Sozial wirksam

Am Weltklimagipfel in Brasilien - ein Erlebnisbericht

Besucher am Weltklimagipfel in Belém 2025
Projektmanagerin Svenja Akwaba ist mit anderen Christinnen und Christen zum Weltklimagipfel, der COP30, ins brasilianische Belém gereist. Hier tritt sie für die Schöpfung ein – und begegnet Menschen, der Natur und dem Schöpfer selbst.

Direkt nach meiner Ankunft in Belém bedeckte ein Schweissfilm bereits meine Haut. Den Menschen um mich herum ging es ähnlich, alle paar Minuten wurde der Schweiss aus den Augen gewischt, während die Sonne erbarmungslos auf die schwülwarme Stadt im Amazonas brannte. Auf dem Boot, auf dem ich mit 23 anderen Christinnen und Christen aus aller Welt untergebracht war, liefen die Klimaanlagen auf Hochtouren und füllten unsere Kojen mit müffelnder Luft. Hier ging es weniger um ein gutes Klima, sondern inzwischen um das kleinere Übel: müffelnde Luft oder unerträgliche Hitze.

Klimakonferenz als Pilgerort

Als Projektmanagerin des Projektes Blooming Desert, bei dem wir durch glaubensbasierte Ansätze sowohl Konflikte mit Wildtieren als auch Dürreperioden sowie Überflutungen im ländlichen Kenia reduzieren wollen, reiste ich zur Weltklimakonferenz in Brasilien und schloss mich einer christlichen Delegation an. Die erste Woche war bereits vergangen, als ich ankam, doch bahnte sich noch immer ein stetiger Strom Neuankömmlinge durch die Strassen an ihre Zielorte. Fast kam es mir vor wie eine Pilgerreise: Menschen kamen aus allen Himmelsrichtungen herbei, zu Fuss, mit dem Bus, mit Booten über die vielen Flüsse durch den Regenwald oder mit dem Flugzeug über die Baumwipfel. Es waren so viele Menschen, die sich oft mit sehr begrenzten Mitteln aufgemacht haben, um an diesem Ort ihre Stimme einzubringen, ihre Geschichten zu teilen, in eine gemeinsame Hoffnung einzustimmen und zu sagen: Wir sind viele.

Diese Pilgerreise fand bei der Klima-Demonstration ihren Höhepunkt. Angeblich hatten sich 70.000 Menschen eingefunden, die gemeinsam für eine lebenswerte Welt für alle auf die Strasse gingen. Es wurde getanzt und gesungen. Schweiss lief in Strömen, die Hitze wurde unerträglich, doch die Menschen blieben. Es wurde Wasser ausgeteilt und es gab frische Orangen für alle. Baptisten liefen neben der indigenen Bevölkerung, Musliminnen standen Schulter an Schulter mit Franziskanermönchen und Evangelikalen. Hier war der Glaube nichts Zweitrangiges, nicht kleingedruckt neben dem Hauptgeschehen des Alltags, sondern wurde auf T-Shirts, Flaggen und Bannern getragen als Fundament jeden Handelns. Hier waren der Einsatz für Klimagerechtigkeit und für eine bewohnbare Welt für alle kein links-grün versiffter Extremismus, sondern ein ganz natürlicher Teil der Nächstenliebe.

Die versteckte Perle

Ein wichtiger Bestandteil der Konferenz war die Perspektive der Indigenen

Jeden Morgen machten wir auf unserem Boot eine kleine Reflektionsrunde des bisherigen Geschehens, bekamen Einordnungen von Expertinnen und Experten und starteten den Tag mit einem Bibelimpuls. So ging es beispielsweise darum, dass das Reich Gottes eine versteckte Perle ist und wir unsere Augen nach der Perle aufhalten müssten. Und genau das tat ich während der COP30. Ich fand diese Perle, das Reich Gottes, in den riesigen Konferenzsälen. Mal in einem Lächeln. Mal im Ruheraum, wo ausgelaugte, emotional aufgewühlte, neurodivergente oder gläubige Menschen ihre Ruhe finden, durchatmen oder vor Gott kommen konnten. Ich fand die Perle im geteilten Schmerz von Überschwemmungsopfern verschiedenster Länder, die aus ihren Erfahrungen und dem jeweiligen Umgang neue Hoffnung schöpften. An einem Stand der Sikh-Religion unterhielt ich mich mit einem Sikh über den Einsatz verschiedener Religionen zu Gerechtigkeit und Frieden. Dieser meinte: «Glaube ist Glaube. Wenn wir anfangen, alles erklären zu wollen und zu erklären, was wir glauben sollen, verlieren wir ihn, den Glauben.» Vielleicht hat er recht, vielleicht sind wir zu verkopft, wollen unseren Glauben erklären können und verlieren dabei das Staunen, das Mysterium und die Liebe, die unserem Glauben zugrunde liegen, aus den Augen. Ich als Theologiestudentin, aber Verfechterin des Staunens, mit eingeschlossen.

