Sozial wirksam

Sichtverhältnisse – Warum Jesus die Armen glücklich nennt

Sie geben von dem Wenigen, was sie haben, auch noch ab
Viele Menschen, die selbst nur wenig haben, geben dies grosszügig an noch Ärmere weiter. Ein Prinzip, das schon Jesus lehrte. In seinem Buch «Der Sehendmacher» beschreibt Steve Volke, wie Jesus ihm die Augen für seine Herzensanliegen öffnete.

Reichtum kann den Blick für Gottes Wirklichkeit verstellen. Und es ist eine gewisse Verblendung bei vielen Christen festzustellen, die vielleicht mit ihrem Wohlstand einhergeht. Sie führt zu vielen blinden Flecken und schliesslich zur vollständigen Erblindung. Wenn uns das passiert, dann finden wir uns schnell im Kreis der «schweigenden Mehrheit» wieder, die Dinge vielleicht noch am Rande des eigenen Lebens wahrnimmt, aber nicht mehr reagiert.

Interessant ist: Jesus verdammt nicht die, denen es gut geht oder die viel können. Seine Rede beginnt ganz anders. Nicht Kritik steht im Vordergrund, sondern Ermutigung und Wertschätzung für diejenigen, die es am meisten brauchen. Kritik hätte vermutlich dazu geführt, dass viele wegsehen und weiterlesen. Durch sein wertschätzendes Ansehen der Armen aber, öffnet der Sehendmacher den Blick und macht ebenso in seinem Grundsatzprogramm der Bergpredigt etwas sichtbar: Menschen.

Versprechen, die sich schon jetzt erfüllen

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was Jesus meint, wenn er «die anderen» glücklich nennt und ihnen in Matthäus 5, 3-11 Versprechungen macht. In vielen Predigten und Auslegungen finden wir die Gedanken, dass diese für «dermaleinst» sind, für das kommende Reich Gottes, für den Himmel, der für viele in so weiter Ferne zu sein scheint. Aber das «Später einmal», das auch mir viele Jahre im Kopf herum schwebte, hat für die Armen schon lange begonnen. Durch Gespräche mit ihnen habe ich gemerkt: nicht erst im Himmel, sondern schon jetzt erfüllen sich diese Versprechen tausendfach an jedem Tag.

Das deckt sich mit der Aussage Jesu, sein Reich sei schon angebrochen. Theologen beschreiben diese Spannung mit den Begriffen «jetzt schon, doch noch nicht»: Das Reich Gottes wirkt heute schon in unsere Welt, auch wenn es den gesamten Reichtum seiner Fülle noch nicht entwickelt hat.

«Ihr seid nicht allein!»

Was mir ins Auge gesprungen ist, als ich mich mit den Seligpreisungen beschäftigt habe, ist ihre zwischen den Zeilen stehende Grundaussage, die adressiert ist an die Armen und sich durch die ganze Bibel zieht: «Ihr seid nicht allein!»

Jesus ergreift Partei, obwohl er bei anderen Gelegenheiten deutlich macht, dass er für alle Menschen gekommen ist und sein Angebot allen gilt. Aber in seiner ersten grossen Rede stellt er klar: Die Armen (nicht nur «im Geist»), die Trauernden, die Demütigen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedensstifter, die Verfolgten und Geschmähten haben seine volle Aufmerksamkeit. Es handelt sich insofern um den «Triumph der Opfer», den die Seligpreisungen beschreiben – so jedenfalls drückt es der Theologe und Journalist Philipp Yancey in seinem Buch «Der unbekannte Jesus» aus.

Vielleicht müssen wir nur unseren Blickwinkel verändern, um das klarer zu sehen. Zwar leben wir heute im 21. Jahrhundert nach der Bergpredigt, doch sie ist immer noch aktuell, weil Jesus sie im Leben von Menschen zur unumstösslichen Wahrheit werden lässt. Die Armen haben etwas in mein Leben gebracht, das ich um nichts in der Welt wieder hergeben möchte: Lebensglück.

