Sehschärfe – Auch Jesus brachte Licht
Als Jesus in einer abgewrackten, armen Behausung in Bethlehem geboren wurde, knipste Gott erst mal wieder das Licht an. Ein Stern sollte den Weg zum Retter der Welt weisen. Die ersten, die das wahrnahmen, waren nicht die Reichen und Bedeutsamen, sondern einige Hirten, die vielleicht in dieser Nacht noch nicht viel gegessen hatten und auch noch nicht so genau wussten, wo sie schlafen würden.
Licht! Bereits im Alten Testament hatten die Propheten verkündigt, Gott könnte die Finsternis in seiner Welt nicht mehr ertragen. Zum Beispiel Jesaja, der es so formulierte: «Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell» (Jesaja 9,1; LÜ). Und Zacharias, dem Vater von Johannes dem Täufer, war das sehr bewusst, als er sagte: «Gott vergibt uns, weil seine Barmherzigkeit so gross ist. Aus der Höhe kommt sein Licht zu uns. Dieses Licht wird allen Menschen leuchten, die in Nacht und Todesfurcht leben; es wird uns den Weg des Friedens führen.» (Lukas 1,78–79; Hfa).
Später wird Jesus von sich selbst sagen: «Ich bin das Licht der Welt» (Johannes 8,12; LÜ) und das für seine Nachfolger ebenfalls als Charakterzug festlegen: «Ihr seid das Licht der Welt» (Matthäus 5,14; LÜ). Doch bis dahin sollte noch etwas Zeit vergehen...
In Johannes 12,45 sagt Jesus: «Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat» (LÜ). Und etwas früher stellt er klar: «Ich und der Vater sind eins» (Johannes 10,30; LÜ) – wie der Vater so der Sohn. Wer also wissen möchte, wie Gott ist, der kommt an Jesus nicht vorbei. Er ist der Mann, der die Welt veränderte. Jesus fasziniert. Keine andere Person der Weltgeschichte hat es geschafft, die Menschen so in ihren Bann zu ziehen. Unzählige Bücher wurden über Jesus geschrieben, Lieder besingen ihn. In Tausenden Sprachen wird er angebetet – ein Zeichen für seine Besonderheit. Doch wie nahm noch alles gleich seinen Anfang?
In Armut geboren
Jesus wurde in Armut geboren. Unverschuldet verbrachte er die ersten Lebensmonate auf der Flucht. Später wuchs er in einer wirtschaftlich und sozial schwachen Region, fernab der pulsierenden Metropolen, in Galiläa auf. Er war ein Wanderprediger ohne eigenes Haus. Er reiste eher regional, sah weder Rom noch Athen. Geboren wurde er von einer einfachen Frau aus dem Volk in einem unbedeutenden Dorf. Später arbeitete er als Zimmermann in einer Kleinstadt, die nicht besonders angesehen war, was die Leute dazu verleitete, über seine Herkunft die Nase zu rümpfen: «Was soll aus Nazareth schon Gutes kommen?». Jesus hat keine Firma gegründet, nie ein Amt bekleidet, war nie Bürgermeister, Parteivorsitzender oder «Meister der Herzen». Nicht einmal eine eigene Familie hat er gegründet. Nichts, was grosse Persönlichkeiten der Geschichte ansonsten charakterisiert, zeichnet ihn aus. Nichts? Nicht ganz, denn da war diese eine «Kleinigkeit», die ihn bis heute zur Schlüsselfigur der Weltgeschichte macht: Er war und ist Gottes Sohn!
Was sagt uns das über Gott, wenn er seinen eigenen Sohn in Armut aufwachsen lässt? Wenn er seinen Sohn zuerst die Aufwartung armer, unbedeutender Hirten zuteilwerden lässt? Wenn er ihn in einem Stall das Licht der Welt erblicken lässt und sündigen Menschen erlaubt, ihm später das «Licht an einem Kreuz auszumachen»? – Was sagt uns all das über Gott?
Der amerikanische Aktivist und Pastor Jim Wallis bringt all diese Fragen auf den Punkt, als er einmal sagte: «Jesus war der Botschafter für einen völlig neuen Lebensweg, der von Beginn an darauf ausgerichtet war, die Welt zu verändern. Und er ruft Menschen dazu auf, dasselbe zu tun – und dabei bei sich selbst zu beginnen.» Was nichts anderes heisst, als dass Gottes Solidarität mit den Armen und Entrechteten so gross ist, dass er Jesus als Mensch «bei den Armen einziehen lässt» (Zitat: Tim Keller: Warum Gerechtigkeit?).