Auch sah ich diese Perle in Plenen dort, wo auf gelangweilte Reden unbeteiligter Politikerinnen und Politiker emotionale Ausbrüche von betroffenen Menschen folgten. In viel zu wenigen Sitzungen haben Betroffene, über deren Zukunft dort abgestimmt wird, etwas zu sagen. Aber dort, wo sie es können, tun sie es mit vollem Einsatz. Indigene Frauen teilten ihren Schmerz über den Verlust ihres Zuhauses, ihrer Tradition, ja ihrer gesamten Existenz, die durch grosse Rodungen vernichtet wurde. Inselbewohnerinnen erzählten von ihrer grossen Sorge, ihre Häuser bald an den Ozean zu verlieren und Dorfbewohner vieler Länder schilderten von toxischen Auswirkungen, die Ölbohrungen auf ihre Familien hatten. Fast alle von ihnen hatten schon Familienmitglieder an die Ausbeutung und Katastrophen verloren. Immer lauter wurde dabei der Ruf nach einem Platz am Verhandlungstisch, um über ihre eigene Zukunft mitentscheiden zu können. Gleichzeitig ist die Angst allgegenwärtig, dass die betroffenen Menschen sonst auf der Speisekarte der Mächtigen stehen, wenn sie nicht selbst am Tisch sitzen dürfen.

Schmerz und Hoffnung

Als ich herkam, hatte ich einen Ort erwartet, an dem Dresscode und politische Distanz den Rahmen einer Konferenz vorgaben, die wahrscheinlich wieder scheitern würde und mich dafür gewappnet. Nicht zuletzt, weil die Medienberichte oft dieses frustrierende Bild der COP zeichnen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Hier fand ich mich inmitten eines globalen Hotspots wieder. Ein Hotspot der Geschichten. Ein Hotspot des Schmerzes, aber auch der Hoffnung von Menschen aus der ganzen Welt. Sowohl der Schmerz als auch die Hoffnung und immer wieder auch der Glaube treiben die Menschen an, weiterzumachen, gemeinsam. Und sich zur Not einen eigenen Tisch zu bauen, wenn sie an dem anderen nicht gewünscht sind. Ein Tisch der globalen Zusammenarbeit der Dörfer, Bäuerinnen, Organisationen, Familien, Fischer, Gläubigen, Kinder Gottes. Ein Tisch, der sich Mutirão nennt. Hier wurde meine Geschichte des globalen Klimadiskurses neu geschrieben. Und vielleicht ist es genau das, was hier am meisten zählt; dass Geschichten neu geschrieben werden, dass die Welt neu erfunden wird und neue Hoffnung die kleinen Aktionen und Initiativen auf der ganzen Welt befeuert, gerade wenn politische Abkommen mal wieder versagen.

Leben in Fülle

Auf einmal verstand ich auch Psalm 23 neu, in dem Gott uns einen Platz am Tisch im Angesicht unserer Feinde verspricht. Im Angesicht, auf Augenhöhe mit den grossen Entscheidungsträgern dieser Welt. Und ich fühle mich eingeladen, wie Jesus all diese Tische umzuwerfen, die ausgrenzen und über andere hinweg entscheiden.

Während meiner Zeit in Belém streifte ich am freien Tag stundenlang durch die Ausläufer des Regenwaldes. Ja, es ist ein sehr heisser Ort, doch im Wald herrscht ein anderes Klima, feucht, aber erträglich. Hier herrscht das Leben in Fülle: Vögel, Insekten und Affen bringen die Luft mit ihren Gesängen zum Klingen. Etliche Baumarten wachsen umeinandergewunden in schwindelerregende Höhe und das dichte, sattgrüne Blattwerk schirmt das grelle Sonnenlicht vom fruchtbaren Boden ab. Vor mir hangelte sich ein Faultier in aller Ruhe von einem Ast zum nächsten.

Wie so viele Orte der Welt ist auch Belém im Wandel. Doch genau hier im Wald sind noch so viele Geheimnisse verborgen, die nicht nur nachhaltige Lösungsansätze vorleben, sondern auch ein Leben in Fülle versprechen. Auch dieser Ort ist Teil der vielen Geschichten, die hier zu einem Hotspot zusammenlaufen: er erzählt von Gottes sehr guter Schöpfung, von seiner Güte, Kreativität und Majestät. Aber er erzählt auch von einem Leben in Fülle, das für Menschen als abhängiger Teil der restlichen Schöpfung möglich ist.

Zur Autorin: Svenja Akwaba ist Gründerin und Leiterin des Projektes Blooming Desert mit dem Ziel, gemeinsam mit ländlichen Gemeinden in Kenia aus dem christlichen Glauben heraus Dürre und Überschwemmungen entgegenzuwirken und Konflikte mit Wildtieren zu reduzieren. Sie lebt mit ihrem Mann zwischen Deutschland und Kenia und beendet momentan einen Master in Systematischer Theologie.

Datum: 05.05.2026
Autor: Svenja Akwaba
Quelle: Magazin andersLeben 01/2026, SCM Bundes-Verlag

Werbung
Livenet Service
Werbung