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Pop und Politik: der ESC in Wien

In der Wiener Stadthalle fand der ESC statt
Am 16. Mai um 1.05 Uhr in der Frühe steht es fest, dass Dara aus Bulgarien mit ihrem Song «Bangaranga» des diesjährigen ESC gewonnen hat. Die Sonntagspresse berichtet sehr unterschiedlich darüber und beleuchtet auch politische Hintergründe.

Einem Phänomen wie dem ESC, dem Eurovision Song Contest, ist sachlich-fachlich nicht beizukommen. Die einen würden seine Übertragung, die dieses Wochenende im gesamten europäischen Fernsehen lief, nie im Leben anschauen, die anderen würden sie nie im Leben verpassen wollen. Immer wieder ist das Musikspektakel gut für grosse Emotionen, erwartete Enttäuschungen und ätzende Kritik. Eine zunehmende Rolle in der medialen Diskussion spielt auch die Frage, wie politisch solch ein musikalischer Event sein darf.

Österreich, Deutschland und die Schweiz

Die grossen drei Nationen haben sich auf jeweils unterschiedliche Weise aus dem Wettbewerb verabschiedet. Veronica Fusaro für die Schweiz schied bereits am 14. Mai im Halbfinale aus, auch wenn der SRF-Musikredakteur Schimun Krausz sich beklagte: «Ich hätte mir einen für die Schweiz hübscheren Ausgang des zweiten Halbfinales gewünscht. Aber it is what it is. Veronica Fusaro hat abgeliefert, Europa hingegen hat leider gepennt.»Deutschland hat mit seinem Beitrag immerhin Grossbritannien und Österreich hinter sich gelassen und ist auf dem drittletzten Platz gelandet. Sängerin Sarah Engels nimmt’s sportlich und erklärt laut WELT: «Ich glaube, das ist kein Geheimnis, dass Deutschland generell es sehr, sehr schwer hat beim Eurovision… Ich möchte nicht, dass Deutschland traurig ist.» Und Österreich? Über Cosmó, den Vorletzten des Wettbewerbs, berichtet kaum jemand. Stattdessen titelt die WELT: «Grösste Verlierer des ESC sind die beiden österreichischen Moderatoren.» Diesen attestiert sie, dass sie «absolut nie den richtigen Ton oder gar Worte für das fanden, was um sie herum passierte».

Gerade in Deutschland, das als einer der «Big Five» und Zahlmeister des ESC gilt, gehört die Finanzdebatte zum Wettbewerb wie der Abpfiff zum Fussballspiel. Mit 600'000 Euro zahlt es zwar ein Mehrfaches von kleinen Nationen, aber unterm Strich nur ein Drittel der Kosten, die ein durchschnittlicher «Tatort» verursacht. So zeigt sich auch hier ein durchaus unkünstlerisches Denken, wenn diskutiert wird, ob die eigene Platzierung das investierte Geld wert war – ein Quotenerfolg war die Übertragung mit acht Millionen Zusehenden trotzdem.

Israel

Der meistdiskutierte Beitrag des ESC ist, wie in letzter Zeit bei künstlerischen Events öfter, derjenige aus Israel. Dabei ging es praktisch niemandem um die Ballade «Michelle» von Noam Bettan. Länder wie Irland, die Niederlande oder auch Spanien sagten ihre diesjährige Teilnahme aus Protest gegen die israelische Politik ab. So eine Haltung nennt Frank A. Meyer im Sonntagsblick – er bezieht sich allerdings auf die Biennale in Venedig, nicht auf den ESC! – als selbstzerstörerisch. Der regelmässig wiederholte Slogan «Free Palestine!» bedeutet für ihn die gewollte Vernichtung Israels, er nennt sie «Linkselitärer Antisemitismus in Reinkultur».

Demgegenüber stellt die ZEIT mit Blick auf eine Untersuchung der New York Times fest, «wie Israel beim ESC die Kultur als Soft Power nutzt, um seinen Ruf in der Welt zu verbessern». Gleichzeitig erklärt sie nüchtern, dass «an Israel […] ja schon immer andere Massstäbe angelegt [wurden ] als an andere Staaten, auch das ist nicht neu». Skandierende Sprechchöre vor der Halle in Wien, Palästina-Fahnen im Publikum und antisemitische Parolen. Was würde passieren, wenn Noam Bettan gewinnen würde? Das favorisierte Finnland wird herausgevotet, Bulgarien und Israel stehen lange nebeneinander auf den ersten beiden Plätzen, eine Weile führt Israel sogar, doch schliesslich gewinnt Dara aus Bulgarien mit grossem Vorsprung. Jens Balzer von der ZEIT kommentiert: «Ich glaube gesehen zu haben, dass auch der israelische Kandidat Noam Bettan selbst erleichtert war.»

«Bangaranga» aus Bulgarien

Dara beim Eurovision 2026 Semi Final 2 in Wien

Wer dieses Jahr einen unpolitischen ESC erwartete, wurde enttäuscht. Dasselbe wird sehr sicher auch für den nächsten Wettbewerb gelten. Wer daran festhält, glaubt wahrscheinlich auch das Märchen vom «Frieden auf Erden» während der Olympischen Spiele. Allerdings haben sich diesmal europäische Fans auf eine besondere Weise eingemischt. Sie haben durch ein starkes Voting für den israelischen Kandidaten gezeigt, dass sie es müde sind, einzelne Künstler für den Gaza-Krieg in Mithaftung zu nehmen. So hat Noam Bettan mit seiner Ballade einen schönen zweiten Platz erreicht. Das Fazit von Jens Balzer in der ZEIT lautet passenderweise: «Der bulgarische Beitrag Bangaranga der Sängerin Dara ist gleichermassen perfekt komponiert und choreografiert, wie er erfreulich lustig und sinnlos ist. Man hat beim Zuschauen und Zuhören in jedem Moment das Gefühl, dass alle Beteiligten genau wissen, was sie tun, und dass sie gleichermassen in keinem Moment wissen, was das am Ende eigentlich soll. In gewisser Hinsicht bringen sie damit das künstlerische Gesamtkonzept des Eurovision Song Contest auf seinen Punkt.» Unpolitisch war der ESC nie – reine Geschmackssache immer.

Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.

Datum: 18.05.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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