Er thematisierte die Benachteiligten
Genauso interessant wie seine erste Rede auf dem Berg, die er mit den Armen beginnt, war sein Credo, das er als Auftakt seines Dienstes in der Synagoge in Nazareth vorlas. Man hatte ihm die Schriftrollen des Propheten Jesaja gereicht. Jesus hätte alles Mögliche vorlesen können, aber er las Jesaja 61, 1-2 (GNB): «Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen. Denn der Herr hat mich gesalbt und dadurch bevollmächtigt, den Armen gute Nachricht zu bringen. Er hat mich gesandt, den Verzweifelten neuen Mut zu machen, den Gefangenen zu verkünden: »Ihr seid frei! Eure Fesseln werden gelöst!«
Kurz vor seiner Hinrichtung kommen Johannes dem Täufer grosse Zweifel, wem er mit seinem Leben den Weg gebahnt hat. Die Antwort, die seine Mitarbeiter ihm von Jesus überbringen, lässt seine aufgewühlte Seele kurz vor seinem Tod zur Ruhe kommen und vermittelt ihm die Gewissheit, das Richtige getan zu haben: «Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet» (Matthäus 11,4ff).
Einmal mehr macht dieser Bezug auf die Benachteiligten als Beweis für die Gottessohnschaft und als Kriterium, dass Jesus tatsächlich der verheissene Messias ist, den Herzschlag Gottes sehr deutlich: Gottes Herz schlägt für die Armen.
Das eigentliche Problem
Im Leben von Jesus sehen wir die gleiche DNA, die gleichen Charakterzüge, wie Gott im Alten Testament beschrieben wurde. Jesus kümmerte sich um die Schutzbedürftigen, sorgte für Gerechtigkeit, heilte Lahme, Blinde und sorgte gleichzeitig dafür, dass Menschen auch im übertragenen Sinne auf die Beine kamen und ihnen die Augen geöffnet wurden. Er brachte Licht in die Dunkelheit und fordert uns auf, ihm auch darin zu folgen (1. Johannes 1,5–7).
Sein Engagement für die Armen ganz grundsätzlich zu verstehen, ist notwendig, um wirklich erkennen zu können, was er uns über das Reich Gottes lehren möchte. Denn wissen Sie, was oft das grösste Problem der Armen ist? – In der Dunkelheit zu leben. Hütten von Armen haben kein Licht; sie sind zusammengeschustert aus unterwegs gefundenen Metallplatten und Plastikplanen. Viele sind notdürftig aus Drecklumpen und Lehm gebaut, oft ohne Fenster. Es findet kaum Licht hinein, was sich auch auf die seelische Verfassung der Armen auswirkt.
Dass es wieder hell wird, ist daher im doppelten Sinne notwendig. Zu viel Ausweglosigkeit bestimmt das Leben zu vieler Menschen auf dieser Welt. Sie haben keine Aussicht auf eine bessere Zukunft, auf Sicherheit, Würde oder Glück. Sie haben zwar funktionierende Augen, aber ihr Leben sieht trostlos und dunkel aus.
Nicht nur Worte, sondern Taten
Jesus selbst sprach nicht nur von einer besseren Zukunft, von Heilung und einem sinnvollen Leben; er handelte! Sein Ziel war, Menschen aus ihrer Blindheit herauszuführen, hinein ins Licht. Er ist der Sehendmacher! Jesus lebte ein radikales Leben vor, das von Liebe erhellt und durchflutet war. Selbst in Menschenmassen sah er den Einzelnen. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit. Zuerst sah er etwas, anschliessend handelte er. Er heilte Kranke, Blinde, erweckte Tote zu neuem Leben. Nebenbei sorgte er noch für einige hundert Liter köstlichster Auslese bei einer Hochzeit, trieb Dämonen aus, hielt Vorträge und lehrte eine Gruppe unverständiger Gefolgsleute. Mit Erzählungen, Beispielen und Gleichnissen erklärte er, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat, und wem es schwer fallen wird, dazuzugehören. Interessanterweise gehören zu dieser Gruppe niemals die Armen. Dem reichen Jüngling wird gesagt, dass es leichter ist, dass ein «Tau durch ein Nadelöhr» geht (manchmal übersetzt mit «Kamel»), als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt. So ein hartes Urteil trifft Jesus nicht über die arme Witwe, die ihr letztes Scherflein noch spendet. Im Gegenteil – sie wird uns als positives Beispiel vor Augen geführt.
Am Ende seines Lebens stellt Jesus noch einmal klar, dass er sich mit den Armen, Kranken, Verfolgten, Nackten, Durstigen, Gefangenen und Benachteiligten identifiziert. Der, in vielen Bibelübersetzungen mit dem Stichwort «Weltgericht» überschriebene, Text macht deutlich, dass irgendwann der Tag kommt, an dem nicht mehr beurteilt wird, was wir über Jesus gedacht haben, sondern wie wir gehandelt haben:
«,Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben; ich war krank und ihr habt mich versorgt; ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.‘ Dann werden die, die den Willen Gottes getan haben, fragen: ,Herr, wann sahen wir dich jemals hungrig und gaben dir zu essen? Oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann kamst du als Fremder zu uns und wir nahmen dich auf, oder nackt und wir gaben dir etwas anzuziehen? Wann warst du krank oder im Gefängnis und wir besuchten dich?‘ Dann wird der König antworten: ,Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.‘» (Matthäus 25, 31ff).
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 06.05.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»