In Lukas 6, 20-22 gibt es eine verkürzte Form der «Rede auf dem Berg», die sich teilweise ein wenig anders darstellt als bei Matthäus. Im Wesentlichen trifft sie aber die exakt gleichen Aussagen. Schauen wir uns mal einige dieser Verheissungen etwas genauer an, während ich Ihnen davon berichte, was ich persönlich mit diesen Versprechen erlebt habe und wie mir der Sehendmacher meinen Blick geweitet hat: «Glücklich seid ihr Armen, denn euch gehört die neue Welt Gottes.»

Die Geschichte von Betty

Ich möchte Ihnen zunächst von Betty erzählen. Eigentlich heisst sie Bethelehem, lebt in Äthiopien und ist das erste Patenkind von Compassion Deutschland. Unsere eigenen Kinder haben damals die Patenschaft übernommen. Seitdem habe ich Betty mehrmals auf Reisen besucht und vor drei Jahren lernten unsere Zwillinge sie bei einem Patenbesuch ebenfalls live kennen. Damals lebte Betty auf sechs Quadratmetern in einer Einraumwohnung – gemeinsam mit ihrer Mutter, die uns erzählte:

«Betty sollte eigentlich nicht geboren werden. Die Ärzte sagten, das Risiko sei für mich und für sie zu gross. Aber ich hatte die Gewissheit, sie würde ein ganz besonderes Mädchen sein und dass Gott möchte, dass sie lebt. Und so entschied ich mich gegen den Rat der Ärzte und gab Gott ein Versprechen: Wenn Betty überlebt und gesund ist, dann soll sie eine besondere Frau werden. Und jetzt, wo sie ein Teenager ist, habe ich die Überzeugung, dass Gott es wahr machen wird.»

Ein Geschenk mit grossen Auswirkungen

Durch ein Familiengeschenk hatte meine Frau es ermöglicht, dass Bettys Mutter eine Ausbildung zur Näherin machen konnte. Stolz zeigte sie mir später einmal ihre Stickereien. Durch das Einkommen konnten sie in eine grössere Einraumwohnung mit zehn Quadratmetern umziehen.

Vor Kurzem hatten meine Frau und ich die grosse Freude, Betty und ihre Mutter noch einmal während einer Reise zu treffen. Und sie brachten ihren Pastor mit. Die Geschichte, die sie zu erzählen hatten, ist so unglaublich schön, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Betty, heute 18 Jahre, erzählte uns, dass sie bald die Schule beenden wird und anschliessend studieren möchte. Finanziert unter anderem durch das Gehalt ihrer Mutter. Meine erstaunte Frage, wie das denn gehen soll, beantwortete die Mutter mit dem Hinweis, sie habe jetzt eine feste Anstellung bei der Stadtverwaltung von Addis Abeba und nähe Kleidung für Waisenkinder.

Durch das Einkommen war es Betty und ihrer Mutter wenig später möglich, noch ein weiteres Mal umzuziehen. Sie wohnen jetzt in einer Wohnung mit zwei Zimmern. Betty studiert mittlerweile Soziologie und gibt in ihrer Gemeinde Bibelunterricht für Teenager.

Arme kümmern sich um ganz Arme

Es ist möglich, Menschen aus Armut zu befreien – auf eine sehr persönliche Art, die zudem direkten Einfluss auf andere hat. Gemeinden vor Ort, die seit vielen Jahren mit Compassion zusammenarbeiten und sich um viele arme Kinder kümmern, setz dabei nicht nur auf die Hilfe von aussen, sondern auch auf Gemeindemitglieder. Es sind Menschen, die selbst auch nicht gerade viel besitzen. Und dennoch geben sie von dem Wenigen, was sie haben, auch noch ab. Nicht nur in Addis Abeba verhält sich das so, sondern auch weltweit an vielen anderen Orten: Arme kümmern sich um die ganz Armen – und alle werden gesegnet.

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Länder der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 13.05.2026
Autor: Steve Volke
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

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