführt: Selbst in unseren dunkelsten Momenten hält Gott eine Taschenlampe für uns parat.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 20.05.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»